18 - 02 - 2018

Jegliches hat seine Zeit

Lieber Reinhard, nach fünf Wochen Abstinenz genieße ich nun wieder "Haus und Hof". Mein Lieblingsfrosch scheint vom Graureiher verzehrt worden zu sein, desgleichen etliche andere Frösche... Aber das ist es wohl, was im alttestamentlichen Kohelet (Prediger) steht:

Ein jegliches hat seine Zeit, und alles Vorhaben unter dem Himmel hat seine Stunde:
geboren werden hat seine Zeit, sterben hat seine Zeit;
pflanzen hat seine Zeit, ausreißen, was gepflanzt ist, hat seine Zeit; töten hat seine Zeit, heilen hat seine Zeit;
abbrechen hat seine Zeit, bauen hat seine Zeit;
weinen hat seine Zeit, lachen hat seine Zeit;
klagen hat seine Zeit, tanzen hat seine Zeit;
Steine wegwerfen hat seine Zeit, Steine sammeln hat seine Zeit;
herzen hat seine Zeit, aufhören zu herzen hat seine Zeit;
suchen hat seine Zeit, verlieren hat seine Zeit;
behalten hat seine Zeit, wegwerfen hat seine Zeit;
zerreißen hat seine Zeit, zunähen hat seine Zeit;
schweigen hat seine Zeit, reden hat seine Zeit;
lieben hat seine Zeit, hassen hat seine Zeit;
Streit hat seine Zeit, Friede hat seine Zeit.

Man mühe sich ab, wie man will, so hat man keinen Gewinn davon. Ich
sah die Arbeit, die Gott den Menschen gegeben hat, daß sie sich damit plagen. Er hat alles schön gemacht zu seiner Zeit, auch hat er die Ewigkeit in ihr Herz gelegt; nur daß der Mensch nicht ergründen kann das Werk, das Gott tut, weder Anfang noch Ende

Herzliche Grüße von Haus zu Haus, von Hof zu Hof sagt der Heimgekehrte.

Mit Manfred telefoniert. Er rief an nach langer Zeit. Klang aufgeräumter als die letzten Male, da ich dachte, es hallt schon empor aus der Gruft. Ich feiere heute Geburtstag, sagt er, Aha, erwidere ich, denn mir schwant, wohin das Gespräch sich entwickelt. Zum dritten Mal, fügt er an, Vor genau 18 Monaten haben die Ärzte mir noch sechs Monate gegeben, und die sechs Monate habe ich heute drei Mal rum. Wie es ihm dabei gehe? Gut. Sehr gut. Er hatte Morphium abgesetzt in der Zwischenzeit, das war nicht so der Bringer, aber jetzt... 20 Milligramm, er fühlt sich prächtig, keine Schmerzen, leuchtvolle Kinder, was wolle er mehr? Die Große hat eben ihr Abi gemacht, die Kleine ist nächstes Jahr dran, Er darf sie als Erster betanzen beim Abi-Ball, darauf besteht sie, ist das nicht schön? Man hat seine Pflegestufe um eine heraufgesetzt im Widerspruchsverfahren, das gibt eine feine Nachzahlung, die reicht für ihr Ballkeid. Woher er die Kraft nimmt? Na, eben daraus. Immer wenn ich gleichgültig werde, wenn ich merke, dass mir alles egal ist, dann führe ich ein ernsthaftes Gespräch mit meinem Tod. So geht das aber nicht, sag ich ihm dann, dass du mich so durchhängen lässt, Ich hab noch so viel zu tun, verstehst du? Und bisher ist es mir immer wieder gelungen, daraus Kraft zu schöpfen, gestärkt hervorzugehen aus diesen Gesprächen.

August 2008

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