20 - 02 - 2018

Laurenz Berges -- Fotografien

Laurenz Berges

 

Natürlich kann man das alles auch nüchtern sehen: Kahle Bäume vor Schmutzgrau. Ein leerer Tunnel mit maroden Wänden. Eine Treppenstufe, die ins Nichts einer nachträglich zugemauerten Türöffnung führt. Man kann das nüchtern sehen und fragen: Was soll das? Diese Unorte, Dreckecken, diese Topoi der Belanglosigkeit und Unerhabenheit zu ästhetisieren durch Fotografie, einen künstlerischen Akt verstetigender Allokation?

"Laurenz Berges", eine 35 Fotografien umfassende Schau im Oldenburger Kunstverein, evoziert im empfänglichen Betrachter wahre Antwortfluten. Die haben zu tun mit Vanitas und Nature morte, mit Arte povera und, klar doch bei einem, der Meisterschüler des berühmten Bernd Becher gewesen ist, mit Sachlichkeit. Berges indes, geboren 1966 in Cloppenburg, Studium in Essen, New York und Düsseldorf, wo er seit Jahre lebt, Berges fotografiert in Farbe, und sein Sujet umfasst Straßenansichten wie Einfamilienhäuser, Innenräume wie Straßenbäume. Die Farbigkeit freilich glimmt arg reduziert, verwaschene Grau-, Beige- und Erdtöne herrschen vor, ein bald fahles, bald weiches, selten markantes Licht setzt, verhalten in sich tobend, gezielte Akzente. All das mündet in einer beinahe malerischen Anmutung, aufgeladen durch eine staubige Atmosphäre existenzieller Verlorenheit zu Artefakten des Alltags, zu einer Ikonografie des kleinen, schmutzigen Da-Seins. (In dem Menschen übrigens selten zu finden sind, und wenn, dann wie Inventar hineingeworfen: Einer etwa, der einen langen Schlaf schläft, in eine speckige Couch.)

Die Arbeiten, weiß gerahmt in Formaten von 37 x 52 bis 130 x 172 cm, C-Prints auf Aluminium, künden von erlesener Technik. Meist beruhen sie auf analogen Aufnahmen nicht inszenierter Objekte; milde Eingriffe ins Digitale gelten allenfalls Nachjustierungen des Lichts. Dem sich dadurch ausdrückenden Respekt vor der Magie des Augenblicks und der Würde des Ortes entspricht eine atemberaubende narrative wie poetische Dichte der Werke. Welche Geschichten zum Beispiel mag das großformatige Foto einer sich ablösenden Tapete, fast schon ein Augentäuscher, zu erzählen haben? Blasen werfen sich auf, Ecken lösen sich ab, nackt entbirgt der Putz Risse, Schimmel, Stockflecken — ein Palimpsest der Neuzeit, unter dessen kühler Oberfläche wohl wildes Sehnen glimmt.

Es fügt sich, dass "Laurenz Berges" drei Tage nach Schuberts 184. Todestag eröffnet wird. "Dort, wo du nicht bist, dort ist das Glück", das ewige Wanderer-Motto liegt am Wege dort wie hier, nicht nur wegen der rastlosen Suche des Fotografen nach Orten zaubrischer Versenkung.