18 - 02 - 2018

Sandra Kranich

Man nehme zwei Alumiumplatten a 100 x 150, die eine versehen mit einem Ausschnitt polygonal, drapiere sie mittels Abstandshaltern und Lötmaterial über der anderen, befülle den Zwischenraum mit vielen kleinen wohldosierten Feuerwerkskörpern und Zündschnüren, schieße ab — und Wusch! Es zischt, blitzt und qualmt, Farben sprühen, knatternde Explosiönchen hetzen einander, und kaum ist sich der wohlig Erschreckte des Kitzels und der Sensation des Schauspiels bewusst, kollabiert auch alles schon in sich: Vorbei! Rauch steht im Raum noch für einen Augenblick. Doch auf der unteren Platte die Schmauchspuren bleiben, wolkig verschattet in malerischer Manier, ins Metall gebrannte Notate des Flüchtigen, den Moment zu bezeugen für immer.

Die mit dem Knall malt, Sandra Kranich, stellt im Oldenburger Kunstverein nicht nur aus, was bleibt. Zur Eröffnung der laufenden Schau mit dem hübsch programmatischen Titel "Short Ride in a fast Machine" wird sie anhand einer zwei mächtige Innenwände über Eck umspannenden Arbeit "Dark triangle" die Besucher auch teilhaben lassen am magischen Moment der Zündung selbst, dem Höhepunkt, der Sterne regnen und Schauer jagen lässt. (Nachfolgenden Gästen bleiben immerhin die Zeichen an der Wand und ein Video-Report des Spektakels.) Neben dem, was bleibt und was ist, zeigt sie auch, woher all das kam: Bleistiftzeichnungen von filigran verwuselten Würfelfigurationen und dreidimensionale "Gemälde" aus streng gefaltetem und geschnittenem Metall künden von ihrem stetem Interesse an Gestalt und Geometrie, von ihrer elementaren Lust an der Erkundung des Übergangs von einer Dimension in die nächste, am Zauber der Transformation und an deren Produkt.

Sandra Kranich, 1971 geboren in Ludwigsburg, lebt in Frankfurt, wo sie die Städelschule besuchte. Sie ist Meisterschülerin von Thomas Bayrle und geprüfte Pyrotechnikerin für Großfeuerwerk. Diese weithin singuläre Kombination hat sie zu einem Star der Szene mit bedeutenden Ausstellungen in ganz Europa gemacht. Zurecht, gelingt es ihr doch, auf eindrückliche Weise  scheinbar Unvereinbares faszinierend miteinander zu verbinden — das Ephemere und das Eherne, exakt Geplantes und den nicht zügelbaren Zufall, Metall und Malerei, Raum und Zeit. Immer lebt diese Eindrücklichkeit von Kranichs tiefsinnig lächelnder Leichthändigkeit, wie sie uns begegnet etwa in der "Bag Bang", einer in Beton gegossenen Einkaufstasche voller Knallkörper, oder in "Compact Time", 24 Blechbriketts aus gepressten Dosen, die weiland ungepresst, doch mit Feuerwerk gefüllt, als Stapel den Himmel über Zürich kratzten, bevor sie, Wusch!, zusammen wie auseinander krachten, flogen und schepperten.

Vielleicht ist Kranichs Kunst ja die wirkliche Kunst unserer Gegenwart, als Kunst einer Epoche, deren Halbwertzeit sich definiert durch die Taktrate ihrer immer schnelleren Prozessoren, einer Epoche, die atemlos hinter sich her hetzt, Highlight um Highlight und so sich selbst zu verbrennen.
"Was sind wir Menschen doch?", fragte Andreas Gryphius vor fast vierhundert Jahren, und antwortete: "Ein bald verschmelzter Schnee / und abgebrannte Kerzen / ... Was sag ich? wir vergehn wie Rauch von starken Winden." Kranichs künstlerische Anverwandlung des ewigen Themas der Vergänglichkeit ist nicht weniger eindrucksvoll.