22 - 06 - 2018

Att Poomtangon im OKV: "Occupy Oldenburg"

Was ist das: ein "glückliches Händchen"? Instinkt, Inspiration, das Glück des Augenblicks? All dies jedenfalls und dazu Organisationsgeschick und harte Arbeit hat Gertrud Wagenfeld-Pleister, die auratische Vorsitzende des Oldenburger Kunstvereins, mit der Verpflichtung des thailändischen Künstlers Att Poomtangon erneut bewiesen. Sie sah seine Litho-Collagen in einer Frankfurter Galerie, es funkte, sie musste sie haben. Jetzt hat sie, jetzt hat Oldenburg sie, und alle dürfen entzückt sein über einen veritablen Hingucker, bei dem einem die Augen schier übergehen wollen vor Detail- und Deutungsreichtum.

Verteilt auf 143 Prints im Format 42 x 30 cm, schwarz gerahmt auf weißem Passepartout, dicht an dicht gehängt, vereint "Occupy Oldenburg", so der nicht unbedingt zielführende Titel, Mlerei und Zeichnung, Radierung, Schablone, Text und Foto, Ausschnitt und Collage, Computerscan, Druck und Lithografie. Inhaltlich abgehandelt wird nichts weniger als die "Besetzung" unserer heutigen Welt — und insofern auch Oldenburgs — durch Vergangenheit und Zukunft, Mythos und Philosophie, durch Ökologie und Ökonomie. Poomtangon, Jahrgang 1973, ehedem Meisterschüler von Tobias Rehberger an der Frankfurter "Städel"-Hochschule, ein derzeit in New York lebender Kosmopolit, ist bekannt geworden als Konzeptkünstler durch seine Installationen. Nun beweist er seine Qualitäten auch als Grafiker, der grandios radiert, und als Gebieter über Computer und dessen Möglichkeiten der Bildbe- und verarbeitung. Auf schwarzen Gründen präsentiert er Menschen und Tiere, Statistiken, Tabellen. Seine Bilderwelten brodeln dem Betrachter entgegen als überbordende Melange von Alb-, Wohl- und Wachtraum, in halluzinatorischer Dichte, bisweilen fast surreal. Schablonentypen aus dem Pappkameradenkabinett eines Neo Rauch ziehen vorbei, Comichaftes flutet an. Was dort als abstraktes Gefüge anmutet, entpuppt sich beim zweiten oder dritten Blick als an Höhlenmalerei gemahnendes Zeichenfries. Aus schwarzer Tiefe tauchen Figuren auf invers belichtet, die Augenhöhlen weiß umflort, Männchen werden zu Affen zu Männchen, Schiffe zu Fischen zu Schiffen. Pantha rei, alles fließt, ist in Bewegung, fragmentarsich, gleichzeitig und unauflösbar, es ist, als habe Att Poomtangon beim Verfertigen seines imposanten Bild- und Zeichenuniversums ständig unter Joyce und Hunter gestanden.

Sattsehen will und kann man sich nicht. Kein Bild gleicht dem anderen. Jedes für sich lädt ein mannigfach, Erzähltem nachzuspüren, Rätsel zu entdecken (und vielleicht sogar: sie zu lösen), und sich am Bildaufbau zu erfreuen. Bei aller Unterschiedlichkeit der Mittel und Inhalte nämlich ist das der eigentliche Glanzpunkt dieser Ausstellung: Kühnheit und Erfindungsreichtum der Komposition jedes einzelnen Blattes.