20 - 02 - 2018

Matthäus-Passion in Lamberti-Kirche

Matthäus-Passion in St. Lamberti

Eine Aufführung von Bachs Matthäus-Passion (BWV 244), des protestantische Hohelieds auf Christi Sterben und des Menschen Schuld mit Texten des Evangelisten Matthäus, des Bachfreundes Picander und von Choral- und Kirchenlieddichtern wie Paul Gerhardt, dauert gemeinhin um die 200 Minuten. Zu Bachs Zeiten unterbrach nach Teil 1 eine ca. einstündige Predigt die Darbietung, sodass der geneigte Gottesdienstbesucher die Kirche nach fast viereinhalb Stunden verließ, mutmaßlich erfüllt, dankbar und geläutert.

Für die Matthäus-Passion in der St.-Lamberti-Kirche Oldenburg am Sonntag brauchten der Lambertichor Oldenburg, das Barockorchester La Dolcezza, die Mädchenschola St. Willehad und eine Reihe hochmögender Gesangssolisten unter der Leitung von Tobias Götting ganze 170 Konzert-Minuten plus predigtfreie 15-Minuten-Pause. Und dennoch dürften die Besucher sich nicht weniger erfüllt, angerührt, beseelt und erhoben gefunden haben wie vor fast dreihundert Jahren; der endlose, offensichtlich von Herzen kommende Applaus, der folgte, sprach jedenfalls sehr für die Richtigkeit dieser These — dafür und für die zeitlos hypnotische Wirkung dieses monumentalen Werkes, dieses Inbegriffes von Bachs Kunst, elementare menschliche Regungen wie Hass und Zärtlichkeit, Trauer, Mitleid und Trost in Klänge zu überführen.

Die Oldenburger Umsetzung profitierte ungemein von Göttings gewohnt geschmeidigem Ganzkörperdirigat. Ein durchgängig erhöhter Pulsschlag, musikantische Beweglichkeit und eine straffe Abfolge beförderten Einheitlichkeit und Eingängigkeit des Werkes. Der Chor brilliert. Leuchtende Höhen, markant sonore Tiefen, blitzsaubere Intonation und dazu ein traumwandlerisch sicherer Einsatz aller Möglichkeiten des reichen dyamischen Spektrums markieren immer wieder Atem raubende Momente.

Mit Jan Krobow agierte ein perfekter Tenor. Seine schöne lyrische Stimme erzählt eindringlich und lebendig. Jörg Hempel (Jesus) ist als Bass eine Bank. Vanessa Barkowski, Alt, und Veronika Winter, Sopran, zeigen mit entspannt warmen Stimmen, wie glücklich Distanz und Emotion sich vereinen lassen. Christian Immler aber (Pilatus und Arien), ein Bassbariton, setzt die Glanzpunkte in einer an Höhepunkten reichen Aufführung: mit konturierter, raumfüllendem Organ deutet er den Text in allen Facetten aus. Das Bessre ist des Guten Feind, und so fragt man sich zum Schluss dann doch, warum sich der Sänger, der Immler in Sachen Stimmgewalt und Markanz am nähesten kommt, der Bassist Sebastion Groß, mit Nebenrollen wie Petrus oder Judas befassen muss. Er hätte einen vorzüglichen Jesus gegeben.