18 - 02 - 2018

Holzschlachten

Nun ist Köhler, obgleich moralisch und von Amts wegen zu Mäßigung, Ausgleich und Würde wie dazu verpflichtet, ein Vorbild in Bedacht und Nachdenklichkeit abzugeben, kein Gustav Heinemann, der auf die Frage, ob er sein Land liebe, antwortete, lieben, lieben täte er seine Frau; nein, Merkels Wunschpräsident ist angetreten mit öffentlich zur Schau getragener nationaler Zunge, und die sprach: Ich liebe mein Land, Gott möge es segnen. — Von wem anders als den Intellektuellen, den kleinen wie den großen, wäre also Besinnung im Angesicht des Nationalwahns zu erwarten? Doch, es gibt Beispiele, dass es wohl auch noch anders geht. Josef Bierbichler etwa, von Haus aus bajuwarisches Urviech, gelernter Gastwirt, späterhin Schauspieler und in dieser Eigenschaft der Lieblingsdarsteller von Franz Xaver Kroetz, dieser Bierbichler hat ein Stück erfunden und gespielt, am Deutschen Schauspielhaus in Berlin, da also, wos richtig weh tut, das unter anderem aus Interview-Äußerungen des Mengele-Vertreters Münch besteht, eines Arztes, der bis zuletzt meinte, alles was er Menschen angetan habe an Menschenversuchen sei in keiner Weise zu beanstanden, es habe der Wissenschaft gedient und also der Menschheit, weil, Was glauben denn Sie?, Da waren Versuche nötig, Versuche zugunsten der Medizin, die wären sonst nur an Kaninchen möglich gewesen! Und dazu spaltet er mit der großen Axt Stämme zu Kleinholz, „Holzschlachten" nennt er das Stück und verweist auf Heiner Müller, der einmal meinte, Auschwitz sei nichts als eine Einübung auf kommende Selektionsmechanismen gewesen für später, wenns eng wird auf dem Globus. Im üblichen Vor-Premerien-Interview für Deutschlandfunk/ Deutschlandradio merkt er an, wie gräßlich er den weltmeisterschaftsseligen Hurrapatriotismus finde. Er habe große Schwierigkeiten mit dem Fahnenschwenken schon, weil jeder Patriotismus etliches an Aggressivität beinhalte. Außerdem sei es ein Unterschied, ob ein Brasilianer seine Landesfahne schwenke oder ein Deutscher: Bei unserer Geschichte sogar ein gewaltiger Unterschied. — Und was geschieht? Im Vorspann zur Sendung mokiert sich der Moderator süffisant über die armen, alten lust- und freude-unfähigen Spätachtundsechziger-Säcke, denen nichts recht zu machen sei und die an allem was rum zu mäkeln hätten, sogar an ein bißchen Fahneschwenken und Deutschland-Gerufe. Zur selben Zeit verteidigt Verteidigungsminister Jung Deutschland mit der Bundeswehr wieder mal am Hindukusch (mit dem weltweit größten Feldlager außerhalb Deutschland) und am Kongo, ist er sich mit Schäuble darüber einig, dass der Einsatz der Bundeswehr im Inneren auch ohne vorherige Änderung des Grundgesetzes weiter ausgedehnt werden könne, diskutiert Schäuble mit seinen Amtskollegen über Internierungslager für Schwarzafrikaner an Europas Außengrenzen, verweist er stolz auf die sinkende Zahl von Asylanten in Deutschland, am deutschen Wesen / soll die Welt genesen. Wird kommen die Zeit, da wetzt man wieder die Waffen, plündert Andersartige oder wirft sie am besten gleich zurück ins Meer, und alle dröhnen im Brustton der Überzeugung, Das steht uns zu, das bißchen Normalität: Alles nur deutsch, alles echt easy, alles normal.

Juni 2006