11 - 12 - 2018

Bettina Khano

Auf die Idee muss man erst mal kommen: das Glänzen eines Smaragds zu vergleichen mit dem von nassem Kopfsteinpflaster, das von Seide mit dem von Plastikfolie. Hans Magnus Enzensberger hat darüber ein gescheites Gedicht mit dem Titel "Reflexion" verfasst, nachzulesen im Band "Rebus", Bilderrätsel. Wetten, dass der große Schräg- und Schöngeist an "Bettina Khano", der aktuellen Schau im Oldenburger Kunstverein, seine helle Freude hätte?

Denn Bettina Khano, nämlichen Geistes Kind, ist mit ihren Arbeiten dem Glänzen an sich, diesem quasi körperlosen Phänomen, lustvoll auf der Spur, dem und zugleich seinem puren Gegenteil, dem Nichtglanz, dem matt Abgestumpften, Verunklarten, Vagen. Welches Material sie auch verwendet — gefaltete, zerknitterte Alufolie, einzeln oder zum Diptychon arrangierte Aluminiumplatten, Spiegelflächen, Mattlacke, Kunstnebel —, stets mutiert es in Khanos Kompositionen zu Multivalentem, fähig zu diesem und jenem, je nachdem, von wo und wie der Betrachter blickt, wie der Raum gerade wirkt, wie das Licht. Hat man zuvor geahnt, zu welch erschütternder Schönheit schlichte Alufolie fähig ist, wie sie auflebt dank Schatten und Licht? Hat man um Ahnung und Ausmaß der eigenen existenziellen Verlorenheit gewusst beim Blick in einen teilbesprühten Spiegel, der einem das Abbild verweigert? Oder um die Wirrnis, die ein durchsichtig sich gebender Paravent bereiten kann? Was ist was und wo?

Mit vermeintlich kühlem Intellekt paart Khano Sein und Schein, Zwei- und Dreidimensional, Vorn und Hinten, Transparent und Opak, Materie und Imagination zu karg bestückten Versuchsanordnungen, die in ihrer faszinosen Komprimiertheit, ganz wie ein gutes Gedicht, einen Sog entwickeln, dem sich der Rezipient kaum zu entziehen vermag. Khano, aufgewachsen in Wien, nach Studien-Stationen in Paris, London und Manchester jetzt in Berlin lebend, unterscheidet sich von so manchem ihrer Künstlerkollegen dadurch, dass sie weder Nabelschau betreibt noch eine Affinität zu bedeutungsschwangerem Geschwurbel erkennen lässt. Statt dessen kultiviert sie Glut und Furor der Analyse: "Was wirken soll, will genau überlegt werden. Nichts darf zuviel sein." Sie liebt Minimal Art und den Charme der Sechziger, Kinoseligkeit inklusive. Und sie liebt es, Licht im Raum zu orchestrieren und uns so Blick- und Hirnfallen zu stellen. In den Arbeiten, mit denen sie in ganz Europa reüssiert, anverwandeln sich etwa Menschen, in Spiegelfolie gewickelt, der Umgebung, je genauer man hinschaut, zu deren desto ununterscheidbareren Elementen. Oder sie lösen sich, von fahl illuminierten Nebeln umhüllt, gleich ganz auf. Was bleibt, ist Irisgeflocke und Illusion, ist der leere Griff einer gleichsam subrealen Hand ins undurchdringlich wattene Nichts.

Die Cube-in-Cube-Architektur des Kunstverein-Raumes bietet noch ganz anderen Verwirrspielen eine prächtige Bühne, und so spielt auch eine der Arbeiten, die Khano eigens für ihn entwickelt hat, mit Nebel und Licht. Ein im Nebel klar konturierter Lichtkegel fällt auf einen vermeintlichen Durchgang in der Wand gegenüber. Der Durchgang freilich ist flüchtig. Kaum wird der Stecker von Scheinwerfer und Nebelmaschine gezogen, Zack!, ist alles dahin. Für den schönen Schein nämlich, ebenso wie für Nebel und Licht, gilt dasselbe, was uns Enzensberger in der letzten Strophe übers Glänzen verrät: "Alles nur vorläufig."

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