17 - 07 - 2018

Friedrich Rückert (1788 - 1866)
Durchmessen habt ihr

Durchmessen habt ihr längst Gebirg und Wogen
Mit Wanderschritt und mit des Schiffes Kiele;
Nur noch gekommen seid ihr nicht zum Ziele,
Wo auf der Erde steht der Himmelsbogen!

Ihr habt dem Vogel auch sein Recht entzogen,
Den angebornen Vorzug seiner Kiele
Und fliegt wie er; wenn es euch nur gefiele,
Ihr hättet schon das Paradies erflogen!

Ihr habt entwaffnet selbst des Himmels Waffen,
Den Blitz habt ihr durch eure Kunst gebunden,
Daß er nicht mehr euch treffen kann, die Spötter!

Ihr habt, um selbst dafür euch hinzuraffen,
Den irdischen Blitz und Donner euch erfunden,
Und haltet ihr euch denn noch nicht für Götter?

Reinhard Rakow
Osterspaziergang II

Brandgeruch aus den Fugen
Verkohlter Choräle
Der Schwarznebelamsel
Vielglockengeläut

Und gehen...
Einen Deich entlang gehen
Mit Dornenkrone
O Haupt
Das die Eingeschlossenen
Schützt vor denen
Dahinter vor
Blut und Wunden

Am Morgen
Verlieren wir uns
Im Amselnebel
Weiter du vorne
Schrumpfst du
Allmählich
Auf meiner Iris
Ein gelblicher Fleck
Ohne Wurzel im
Gallenged#chtnis
Osterglockenged#chtnis
Weit vorn...

Sehr weit vorne
War sie gekommen
Die liebliche Zeit...

Und nahm den Kreuzweg
Aus Morgenstunden
Nach der Abnahme
Verdunkelnd
Vergnügliche Botschaft
Vor zartestem Grün.

2006

Reinhard Rakow

osterspaziergang

gespräch mit scheinfremden,
ostergrüße ins all der belanglosigkeiten, die luft
riecht schwach noch nach kaltem rauch
ihr echo autistisch
im draht.
ein schmutziger hof. zerbrochenes pflaster,
ein zweig, den der sturm
der birke entriss, und kein mensch
auf den wegen...
man stolpert,
am horizont golgathawolken,
die nächtlichen wässer voran.
wo nur die zeit blieb?
im maul der geschmack
von judas´ kuss...

die mir anbefohlen: schützte ich sie?
und die mich liebten: liebte ich wider?
und meine brüder: hab´ ich sie behütet?
bitter die erde, ihr klang
unter kreuzschweren schritten, der last
meiner schwäche, der schuld.
essig zum trinken wünschte ich mir...
peitschenschläg´ auf den rücken
hätt ich verdienet...

die priester der leere
zelebrieren ihr hochamt. würdig
segnen sie unser scheinen,
wissend um unser fremdsein
treten sie in den schatten,
auf verschollenen straßen
den nächtlichen wässern
entgegen.

2004

Georg Büchner (1813 - 1837)
Der Hessische Landbote
Erste Botschaft

Darmstadt, im Juli 1834
Vorbericht

Dieses Blatt soll dem hessischen Lande
die Wahrheit melden,
aber wer die Wahrheit sagt, wird gehenkt,
ja sogar der, welcher die Wahrheit liest,
wird durch meineidige Richter vielleicht gestraft.
Darum haben die, welchen dies Blatt zukommt,
folgendes zu beobachten:

Sie müssen das Blatt sorgfältig
außerhalb ihres Hauses
vor der Polizei verwahren;

sie dürfen es nur an treue Freunde mitteilen;
denen, welche sie nicht trauen, wie sich selbst,
dürfen sie es nur heimlich hinterlegen;

würde das Blatt dennoch
bei Einem gefunden, der es gelesen hat,
so muß er gestehen, daß er es eben
dem Kreisrat habe bringen wollen;

wer das Blatt nicht gelesen hat,
wenn man es bei ihm findet,
der ist natürlich ohne Schuld.

Friede den Hütten! Krieg den Palästen!

Im Jahr 1834 sieht es aus, als würde die Bibel Lügen gestraft.
Es sieht aus, als hätte Gott die Bauern und Handwerker
am 5ten Tage,
und die Fürsten und Vornehmen am 6ten gemacht,
und als hätte der Herr zu diesen gesagt:

Herrschet über alles Getier, das auf Erden kriecht,
und hätte die Bauern und Bürger zum Gewürm gezählt.

Das Leben der Vornehmen ist ein langer Sonntag,
sie wohnen in schönen Häusern,
sie tragen zierliche Kleider,
sie haben feiste Gesichter
und reden eine eigne Sprache;

das Volk aber liegt vor ihnen wie Dünger auf dem Acker.
Der Bauer geht hinter dem Pflug
und treibt ihn mit den Ochsen am Pflug,
er nimmt das Korn und läßt ihm die Stoppeln.

Das Leben des Bauern ist ein langer Werktag;
Fremde verzehren seine Äcker vor seinen Augen,
sein Leib ist eine Schwiele,
sein Schweiß ist das Salz
auf dem Tische des Vornehmen.

Reinhard Rakow
Alte Fabrik


Der Asphalt ruht wie toter Ratten Fell.
Wehrlos, von kalten Schauern gesegnet,
War er seinem Schlächter, der Öde, begegnet
Die ihn schlaff, ausgeweidet, schmiss übers Gestell.

Verfaulte Disteln neigen die Köpfe.
Brennesseln, Schluff, Schnapsflaschen, Altpapier,
Öldosen, Kondome, das ganze Geschmier
Füllt Hallen an, wo der Verderbnis Geschöpfe,

Lackschwarze Raben, hacken in Aas.
Krebsgift, Rost und Salpeter nehmen zum Fraß
Sich Decken und Wände, die Leckwasser weinen.

Der Gott der Endzeit wird alles einen:
Die Reste der Menschen, Tiere, Maschinen,
Ihre Skelette, das "Ach" der Ruinen.

Gertrud Kolmar (1894 - 1943)

Das große Feuerwerk

Das große Feuerwerk ist nun verpufft.
Und, tausend losgespritzte Fünkchen, hängen
Noch kleine Sterne in des Dunkels Fängen.
Die Nacht ist lang.

Ich lehn' am Baum und sinn' am Himmel hin
Und sehe wieder dünnen Sprühgoldregen
Dem Teich enttanzen, sich vertropfend legen.
Die Nacht ist lang.

Weiß ist mein Hut, mein Kleid ist leicht; mich friert.
Bleich blühten Chrysantemen ob den Wellen,
Zerrieselten in sieben ros'ge Quellen.
Die Nacht ist lang.

Ich such' die Bank und warte, hart geduckt.
Es duckte sich die Schlange, pfiff im Sprunge
Und zischte rasend auf mit glüher Zunge.
Die Nacht ist lang.

Ich wärme meine starren Hände nicht.
Aus Schwarz und Schimmer stieg ein Palmenfächer,
Der zückte Silberspeere auf die Dächer.
Die Nacht ist lang.

Mein Auge schläfert, aber unterm Lid
Kreist noch das Sonnenrad mit leisem Singen,
Und grüne Ringe gehn aus roten Ringen.
Die Nacht ist lang.

Das große Feuerwerk ist längst verpufft.
Zwölf Schläge tut es irgendwo im Weiten -
Ich geh' wohl heim, weil so die Füße schreiten.
Du kommst nicht mehr.

Reinhard Rakow
april-sarabande

das waren wochen wendischer wetter
fetter schneeflocken knallender sonnen
blitze blutigen regens juckender
häute führers geburtstag
und der eines sohnes

sag dass das nicht wahr ist
wollte sie wissen
doch
    zu ostern chromatische reibung
produkt einer langschenkel

chitaronne in zehn jahren
sag! lachen wir drüber
wollte sie wissen draußen
blühn die forsythien nun

fiel die nacht —

Reinhard Rakow
Drei Briefe an meinen Sohn,

das liebe kleine
Einsdreiundneunzig-Kind


Erster Brief


Söhnlein,

Daß Du, drei Tage über der Zeit geboren,
blaugefärbt von der Nabelschnur stranguliert, noch lebloser als Deine Mutter,
nicht schriest, sondern, erst mit Gewalt zum Atmen gezwungen,
Deine großen Füße zu Deinem großen Kopf löffeltest,
um, die Augen geschlossen, friedlich zu schlafen,
im Antlitz die Gewißheit, jetzt sei alles gut, mit grenzlosem Vertrauen,
das machte, daß ich rasend Dich liebte,

ebenso wie Deine Begeisterung für Dreck,
der gerade Dir reizend stand, wie für ehrliche Arbeit mit Deinen großen Händen,
wodurch sich traf, daß Du das Ausheben von Höhlen schätzest,
Höhlen, die trotz Bodens Härte Du auf eigenen Körpers Größe aushobst,
Dir ein Nest zu bauen, zugleich Deine Zuflucht
vor zum Beispiel der Schwester, derer Du Dich damals
mit Worten zu erwehren nicht vermochtest,
das macht, daß ich Dich liebe,

und Deine Schwäche für Schwache, die Bereitschaft
zu helfen: den Kumpels und Mädels Ranzen zu tragen,
Deiner Mutter Lasten, schwerer als Du selbst, abzunehmen,
mir, wann immer ich nicht klar kam,
und das war
schon damals nicht selten. Zweiter Brief

Sohn,

der Du mich überragst um zwei Haupteslängen, um Unzen
an Kraft, da meine Füße die Innenseiten Deiner Schuhe nicht berühren,
Du schneller, stärker, lauter bist,
von weicherer Haut und härterem Glied, dir alle Zeit und Freiheit nimmst
mit selbstverständlichem Unbekümmern, das so nie wiederkehrt,
bin ich auf der Suche nach der verlorenen Zeit,
sehe Dich in der Blüte, zu der ich Dich begleiten wollte

aber nicht tat. Erste Falten verharren nach Lachen auf
Deinem Gesicht, das länger wird, weil Haare beidseits der Mitte nun fehlen,
Deine Unverschämtheiten, Deine spontanen Schellschüsse, Dein Charme
werden allmählich beordnet durch ausbremsendes Denken, so
über die rechte Formulierung, sie sei geschliffen wie akrobatisch, so
über Etikette, so über Politik, bist mir ins Konservative entwachsen,
hätte öfter mit dir reden sollen,

tat´s aber nicht. Dritter Brief

Sohn, Mann,

wiewohl Du alles selber weißt und, was nicht, selber erkennen willst,
da ich der letzte bin, der Weisheiten mit großem Löffel gefressen zu haben beansprucht,
und das Recht auf eigene Fehler glühend zu verfechten nicht müde werde,
was mir, um Dich zu bewahren, am Herzen liegt: Erkenne,
daß Dein Leben Dir geschenkt ist, was heißt,
Du darfst es nie wegschmeißen, aufgeben, und:
Daß Du nur ein Leben hast, was meint, Du mußt gut sein zu ihm,
Deine Seele und Deinen Körper behüten vor Schaden,

pfeife auf Extreme, Last wie Lust, wenigstens dosiere sie wie Gift,
denn Dein Körper ist nachtragend wie ein Elefant und rächt sich, auch spät.
Mißtrau der Chemie. Höre bei Problemen wenigstens einen Weißkittel zusätzlich. Dann:
Daß Selbstverleugnung Gift ist, Du also besser nichts tun kannst als Arsch zu kriechen.
Ergreife keinen Beruf, in dem Du Dich nicht findest. Und:
Daß der Mensch einen Menschen zum Reden braucht.
Suche Dir, mit wem Du über alles reden kannst.

Zuletzt: Daß kleine Mädchen nur so lange so schön bleiben wie sie klein sind.
Schau dir ihre Eltern an, die Äpfel fallen nicht weit von den Stuten.
Verschwende keinen Tag auf eine,
der Du Dich über- oder unterlegen auch nur ahnst.
Wann immer Du Verachtung fühlst, gleich aus welcher Richtung,
oder klebrig Langeweile euch einzuspinnen sich anschickt:
Mach Schluß, sofort.

Und wenn ihr Kinder haben wollt und könnt: Nimm Dir Deine Zeit
und schenke sie ihnen. Sei ihnen
ein besserer Vater als ich Dir es zu sein versäumt habe.

Gertrud Kolmar (1894 - 1943)

Liebende

Ihre Leiber standen in den Abendschatten licht,
Schmal und hoch, von schimmerloser Bleiche:
Blütenzweig, den Lieb für Liebe bricht,
Wind gewiegt und Tau geküßt am Teiche.

Stern um Stern kroch übers Dach sie anzusehen,
Und die Schar der zarten Wolkenlämmer
Flockte zögernder in lindem Wehn:
Ihre Leiber standen licht im Dämmer.

War das Eine kurzen Weg hinab geeilt,
Riefs das Andere um mit stillem Schaun;
Feiner Falterflügel, zwiegeteilt,
Schleierblaß, verwuchsen sie im Grauen.

Leise, wie ein Stückchen leichter Tag,
Sind sie dann in Nacht und Gras gegangen. -
Und die braunen Hasen im Verschlag
Äugten wundernd durch die Gitterstangen.

Reinhard Rakow
Verortung, A7 (unter uns)                        

Zeitrafferlandschaft
Im Wagen bei Hundertfünfzig
Die Wälder neben uns Flecken
Kohlschwarzbraune Flecken auf
Nachfedernd hügligen Wellen.
Nachbilder. Nachgeschmack
Von Kruppstahl und steinerner Kohle
Pulversalven-Aromen
Kettengerassel
Neben uns
Deutscher Wald
Deutsche Krume
Deutscher Boden
Unter uns, dem Führer geweiht
Wogt in braunen Wellen mit
Macht uns entgegen bei Hundertfünfzig
Rollen die Räder und alles
Sieg Heil Dir mein Führer
Ist Landschaft Zement und Asphalt
Stoßfugen, Schwellen und Brücken
Und alles, Unter uns:
Für den Endsieg
Waffenschmieden, die Lager
Kriegswichtige Güter
Fabriken, die Lager
Panzer, Kübel-, Volkswagen
Heil Führer, ich küsse
Ich lecke dir deine
Staublederstiefel, den
Matt aschenen Staub grau
Fetthaltige Schwebchen küsste das Antlitz
Der Autobahnen nach Buchenwald
Dachau Mauthausen Hadamar und
Richtung Auschwitz
Heimaterde Blut Boden
Blut- und knochengetränkt
Unter uns, bei Hundertfünfzig
In weiten langen Autobahnwellen
Donauwellen du schöner
O du Westerwald von der Mars
Bis an die Memel und alles
Ist Landschaft in mir.

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