18 - 08 - 2018

Atemlos

Atemlos zu sein ist voll im Trend, besonders wenn die Atemlosigkeit auch von der Artikulation Besitz ergreift. Schriftsteller, die den Unterschied zwischen Haupt- und Nebensatz nicht kennen, sind echt in. Wer spricht, wie sich ein Maschinengewehr anhört, darf sich des Feuilletonlobs, eine aufregend coole Sprache zu pflegen, gewiß sein. Der häufige Gebrauch von Punkten oder Ausrufezeichen, gar von Worten wie "krass", "korrekt", "ey" oder "wow" verhilft zu konkreten Aussichten auf die Verleihung eines Literaturpreises. Peter Handke hat kürzlich einer Erzählung die Warnung vor Sätzen von mehr als einer Zeilen Länge eingebaut: "Vorsicht Langsatz!". Das "Tolle" an einem Film wie "Lola rennt" war weniger der Plot, noch weniger die Idee, ihn ein paarmal abzuwandeln, sondern jenes "junge", "erfrischende", "unerhörte", "atemberaubende", "abgefahrene" Tempo. Actionkino ist ja so geil. Tack tack tack, da platzt eine Bombe, da ein Kopf, dort explodiert ein Schulbus, vollbesetzt, logo. Cool, ey, und erst, daß die Kasse stimmt! Im Spiegel stand zu lesen, die Bildfolge in "Praxis Bülowbogen" sei im Vergleich zu den Anfängen revolutionär vervielfacht worden; pro Sendung sieht man jetzt das Zehnfache an Szenen. Oder das Zwanzig- oder Dreißigfache, egal, Hauptsache, jeder Lidschlag bringt was Neues, wie beim Computerspiel, Tempo, Tempo, das übt, das schleift. Nur nicht anhalten: je mehr angeboten wird, desto weniger bleibt hängen. Je höher das Angebot an Verwirrung, desto seltener wird an- oder zu Ende oder überhaupt gedacht. Quickie und Interruptio als soziologische Metapher, bitte nichts auf Dauer und nichts zum Ende zu kommen. Die Entwicklung überschlägt sich, hechelt ständig hinter ihrer Zukunft her, wohl wissend, daß die immer schon wieder vorbei ist, kaum daß sie wahrgenommen wurde. Anfang der Neunziger habe ich meinen ersten PC gekauft, 286er mit 624 kB RAM, 20 MB Festplatte, um mit ihm Texte zu verarbeiten. Jetzt sitze ich an einem Pentium mit 64 MB RAM und 4 GB Festplatte und die Texte auf dem Bildschirm bestehen immer noch aus Buchstaben. Sohnemann "braucht" zu Weihnachten unbedingt den P III mit mindestens 500 Megahertz und 120 GB Festplatte.

Der Punkt, an dem die Verkürzung der Informationsübermittlung durch die Aussicht auf qualitative Verbesserungen dessen, wozu Informationen verwertet werden könnten, zu rechtfertigen gewesen wäre, ist längst überschritten, die hektische Atemlosigkeit manipuliert. Was allein zählen soll, ist die Fähigkeit to play the game. Wer der Schein-Infantilisierung dieser Kultur nicht gewachsen ist, sich den Spielregeln verschließt - Alte, Arme, Altmodische - fällt raus, wird abgeschossen. Zu langsam, Pech gehabt, no more lifes to live, game over. Wir sind nichts als virtuelle Gestalten in einem Computerspiel, und vor der Playstation am Joystick hocken die Global Players.

 

sonett nr. 6
("in zeiten wie diesen")


in zeiten wie diesen ist tempo gefragt
es eilen die daten die bilder die worte
pulsierend im mega giga stakkato-takt
galloppiert der mainstream blitzgleich in orte

an fremden enden der welt dort zu beglücken
etwa neger beim verbrennen von kuhfladen
oder siegkrieger die reißen zu stücken
stadt land haus vieh mensch auf daß unser gnaden

ja was zu glotzen habe in der tagesschau
auf die dann - switch - ein tor folgt aus brasilien
oder - switch - der dollarkurs oder ein stau
( jetzt langsam) mit ein paar toten familien-

vätern und -müttern. was aber keinen wirklich pexiert.
genau wie die frage: wer dabei gewinnt. wer verliert.


1999