11 - 12 - 2018

Schimmel

Schimmel


Novemberautobahn. Stundenlang, jahrelang. Wie lange ist es her, dass sie die Grenze geöffnet haben? Kurz hinter Hamburg das ehemalige Ende der westlichen Welt. Gigameter schnurgeradeaus. Im Nebel verschwimmen dir rote Punkte oder weiße, andere kommen näher, verschwinden wieder, lösen sich auf. Die Hand vor den Augen kaum zu erkennen. Auf der Berme rechts streckt ein auf der Seite liegender Lkw seine Reifen ins wattene Nichts. Dann und wann eine dunkle Lotrechte. Leuchtmasten, verfallende Wachtürme. Wuchernder Schimmel, Steinfraß, einstürzende Altbauten.

Plakatwände. Plakate auf Mauerwerk, auf Bretterzäunen, auf Litfaßsäulen. Schicht auf Schicht: Kleister, Papier, Graffitireste. Vorzeitig Aufgeweichtes, Schnitte, Weggerissenes, Geflicktes, Überklebtes, Abgekratztes. Gerade an- oder schief zusammengesetzt. Unvollständig gestückelt. Gerissenes Mosaik. Reste eines fratzenhaft übergroßen Politikerlächelns neben gleich großem Hennes-und-Mauritz-Fleisch. Die Ecke links oben lose, der Wind kann dahinter fassen. Der nächste Regen kommt bestimmt.

Putzwand. Viellagiger Putz aus unterschiedlich gekörntem Mörtel auf schlecht behauenen Sandsteinquadern, salpeterweiß blühend. Wo die Wunden am tiefsten sind, hatte man versucht, kleine Steine herauszubrechen; im Laufe der Zeit dann Narben durch genügsame Gräser, deren Wurzeln schon mit der Feuchte zufrieden sind, die in die obersten Verwitterungsschichten dringt. An anderen Stellen sind die Löcher nicht so tief. Hier hatte der Salpeter den Putz unterwandert und großflächig so weit unterhöhlt, bis er sich beim nächsten Temperatursturz die ersten Risse holte. Meist sind die Übergänge fließend, ohne die unteren Schichten zu treffen. Jede Schicht von anderer Farbigkeit, die beige, die grau, die grünlich-weiß, jene eher fleischfarben; jede andersartig vom Material her und der Weise der Zersetzung. Keine Schicht, die nicht als Zeichenträger gedient hätte, zum Malen von Bildern, als Untergrund für Autolackspray, Träger von Nachrichten, bleistiftgemalt oder nagelgeritzt. Verwitterung, wohin dein Auge fällt. Kein Zeichen, das vollständig erhalten wäre.

Der Schimmel auf der Schokolade. Der Schimmel an der Steinmauer, der in der Tonerde, der auf dem faulenden Holz. Erst ein zwei Punkte, Mücken gleich, die sommerflüchtig das Auge kreuzen, dann mehrere Masern, schließlich wie von einer Airbrushpistole getroffen. Flächenhaft, erst außen, von dort in die Substanz dringend.

Untergang hat seine Struktur und seinen Stil. Als eigenständige Dimensionen. Wer einmal den Faltenwürfen auf pergamentener Haut beobachtet, Rißlabyrinthe auf alternder Lasur verfolgt, Schimmelpilzgeflechte im Elektronenmikroskop wahrgenommen hat, weiß das.

Hat Pollock Pilzgeflechte gemalt?

Abzugrenzen gilt es: den Untergang des einen als Beginn des anderen, die Methode Waldbild, also das Prinzip des ewigen Kreislaufes von Licht und Schatten, Gut und Böse, Alt und Neu. Und andererseits den Untergang qua Zerstörung, Zerstörung des Bildes: nicht nach Methode Schumacher, die ist eher waldbildnerisch, sondern a la Fontana oder de Saint-Phalle. Eine Leinwand aufzuschlitzen, ein Bild zu zerschießen, das sind Akte der Gewalt, die einmalig gesetzt werden und ihre Berechtigung und Wertigkeit aus der Einmaligkeit beziehen. (Wenn auch, wie jede perverse Handlung, der eruptive Akt über sich selbst auf seine Ursachen und die ihn tragende Entwicklungsgeschichte hinausweisen will. Es ist wie beim Säbelschmiß ins Gesicht oder dem Steinwurf ins Schaufensterglas, beides in erster Linie von therapeutischem und mit Glück von ästhetischem Wert.)

Die Rede ist von Nature morte als philosophischem und ästhetischem Prinzip: Die Erkenntnis der, das Bekenntnis zur Vergänglichkeit. Untergang ist, auch wenn wir ihn nicht wahrhaben wollen, allgegenwärtig. Er ist um uns, in uns. Allmähliches Verstummen. Deine tägliche Angst. Deine Alpträume. Phantasmagorien von Endlichkeit. Die Rede ist von Zerfallsprozessen und ihrer Wahrnehmung. Von Morbidität wie von Geborgenheit der Morbidität, Todesangst wie -sehnsucht. Auch von Lust am Untergang. Lust, sich in der Lust am Untergang zu suhlen. Darf man das (darstellen)? Wo liegt die Grenze zwischen Existenzialismus und Exhibitionismus? Ästhetik des Verfalls. Kunst als Prozess. Prozesskunst.

Das Leben ist kitschiger als jedes Rührstück, die Realität ätzender als jede Satire. Alle Kunst ist in der Realität. Du läufst ihr sowieso nicht davon.

(1990)