20 - 02 - 2018

Sofort vollstreckbar

Sofort vollstreckbar


Der Mann krümmt den rechten Zeigefinger.

Der Motor heult auf, das Stichsägeblatt rast auf und ab, dass die groben Zähne nicht mehr zu erkennen sind. Nochmals korrigiert er den Sitz des Schlittens um einige Millimeter, damit die Säge auch genau den äußeren Punkt der Bleistiftlinie trifft, die die Mitte der Platte markiert. Nun setzt er an, ganz ruhig tut er und mit Bedacht, die Säge frisst sich unter Jaulen ins Holz, die Späne wirbeln ihm fast bis ins Gesicht, die Brille hat er auf zum Glück. Ob er sich wundert, wie schwer das geht? Zwar wird er wissen, er hat es mit Eiche zu tun, doch nach all den Jahren wird er wohl eine gewisse Mürbe erwartet haben, eine Nachgiebigkeit, die ihm das Geschäft erleichtern würde, nicht diese Härte, jedenfalls drückt er fest mit dem Faustballen von hinten gegen den Sägegriff, damit es bloß schneller geht, sein Gesicht rötet sich sogar dabei, aber das Jaulen kriegt nur einen hysterischeren Klang und es riecht nicht mehr nur nach frischem Holzstaub, sondern vor allem verkokelt, du weißt ja, das Sägeblatt machte schon bei der letzten Platte Schwierigkeiten, er sollte es es wohl besser auswechseln. Tatsächlich, schon lockert er den Druck des Zeigefingers, der Motor wird langsamer, stirbt allmählich, der Mann versucht, das Blatt nach oben herauszuziehen, aber es gelingt nicht recht, es klemmt wohl, er muss wieder etwas Gas geben und das laufende Blatt, es vorsichtig hin- und herruckelnd, in der engen Naht rückwärts führen. Doch, der Mann wird gewiss bemerkt haben, dass das hier noch verdammt gutes Holz ist, Eiche, hart und teuer, kein Vergleich mit Fichte zum Beispiel, bei der ging die Säge durch wie ein warmes Messer durch Butter, deshalb ist er auch so schnell fertig gewesen vorhin. Nun mit dem neuen Blatt läuft die Säge wieder besser, das Blatt flutscht die offene Naht entlang und schon ist der Mann ohne größere Anstrengung auf der halben Länge der Linie angelangt, du beobachtest, wie er die Naht fast liebevoll inspiziert, sie sieht gut aus, wird er sich loben, ein sauberer Schnitt ist das geworden. Schädelspalter. Er führt das Sägeblatt zurück, geht um die Platte herum und nimmt dort die Arbeit neu auf. Findet auf Anhieb die Ansatzstelle, presst das beißende Blatt dagegen, zieht durch in einem Zug. Kurz bevor die Naht sich trifft mit der von gegenüber, zieht er die Säge vorsichtig heraus, stützt dabei die Schnittstelle von unten mit der freien Linken, legt die Säge vorsichtig auf dem Boden ab. Da liegt ein kleiner Vorschlaghammer, der Mann hebt ihn hoch bis über den Kopf, dann lässt er ihn niedersausen auf den hölzernen Steg, die Plattenhälften krachen unter der Dampframme auseinander mit entsagendem Laut, und weil der Tisch nur unter einer Seite Schubladen hat, kippt jene Hälfte zur Seite auf die Tischbeine, während das zweite Beinpaar, nach innen angehoben, stehen bleibt, der dort angrenzenden Plattenhälfte zur Schiefe verhelfend. Der Mann nimmt eine der Tischhälften, trägt sie zum geöffneten Fenster, schwer atmend, hält an, wuchtet die Sägekante auf den Fensterrahmen, geht nach hinten, die Tischbeine anzuheben, stößt die Hälfte mit einem Ruck nach draußen, und der kurzen Zeit, die es dauert, bis du das Aufschlagen und Splittern vernimmst, kannst du entnehmen, dass der Mann sich ziemlich ebenerdig aufhalten muss, in einem Bungalow vielleicht, und du weißt auch, dass der Hof nicht irgendeine harte Oberfläche aufweist, sondern von weichem Gras oder warmer Rabattenerde bedeckt ist, denn der Aufprall ist dumpf, und das Bersten des Holzes klingt schallgedämpft, als brächen da Knochen mullbindenverpackt. Schädelspalter, getrennt. Der Mann hat kurz innegehalten, um dem Aufprall zu lauschen, fast so, als traue er der Schwerkraft nicht, aber gleich wendet er sich, schreitet zurück zur zweiten Tischhälfte und schleppt sie zur einzigen noch freien Ecke in dem Zimmer, direkt neben den halben Wohnzimmerschrank. Was von dem Schrank übriggeblieben ist, steht aufrecht da, der Mann hat unter das Ende, das früher einmal die Mitte war, zwei Stapel Bücher geschoben, Fotoalben anscheinend, du kannst von der Seite in das Innere der Schrankleiche sehen, in die Leere der Fächer und der Schubladen hinein, der Schrank wirkt wie ausgeweidet, unter der groben Säge sind die feinen Leimhölzer der Schubladen und der Regalbretter gerissen, sie lassen lange stechende Sehnen in den Raum hinein stehen, und dabei sehen dich die Rauchglasscheiben an der Vorderseite an wie tote Augen, nichts mehr ist dahinter. Der Mann aber hat dafür keinen Blick, er scheint etwas zu suchen auf dem Boden neben dem Schrank, da liegen Wäschestücke und Geschirr und Zeitungen und Fotos, er bückt sich und wühlt in den Fotos, und du siehst, die Fotos sind in der Mitte durchgeschnitten. Auf dass dir Gerechtigkeit widerfahren werde. Endlich hat er gefunden, es war die Schere, die er gesucht hat, die nimmt er jetzt in die Hand, und ein langes Brotmesser aus dem Besteckhaufen dazu. Im Himmel und auf Erden. Er dreht sich um, überlegt. In guten wie in schlechten Zeiten. Ach so, die Couch. Jetzt und für immerdar. Er legt Schere und Messer hin, geht in die Knie, umfasst die lange Unterkante der Couch, kippt, wuchtet sie auf den Rücken. Jetzt hat er einen Zollstock in der Hand und ein Stück Kreide, und er misst, prüft und misst und er setzt mittig Markierungen, vom Boden beginnend die Stoffabdeckung hoch, geht um die Couch herum, misst auf den lederbezogenen Polstern, setzt Marken quer über Rückenlehne und Sitzfläche, sehr akkurat macht er das. Er kehrt zurück, setzt kniend das Messer am Unterstoff an und sticht zu, tief sticht er zu, du denkst, das wäre aber nicht nötig gewesen, so tief und so heftig, und dann schlitzt er den Stoff auf von unten nach oben. Öffnet die hellbraunen Stoffbahnen mit der Linken, dass sie ein lapprig Oval bilden, als wären es Schamlippen, dann dringt er ein mit dem Kopf, die Rechte mit dem Messer folgt, und du siehst, wie sein Oberkörper zuckt, er stößt wohl mit dem Messer ins Polster des Sitzes, und richtig, schon wirft der Mann Schaumstofffetzen nach draußen, hinein in den Raum. Dann krabbelt er zurück, greift sich die große Schere und trennt das braune Leder auf, so weit er kommt, er drückt die Couch nach unten, als wär sie eine Kuh, die sich wehrt und er Jack the Ripper, ein Metzger, springt geschmeidig zurück, wie sie auf die Vorderfüße knallt, um bis zur Oberkante der Rückenlehne weiter zu machen, weitet die Spalten auch hier, wühlt mit dem Messer, lässt Schaumstoff regnen, greift irgendwas mit den Händen, lässt ab. Auge um Auge. Rings um den Mann ist alles voller Schaumstoffetzen, indes er wirkt unbewegt, fischt die elektrische Säge aus dem Dreck hervor, setzt sie im Inneren der Couch an, da, wo er die hölzernen Holme gefunden hat, der Motor heult ein paarmal kurz auf, zum Schluss hält die Couch zusammen nur noch durch den Lederbezug an der abgewandten Seite. Zahn um Zahn. Der Mann legt die Säge hin, greift die Schere, wechselt nach hinten, du erkennst nur sein Fummeln, doch bald verrät das Geräusch, mit dem die vorderen Holme auf dem Boden landen, die Couch ist getrennt. Getrennt von Tisch und Bett. Der Mann kommt hoch aus der Hocke, zieht eine Hälfte der Couch zum Fenster und wirft sie hinaus, Asche zu Asche, Staub zu Staub. Er macht ein paar Schritte zurück, bleibt stehen, reibt sich, wie automatisch, die Hände, das sieht zufrieden aus, doch auch zweifelnd. Er scheint zu überlegen. Im Anfang war das Wort. Nun putzt er sich ab, klopft mit beiden Händen auf Brust und Oberschenkel, streift Schaumstoffreste und Sägespäne aus Hose und Pullover. Wie er sauber ist, nestelt er an der Gesäßtasche seiner Hose nach dem Portemonnaie, öffnet es, zieht Geldscheine heraus, Hunderter sind es, zwischen Daumen, Zeigefinger nimmt er sie, drei, vier, steckt sie zurück in die Geldbörse und die in die Tasche. Er führt das linke Handgelenk zu den Augen, kontrolliert die Zeit auf der Armbanduhr. Jetzt wirkt er wirklich zufrieden, doch, anscheinend ist er gut in der Zeit. Und das Wort hieß Ja. Der Mann dreht sich zur Tür, öffnet und schaltet das Licht aus. Dann geht er aus dem Zimmer.

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Damals war alles vernünftig. Er hatte die Firma, die Frau das Haus. Sie war sein Sparbuch, pflegte er gerne in Gesellschaft zu scherzen, und jedermann wusste, der Gegenwert einer so schlecht verzinslichen Anlageform durfte beileibe nicht höher sein als nur symbolisch, der eines Notnagels eben. Das wahre Geld steckte woanders: in der Firma mit ihrer Software und ihren Connections, in den zwei Hochhausetagen, die er für die Firma gemietet hatte, den zehn Angestellten, vier davon Steuerberater, in der Eigentumswohnung auf Sylt, dem Mietshaus in Berchtesgaden, in den Aktien, in den Fonds und all dem anderen. Alles seins. Seines. Der Frau gehörte das Haus und die Einrichtung. Sonst nichts, doch keiner von beiden empfand dies als ungerecht, er war intelligent und fleißig, sie schön und ihm ergeben. Man hatte ihn, so schien es, gut beraten; als sie heirateten, wurde ein Ehevertrag abgeschlossen, durch den die Frau nicht nur auf nachehelichen Unterhalt verzichtete, sondern auch auf den Ausgleich dessen, was beide Eheleute bis zum Zeitpunkt einer etwaigen Scheidung unter dem Strich an Vermögen hinzugewonnen haben würden, die Gütertrennung wurde beim Amtsgericht eingetragen in eine Register und schützte ihn fortan davor, dass die Frau an der Firma und all dem, was mit dieser verbunden war, partizipieren könnte. Im Gegenzug hatte er sich nach einem günstigen Börsenfreitag spendabel gezeigt und ihr das Haus überschrieben, das er mit dem ersten größeren Aktiengewinn gekauft hatte, Schnucki, guck mal, du stehst jetzt im Grundbuch. Wollen Sie, Hedda Orth, den neben Ihnen stehenden Johann Bindewald zum Manne nehmen und ihn lieben und ihn ehren, in guten wie in schlechten Tagen, so antworten Sie mit "Ja", Ja. Schlechter geworden waren die Tage, die Renditen, die Bilanzen, die Aktienkurse. Schwarzkittel. Es hatte schleichend begonnen, Jahr um Jahr waren Gewinne geschrumpft, zahlreicher geworden seine Pleiten, hier ein wichtiger Kunden verloren, dort ein Prozess nicht gewonnen. Der Menetekel waren viele, er hatte sie missdeutet oder verdrängt, der Leichtsinn der Routine und seine Anfälligkeit für die Droge des Spiels waren hinzugekommen. Nie hatte er sich eine Vorstellung gemacht von der Geschwindigkeit des freien Falls, nun konnte er sie erleben, da er ein Haus verschleudern musste nach dem anderen, Angestellte entlassen mit Abfindung und ohne, da er Klagschriften, Mahnbescheide, Versäumnisurteile in Wäschekörben zu stapeln begann, da er die Gerichtsvollzieher seines Bezirkes erkennen lernte schon an der Art, wie sie die Haustürklingel bedienten. In guten wie in schlechten Zeiten. Nichts war ihm geblieben, nichts außer seiner Frau, außer seinem Haus, nichts außer dem Alkohol, und als er dem entsagt hatte, fand er, von der Entziehung heimgekehrt, auf dem Wohnzimmertisch den Brief eines Anwalts, der ihm im Auftrage seiner Frau mitteilte, sie werde nicht zurückkehren, sie habe die Scheidung eingereicht, getrennt, sie setze ihm eine Frist zur Herausgabe der Wohnung, er habe das Haus zu verlassen spätestens mit dem Ausspruch des Scheidungsurteils, bis dahin sei von ihm Miete zu zahlen, Überweisung aus Kontrollgründen erbeten auf Anwaltskonto, einschließlich nachberechneter Kosten, Kostennote für Sie anbei, getrennt von Tisch und Bett, Amen.

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Der Mann kauft am Zeitungsstand eine Bildzeitung, rollt sie zusammen, stopft sie in die rechte Tasche des grauen Mantels, den er jetzt trägt, und schlendert ohne Eile die lange Bahnhofshalle entlang. Im Wartesaal angekommen, sucht er einen leeren Tisch gegenüber der Tür. Er schiebt den Stuhl zurück, prüft gebückt die Oberfläche des Tisches, pustet Aschereste herunter und wischt mit der bloßen Hand nach. Erst dann zieht er den Stuhl heran und setzt sich. Ein Blick auf die Wanduhr, er greift zur Manteltasche, zieht die Zeitung heraus, entfaltet sie umständlich, durchblättert sie unschlüssig, bis er irgendwo hängenbleibt, er nimmt ein Blatt heraus und legt es nach außen, es ist die Sportseite, und du erinnerst dich, das ist ja das Zeichen. Der Mann guckt in die Zeitung, aber es sieht nicht so aus, als sei er am Lesen, er wird wohl warten. Sehr geehrter Herr Bindewald. Die beiden Penner drei Tische weiter setzen ihre Bierflaschen gleichzeitig ab, dass es knallt, einen einzigen ordentlich abgezirkelten Knall, der Mann lässt die Zeitung sinken, er schaut irritiert hin, wenn du ihn genau beobachtest, merkst du sicher, wie angespannt er ist, auch wenn er jetzt wieder so tut, als lese er Zeitung. Sehr geehrter Herr Bindewald, ich nehme Bezug auf unsere gestrige Besprechung in meiner Kanzlei. Zur Meidung von Missverständnissen darf ich wiederholend folgendes klarstellen. Erstens. Dem Scheidungsantrag Ihrer Gattin wird mit Aussicht auf Erfolg nicht entgegengetreten werden können. Die Voraussetzungen für die Scheidung der Ehe sind erfüllt. Gründe, aus denen sich die Scheidung als besondere Härte für Sie darstellen könnte, sind nicht ersichtlich. Die Richterin wird im nächsten Termin die Scheidung der Ehe aussprechen. Daran hat der Unterzeichner keinen Zweifel. Es ist ein hoher vergilbter Saal mit einer endlosen Zahl von Tischen und Stühlen, menschenleer mit Ausnahme der Penner und des Mannes, es stinkt nach kaltem Zigarettenqualm, und wenn die Penner meckernd lachen, hallt das Echo und schlägt gegen die aufgeschlagene Zeitung, oder weißt du, warum sie zittert bisweilen? Zweitens. Die Richterin wird, und auch dies begegnet keinerlei Zweifeln des Unterzeichners, dem Antrag Ihrer Gattin auf Herausgabe der Ehewohnung stattgeben. Sie wird die sofortige Vollstreckbarkeit dieser Entscheidung aussprechen. Dies bedeutet, dass ich Ihnen empfehlen muss, sich tunlichst darauf vorzubereiten, das Haus unter Zurücklassung aller Einrichtungsgegenstände umgehend zu räumen. Der Mann lässt die Zeitung sinken, er blickt indigniert und leicht genervt hinüber zu den Pennern, die sich einen Spaß daraus machen, mit den Böden ihrer Bierflaschen in sich steigerndem Rhythmus auf die Tischplatte zu schlagen. Das Grundstück steht bekanntlich im Eigentum Ihrer Gattin. Auch das gesamte Zubehör und Inventar gehört ausweislich des Ehevertrages und der darauf beruhenden Eintragung im Güterrechtsregister Ihrer Frau. Dass Haus und Einrichtung, wie Sie mir erläuterten, von Ihnen bezahlt worden seien, ändert daran nichts. Der Mann dreht den Kopf leicht zur Seite, um die Wanduhr besser ablesen zu können, bei der Bewegung zurück sendet er den Pennern, die mittlerweile einen Höllenlärm veranstalten, einen scharfen Blick zu, den die jedoch nicht wahrnehmen. Dann versteckt der Mann sich wieder hinter der Zeitung, wer ihm gegenüber säße, könnte in aller Ruhe die neuesten Sportnachrichten lesen, die Zeitung ist nun völlig unbewegt. Auch Ihre Erwägung, dass Ihre Frau während der Ehezeit ja keiner Erwerbstätigkeit nachgegangen sei, führt von Rechts wegen nicht dazu, daß Sie Anspruch auf - wie Sie zu formulieren beliebten - "wenigstens" die Hälfte der Einrichtungsgegenstände hätten. Richtig ist vielmehr, dass Ihnen, abgesehen von Ihren persönlichen Sachen, zum Beispiel der Kleidung, die Sie tragen, nichts gehört. Jetzt wird die Zeitung für eine ganze Weile abgesenkt, will der Mann etwas gegen das Gehämmere der Penner unternehmen? Nein, er hat bemerkt, dass die hohe Pendeltür von außen bewegt, aufgestoßen wird, sein Gesicht bekommt etwas Lauerndes, die Penner scheint er nicht mehr zu hören, und wie ein Anderer hereintritt mit genau so einem Mantel wie ihn der Mann trägt, wandert die Zeitung wieder nach oben und du siehst sein Gesicht erst mal nicht mehr. Der Neue ist jünger als er, behaarter und dunkler; federnden Schrittes betritt er den Saal, um sogleich anzuhalten, sich zu orientieren, seine Aufmerksamkeit fällt auf die Krach schlagenden Penner, er scheint sie ansteuern zu wollen, doch wird der Zeitung gewahr mit dem nach außen gewendeten Sportteil und schreitet, ohne weiter zu zögern, hin zu dem Tisch, greift sich den Stuhl links neben dem Mann und lässt sich fallen, ohne was zu sagen, derweil die Penner mit den Bierflaschen Stakkato hämmern und eine dicke vergilbte Frau mit nikotigen Ringen unter alten Augen, sie muß schon länger da hinter dem Tresen stehen, den Hörer auf die Gabel eines schwarzen Telefons mit Wählscheibe knallt. Der Mann ist nicht wirklich überrascht, er hat den Neuen erwartet, der sagt Hallo, aber man kann bei dem Höllenlärm sein eigenes Wort ja nicht verstehen, geschweige sich einem anderen mitteilen, deshalb brüllt der Neue nunmehr, Hast du alles dabei? Der Mann schiebt den geöffneten Mantel zur Seite, hebt den Hintern an, um zur Gesäßtasche zu greifen, plötzlich gefriert seine Bewegung und die Penner werden still. Auf halber Distanz zwischen unserem Mann und den Pennern siehst du einen Unformierten stehen, dunkelblaue Uniform mit silberglänzenden Knöpfen, ein Bahnpolizist ist das, eine Schirmmütze hat er auf, unter der glänzt ein roter breiter Nacken, und ein Pistolenhalfter hat er über der rechten Hüfte, seine massige Gestalt tappst zu den Pennern hin, und du siehst, wie die beiden im Vordergrund aufatmen, und kaum dass der Polizist die Bierflaschen einkassiert und, die Penner vor sich her dirigierend, den Weg eingeschlagen hat zum Ausgang, fischt sich der Mann die Geldbörse und blättert einen Hunderter nach dem anderen auf den Tisch, nach jedem Schein macht er eine Pause, so, als könne der Jüngere nicht bis Vier zählen. Okay, sagt der, greift in seine rechte Manteltasche und holt ein buchgroßes Päckchen hervor, buchgroß so in etwa, aber keinen Quader, es muss etwas Unegales sein, was sich da im Paketpapier verbirgt, schaut sich um dabei, und dann steckt er das Päckchen dem Mann unter dem Tisch zu und direkt in dessen linke Manteltasche. Wie besprochen, fragt der Mann, Alles bereit, sagt der andere, Sofort vollstreckbar, hundert Pro. Ich gehe zuerst, sagt der Mann und erhebt sich.

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Herr Andragsgeeschner, die Richterin spricht mit einem quietschenden Alt, ihr Resthessisch überzieht, was immer sie von sich gibt, mit einem Hauch von Gewöhnlichkeit, Herr Andragsgeeschner, als gelerntem Kaufmann sollde Ihne der Unnerschied zwische Mein und Dein eigendlich bewusst sein. Schwarzkittel. Aichendlisch, wenn er schon hört, wie sie die Vokale in die Impertinenz hinein dehnt, als sei ihr das Wort im Kehlkopf weich geworden wie ein Harzer Käse im Essig. Aichendlich sollde das doch net so schwer sei zu begreife: Grundbuch is Grundbuch und Güdertrennung is Güdertrennung, und üwwerhaupt: Sie hätte den Ehevertrach net unnerschreiwe müsse, Herr Andrachsgeeschner, was denkt die feiste Emanze wohl, wer sie ist, kann man das anfechten, die stecken bestimmt unter einer Decke, seine Alte und diese unfrisierte Hessenschlampe, befangen ist die, und wenn er bis nach Karlsruhe gehen muss, Isch will des Urdeil net vorwegnemme, awwer mit dem Auszuch könne Sie schon emo anfange, Herr Andragsgeeschner, du verdammte Emanzenhure, wann mache mer Termin zur Verkündung der Entscheidung, sie kaut am Bleistift, Sau, du schwarze Sau, sache mer: in zwai Woche, des geht Ihne dann schrifdlisch zu, für heud is die Sitzung geschlosse. Alte Votze. Votze. Votzevotzevotze.

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Der Abendschatten fällt ein wenig früher als gewöhnlich, den ganzen Tag über war der Himmel verhangen und der Wind viel zu schwach, die Schwüle zu scheuchen. Es setzt ein feiner Nieselregen ein. Die Passanten beschleunigen ihre Schritte; mit hochgezogenen Schultern, die Hände in die Hosentaschen vergraben, schnüren sie geradeaus, nicht nach links schauend, nicht rechts, und irgendwann ist der eine oder andere verschwunden, verschluckt von einem der schwarzen Löcher, die in die noch lichtlosen Häuser führen, oder aufgelöst in einem der Tropfenschleier, die am Ende der engen Straßen auf einen warten, bis ein Gewitterwind sie zerreißt. Morgen früh wird es kühl sein und klar und ein frischer Wind wird mit allem Unrat spielen und vergessen machen jedwede Schuld. Auch der Mann schreitet schneller, du kannst schon fast sagen, er läuft.

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Vielleicht hat er ja nur geträumt. Das ist es. Es ist alles nur ein schlechter Traum. Diese Verschwörung gegen ihn. Seine Frau, die Anwälte auf ihn hetzt. Diese Richterin mit den zotteligen Haaren und dem bösen Maul. Das nach Aas stinkt, wenn sie es öffnet. Gewiss. Diese Hyäne, die schuld ist an allem. Im Namen des Volkes. Die vor dem Standesamt in Stellingen zur Registernummer H 19 aus 1978 geschlossene Ehe der Parteien wird geschieden. Seine Schuld ist das nicht. Nicht seine. Nichts ist seine Schuld. Er war schon immer für Gerechtigkeit. Gerecht zugehen muss es schon im Leben. Jetzt und für immerdar. Er ist halt Gerechtigkeitsfanatiker, er hat doch nur das beansprucht, was ihm zustand: wenigstens die Hälfte. Der Antragsgegner wird verurteilt, die von ihm innegehaltene Ehewohnung, Breitenweg 10, bestehend aus dem dortigen Wohnhaus nebst drei Garagen und Nebengebäude, an die Antragsstellerin herauszugeben. Hätte die Schlampe sich nicht raushalten können? Mit seiner Frau hätte er sich schon noch geeinigt. Sie vier Zimmer, er vier. Sie die eine Hälfte der Teller, er die andere. Sie den Buntfernseher, er das Schwarzweiß-Gerät und das Radio. Sogar das Bargeld hätte er geteilt. Genau und gerecht. Gerecht. Rechnen kann er ja. Gerecht. Im Namen des Volkes. Es ist alles ihre Schuld. Im Namen des Volkes. Er rennt fast. Asche zu Asche. Er rennt. Das Urteil ist sofort vollstreckbar.

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Als er ankommt, ist es dunkel, der Nieselregen ist schwächer geworden, der Wind hat aufgefrischt. Dreißig Jahre am Ort, hat er den Weg gut gefunden hierher. Es wetterleuchtet. Durch die Scheiben der Sprossenfenster mit den handgeschmiedeten Ziergittern fällt ein warmes Licht. Er keucht ein wenig, hält sich die Seite. Wie er wieder bei Atem ist, greift er in die linke Manteltasche, reißt das Packpapier entzwei, wirft es achtlos weg. Packt den Inhalt um in die rechte Tasche. Er geht durchs Tor, der Kies knirscht unter seinen Füßen, die Bewegungsmelder vesetzen die Strecke zur Haustür in gleißendes Licht. Der Mann geht aufrecht, nicht zu langsam, nicht zu schnell, du könntest meinen: stolz. Er drückt mit dem Zeigefinger der Linken den Messingknopf neben dem eingelassenen Briefkasten, die Rechte belässt er in den Mantel versenkt. Innen ertönt kissenweich ein Dreitonklang. Eine dunkle Figur ist es, die öffnet. Der Mann scheint unschlüssig. Als ob er verlangsamen wolle; mag sein, ihn überfällt, wie weich und menschlich sie aussieht bei diesem Licht. Ach, welch eine Überraschung, der Wind zerpflückt den Klang jener Worte, was verschafft mir die Ehre? Du siehst von der Seite, wie die Manteltasche ausbeult und dass er die Rechte anhebt.

Dann krümmt der Mann den rechten Zeigefinger.


(Alternative Version zu "Sofort vollstreckbar" in "Atem~pause")