26 - 05 - 2018

Gerhard Leich

Sicherheit schwarzrotgold


Achtung, Achtung! Ein Verkehrshinweis für Teilnehmer in Nordenham und Umgebung! Im Alten Rathaus ist ein Vortrag unterwegs. Das Vehikel hat Überbreite! Drängeln und Überholen zwecklos, bei Bedarf benutzen Sie bitte die Standspur.

[Eingang]

An der Börse Berlin gegen 12 stiller Verkehr, IG Farben 260, Siemens 297, Dessauer Gas 202, Zellstoff Waldhof 295. Ein russischer Student, Alex F., erschoss seine Braut, eine 22-jährige Kunsthändlerin, in ihrer Pension. Die 53 hat voraussichtlich 20 Minuten Verspätung. Die gleichaltrige Erzieherin Tatjana S., die sich dem Plan, gemeinsam aus dem Leben zu scheiden, angeschlossen hatte, bekam im letzten Augenblick Angst, Die Sonne ging auf und unter, es kommen jetzt hellere Tage, Ein junges Mädchen steigt aus der 99, die Kinderwagen rolln auf die Straße, Mariendorf, Lichtenrader Chaussee, Tempelhof, die Ermittlungen zu der Schuldfrage an dem Straßenbahnunglück sind noch nicht abgeschlossen, Um nochmals die Börse, Es ist herbstlich, bei offenen Lagen drohender Frost, Im Tauentzienpalast spieln sie Ratammtata elektrisch, Die Elektrischen fahren die Straßen entlang, Zurücktreten bitte, sie fahren alle wohin, ich weiß nicht nicht, wo, ACH-TUNG auf Gleis ölf, die Tendenz lustlos, später dann Kursrückgänge mittel bis stark, der Braune sagt zum roten Juden, Wißt ihr, wenn der Vater a Pflänzchen ist, so möcht er, der Sohn soll a Baum sein, nicht, wohin ich hinfahren soll, A Baum, A scheener Baum soll er sein, der Herr Sohn, die 51 Nordend, Schillerstraße, Pankow, Breitestraße, Schönhauser Allee, Nollendorfplatz, Vorsicht an der Bahnsteigkante, Sony plus 1,9, Chrysler minus Null Sieben, Telekom unverändert, welch riesengroße Stadt, welch riesengroße Hochhäuser, welch riesengroßen Baumsöhne, Schmargendorf, Grunewald, im Grunewald, ratammtata. Und schon fängste an, die Stadt zu betrachten wie e Hund, der die Fußspur verlorn hat. Was für eine Stadt!, welch riesige Stadt!, und welches Leben haste schon in ihr geführt, damals,

[Herr Moses in der Großen Hamburger Straße]

damals, vor über 200 Jahrn, als erste neue Spur für den Hund sozusagen, ist er gestorben, damals, 7.000 Grabstellen hatte der Friedhof, damals, es gab noch keine Gründerzeitbauten, die ihn einquetschten, und noch keinen Gröfaz, der verlangte, Die RRRoichshauptstadt moss jodenfroi wörrdn, und keine Willfährvandalen, die den Friedhof platt schleiften, 43, und keine Neudeutschen, die ihn unter Denkmalschutz stellten, unter Schutz den einzigen Grabstein von 7.000, und der nicht einmal original, sondern neudeutsch nachempfunden, ein gesichts- und geschichtsloses Menetekel für die Ignoranz dieser Stadt, dieses Lands, ein einziger Stein, vor brandroter Mauer, Klagemauer beinah oder Sinnbild jener Mauer, vor der man die Kommunarden erschoss in Paris, es gilt, zwischen den Zeilen zu lesen,

den Zeilen, die Moses aufschrieb vielleicht, der feurige Aufklärer mit brandrotem Haar, Moses Mendelssohn, dessen Geschlecht etwa Felix Bartholdy entstammte, oder Erich Mendelssohn, Architekt, der das Columbushaus für den Leipziger Platz konzipierte, damals, grad noch vor den Nazis, Leipziger Platz, bitte merken Sie sich das, diese Zeilen, die die Geschichte schrieb und die andere auswischten, immer wieder, oder zwischen den Zeilen des Bildes,

dieses Bildes voller Tristesse der Gründerkasernen, die aussehen, als hätte Franz einen Mordechai kennen gelernt allhier in ihnen, ein Jingelchen, meschugge gemacht, und überall Schatten, nur zwischen den Zeilen nicht, da scheint de Sonn auf den riesengroßen Baumsohn, der aus den Gräbern sprießt unüberwindlich, Wißt ihr, Wenn der Vater a Pflänzchen ist, und dem Schattenmann glüht das weizendeutschblonde Haar, als sei es Moses, blondiert, und auf den Stein, den Stein, denn WENN DER VATER A STEIN IST, SOLL DER SOHN HALT A BERG SEIN, a Berg, Versteht ihr, auch, wenn sie hier die Schwestern und Brüder zusammen getrieben vor dem Transport in die Schlachthäuser, auf diesem Platz, zwischen diesen Zeilen des Bildes, und siehe da, es waren die Tränen derer, die Unrecht erlitten, Welch ein Bild!, welche Dichte!,

[Fahrgäste 1, um die Ecke]

und hatten keinen Tröster, keine Zeit, Doch ein jegliches hat seine Zeit, ein jegliches, jegliches, seinen Trost, seine Schulter, sich ran zu lehnen. Eine große Leere und Schweigen füllte darauf ihre Seele. Wechselndes Wetter, tags unter Null, nachts Nieselregen. Über Deutschland breitet sich Tiefdruck aus, der in seinem Bereich, Wetteraussichten Berlin und Umgebung. Die 68 fährt Rosenthaler Platz, Wittenau, Nordbahnhof, Weddingplatz, Frankfurter Allee, Straußberger Platz, Die Karten sind vor Fahrt zu lösen, Unterrichten Sie sich, während des Winters darf man die vordere Tür nicht benutzen, 69 Sitzplätze, die Unterhaltung mit dem Wagenführer ist strengstens, In einem kleinen Hotel, Klein schwarzer Türspalt, Verboten, Sobald ein Spalt offensteht, hämmert der Pulsschlag der Verlassenheit, radamm, radamm, radamm, da, in der finsteren Straße hat sich gestern früh ein Pärchen erschossen, ein Kellner aus Dresden und, radadamm radadamm radadamm, eine verheiratete Frau, die sich aber anders eingeschrieben hatte, wie die Spurensuche der Polizei nun ergab, radadamm radadamm radadamm; sie waren mit der 22 gekommen, Nein, denk bloß nicht daran, es ist schon in Ordnung, Plakate, die Trambahn, die Neonfrost~Nacht, ihre Kälte; weisst du dennnicht mehr?, Ach das warst gar nicht du... —

das waren Fahrgäste, Ja, ein sehr lehrreiches Bild, was will es uns lehren? Von unten nach oom: Man schaue den Grund, selber grundiert, hie und da unberührt, ergibt sich durch Aussparung Lineatur oder Fläche, Gestaltungselementarisches eemd, oder, scheinbar anjefressen, Mönsch!, Nu sach ma im Ernst!, Als sei der Maler nicht fertig geworden!, abgebrochen, mitten auffer Seite, mitten im Blatt, geschweige denn zwischen den Zeilen, und darauf, auf den nackigen Stellen, streift er ooch noch den Pinsel, Na dass er sich da übahaupt entblödet, so ein un-ferti-ges Bild, ALSO wir merken uns: Leipziger Platz, unvollkommene Blöße, Pinselgestupse, merken wir uns zum Schlusse, und gleich noch: verwaschene Farben, terpentinverwaschene Farben aus Öl in dunkeler Tönung, wie gradwegs entflohn aus den Nachtelegien von Hopper, radadamm radadamm radadamm, STRANGERS IN THE NIGHT, raratatati we were STRANGERS, hier ham sie Asyl, auf ihrer Flucht

[Bahnhof]

in die Sackgasse, Kommt Sünder, zu Jesu, her kommet, Vielleicht gibt es Schnee, Vorbei an der Haltestelle Lothriger Straße, Fuhr mit der S-Bahn, blickte seitlich hinaus, die toten Mauern warn sichtbar zwischen den Pfeilern, es regnete Licht, Licht und Dreck. Die Mauern standen vor seinen Augen, Bauzäune von Stacheldraht vor angestrahlten Waschbetonkübeln, bepflanzt mit Plastikschläuchen, immergrün, ungemütlich, Gefunzel, entflohen den U-Bahnschächten mit Not, tobt in sich, pulsiert, verwischt

Geschichte, bumm bumm, Bleib, bumm bumm, sagte sie, Du bist so, So, bububumm bububumm bububumm, so unendlich hektisch-verlassen,

so hektisch verwaschen, vereint mit dem Grund zum fliehenden Kaleidoskop eiliger Punkte, rasenden Kaltlichts, Tastet der Alte mit lang gelber Hand nach ihm, Und unten, auf der Nacktfläche, brutales Gesudel, braun, hart und triefend, Gesudel, die Zeit, Ein jegliches hat seine Zeit, Wir alten Leute, bevor er ging, Wir frieren doch immer, sagtes, ging und der Bahnsteig war leer, Ein jeglicher flüchtiger Punkt, menschenleer, die sich in ihm spiegelt verlassen, Punkt um Punkt, Linie um Linie, Spiegel um Spiegel,

Abstrakt und Gegenständlich, Abstrakt oder, WAS heißt DAS?, Mir liegt an dem spannungsreichen Spiel zwischen Gegenständlichkeit und Abstraktion, Der zeitliche und räumliche Bruch, die Offenheit, wird zum Element einer neuen Aussage mit größerer Vielschichtigkeit, Zitat von, von, Na, wissen Sies, ahnen Sies, Für die meisten ist es erst einmal verblüffend, wie Gegenständlichkeit mit Abstraktion ins Bild kommt, aber ein gegenständliches Bild setzt sich zusammen aus abstrakten Partikeln, und es kann auch nur funktionieren, Nein nicht von GJLeich, obwohl: es könnte von ihm sein,

nur funktionieren, wenn die abstrakte Organisation von Formen und Farben im Bild funktioniert, Sonst wird es nichts, Dieser ständige Wechsel der Un- und Wirklichkeit, der Perspektiven, von Hell und Dunkel, Warm und Kalt, gedeckt und durchsichtig, Siehe

[Fahrgäste 2]

Siehe diese Fahrgäste, Die Mikrostruktur zeigt ein Licht-/Schattengefüge, in geometrischen Feldern, gebildet aus vorwiegend transparentem Farbauftrag, Opazität ist selten, etwa links unten, wo die Leere gähnt, oder oben rechts, wo die Leere gähnt, und dann Ölaquarell-Seen im gedämpften Valeur, die Makrostruktur: Zwei Bilder in eim, in der Lotrechten fast mittig geteilt, wobei die linke Hälfte horizontal strukturiert wird, die rechte fast schon vertikal, man weiß nicht, sind es zwei Situationen, die der Maler erzähln will, oder derselbe Zug, und drin spiegelt es sich, das zweisam-einsame Schattenpärchen aus Strangers in the Night, der Lichtpunkt zwischen Zeitung und Mensch, Wer ist draußen, wer drin, das Bild verräts nicht, Und was hält es zusammen, Über alle Dichotomie hinweg, Na, wissen Sies, Na, ahnen Sies?: Die abstrakte Organisation der Formen und Farben, GENAU!, die Korrespondenz der Faktur hüm wie drüm, die kreuzweise Anordnung der gähnenden Löcher, der fleischlichen Kreise von müdsüßem Köpfchen und Hand, ein gegenständliches Bild, jaja, und doch wieder nicht, denn trotzdem abstrakt, und trotzdem weit offen, Harfenlos, wie es im Liede heißt, Dieser Weg in die übersinnliche

[Triptychon: Große Frauen, Aufwärts, Bunter Vogel]

Welt, Wahnsinnsverstörung, Sinnesbetörung, Und das? Die Schatten der Nacht, das Flirren der Stadt, ihr Vibrato, die kobaltblaue Schwüle, Und das? Freuen wir uns doch, wenn die Sonne aufgeht und das schöne Licht kommt! Das Gaslicht kann ausgehen, das elektrische. Ist das eine Sonne? Das Blau eine Stadt? Das Herz ist trügerisch und führt in die Irre, wer mag es kennen? Das Auge nicht minder. Das Auge sucht, Zitatzitat, in jedem abstrakten Bild nach einem greifbaren Ding, nach einem Notrettungsring, Na, wissen Sies?, Kirkeby!, Nach einem Anker, nach einem Punkt, den es als bekannt auffassen mag, nach der Mickymaus im Bild, Ja?, Das braucht keine Maus zu sein, Es reicht, man kann in ihm etwas lesen, Es reicht, Der liest eine Maus, Jener ein Nilpferd, Die einen Teddy, Hier eine Sonne, oder Eulenauge, oder zwei Eulenaugen, also ein Vogel, Nicht wahr?, oder da kleine Männchen mit gestärkten Hemdkragen, oder dort große Fraun, mit großen Brüsten, eben den Anker, der das Suchen belohnt, die Mickymaus, die heiß geliebte, die glühend ersehnte Bekannte aus der Welt der Realität,

weshalb es so legitim wie konsequent ist, in ein und demselben Triptychon Abstraktum und Gegenstand zu kombinieren, Wobei, die Frage sei gestattet, Sind Sie wirklich sicher?, Draußen rumort es, Kippwagen zur Ecke, wo Commerz- und Privatbank stehn, Depositenverwahrung, davor besoffene Penner und Grafittisprayer mit Pudelmützen, Verwaltung von Wertpapieren, Einzahlung von Bargeld, BILD-ZEITUNG!, Man kann stundenlang überlegen, als Maler, oder als der Betrachter, Ich meine, Ob die Rolltreppe tatsächlich rollt, Eben das ist doch spannend, diese Offenheit, jeder sieht etwas anderes in Micky oder der Maus, oder in dem Bild im Bild in dem Bild, Oder in den Graffitis, oder vielleicht STEHT sie, Stromausfall, die Treppe, Oder rollt sie etwa doch, und falls ja: Wohin?,

[Eilig]

Wohin eilt eintlich? Ein junges Meechen steigt aus der 99, Mariendorf, Lichtenrader Chaussee, Hedwigskirche, Rosenthaler Platz, Seestraße Ecke Togostraße, in den Nächten Sonnaamd auf Sonntach Nonstop-Betrieb zwischen Uferstraße und Tempelhof im Abstand von 10 Minuten, ratatatatamm, ratatatatamm, ratatatatamm, Es ist 9 Uhr aams, sie hat wohl eine Mappe unter dem Arm, den Krimmerkragen hat sie hoch ins Jesichte geschlagen, Wohin also eilt sie eigentlich? Gelb, auf einmal wirds Gelb, und ein Mohn-Rot schreit, Wozu?, Wozu und Warum hat Leich die stehende Figur, diese Randverstärkung links anner Ecke, verwischt und nicht die eilsame Frau? Die Sicht, meine Damen, die Sicht, meine Herrn, beachten Sie die Sicht aufs Geschehn, das erst auf halber Höhe einsetzt, Ich habe es eilig, Ich darf heut nicht so spät, Nein wirklich, nicht zu spät nach Hause, Aber Warum, du bist doch kein Kind mehr, Ja doch, jaja, Es ist die Sicht eines Kindes, von schräg halbunten, Warum

also so und nicht anders? Die Malerei ist tot! Die Malerei ist tot! Wenn ich das schon höre! Als ich anfing, damals, Gemalt hab ich immer, Ich habe das Terpentin aus der Mutterbrust (oder so), begriff ich, was das für ein Wahnsinn ist, die Malerei, Und was man damit machen kann! Zitat Arno Rink, es hätte auch Leich, nun denn: Mir war auf einmal klar, dass man tausend, hunderttausend, NEIN: UNZÄHLIGE Möglichkeiten hat, sich so zu entscheiden oder so oder halt noch ganz anders. Eben unerschöpflich, sagt Leich. Und dass man völlig unabhängig ist, Rink. Dass man notfalls nur ein Stück Papier, Farbe, sagt Leich, Farbe ist alles, einen Haufen Kot und zwei verschiedene Sorten Schuhcreme, sagt Rink, benötigt, um ein Bild zu malen. Man benötigt weder einen Verleger noch ein Orchester. Die Grenzen verlaufen nur im eigenen Kopf und dem des Betrachters, wenn überhaupt

[Alexanderplatz]

in der Mappe, die sie unterm Arm hält, vielleicht, Notenblätter drin sind, eine Musikerin mit Notenmappe, Könnte doch sein, Hat sie brav geübt?, Chopin, Die Nocturnes, Ratatatatamm, ratatatatamm, ratatatatamm. So wollen wir fröhlich beginnen: Mit den Händchen klapp klapp klapp, mit den Füßchen trapp trapp trapp, Oder Schubert, Die Wandererfantasie, Die Sonate A-Dur, und treten hinan, und werden erschlagen, Oom wern wir erschlagen, Am Alex vom Radau und Getös, da reißen sie den Damm auf für die neue U-Bahn, Man geht auf Brettern, Vor Krach kann man sein eigenes Wort nich mehr, Die S-Bahnen fahrn über den Platz die Alexanderstraße herauf durch die Münzstraße zum Rosenthaler Tor, Rechts und Links sind Straßen, in den Straßen steht Haus bei Haus, Aber drunten

unter dem Pflaster ists freigegeben zum Abbruch, unheimliches Schummer, licht, der Zahn der Zeit nagt stumm an den Wänden, Salpeter, durchsichtig hinfällig auf dieser... Abbruchgrundierung, Und davor dieses Rot!, Es ist, mit Verlaub, ein historisches Bild, Schichten von bröckelndem Putz, Mauerskelett, Schilder von vielen Epochen, das es so nichmehr gibt, alles längst tot/grund/saniert, wegradiert, übergepflügt und untergebaut, zwischen den Zeilen. Lesen, wie lang ist das her, und: Ein Rot!; Ein Rot wie ein Dur bei Schubert, je wärmer, desto tiefer dem Vergehn zugeneigt, das Bauwahn heißt, statt Metternich Wowi und Kohl, Was aber

[Fenster zum Hof]

Was aber die Schatten? Sie sind, unter uns, der Ursprung, Ganz unter uns: aus dem Fenster zum Hof, vom vierten Stock, den Blick runter ins Gewisper des Innenhofs, Blauwisper-Schatten, Unter uns: Biografisch, Erinnert, Denn das Bild, Das Bild entsteht zuerst im Kopf, ist dort vorhanden, zuallererst, spätestens, sobald in Terpentin sein zartes Gerüst steht, Von wegen gestisch!, Von wegen Bauch! Mein Gedächtnis, Mein Kopf, Der Kopf ist das größte Malwerkzeug des Menschen, Und DER entscheidet, Blau zu schweben und Rot zu knallen, entscheidet, Grund bloß zu lassen, Öl satt zu wässern, fast aquarellhaft, Wer sacht denn, Na wer, dass das anrüchig sei?, Und DER entscheidet, den sorg~fältjen Betrachter zu ärgern, dem Handwerks~

[Sicherheit]

meister ne Naase zu drehn! Oder dem Wachmann, dem Doofkopp, die Wurstpranke hart am Gemächt. Die Schließgesellschaften beschützen alles, und allet und allet und allet und allet, sie jehn herum, sie stehn herum, sie gehen hindurch, fahren umher, sehen hinein, stechen Uhren, stecken Karten, sichern, entsichern, Alarm, ALARM, Wach- und Schutzdienst für GROß-BERLIN und Umgebung, Wachmannschaft, Wachzentrale, Wachstuch, Flachsmann, Flachmann, Waschanstalt, Wäscheverleih, Herren- und Damenwäsche, Wäscher und Wixer und Spanner, WER BITTE BEOBACHTET HIER EIGENTLICH WEN? Wieder dieses (Schmatz!) leichthändige Spiel mit dem Spiegeleffekt, die Züge amorph, Schatten und Proto~, Typen ohne wirkliche Individualität, Rot knallt das Dur, Gold röhrt Gewalt, der Himmel, na klar, unvollendet, Farbe und Form direkt, fast brutal, ein Tableau der ganzen fetten Arroganz der Macht, bullig und tumb, ein Kettenhund schwarzrotgeld-aggressiv, der sich außer Haus zusammreißen muss, und wieder, und wieder

[Fahrgäste 3]

und wieder: Sehnse, wir kennn das: den kindlichen Blick auf den Terminator, auf den Plastikbeutel von Mama, auf die Handtasche von soner Frau, die man nich kennt und die ein nich kennt und nichma ankuckt, denn sie ist in Eile und nüscht als bei sich, und alle schauen sie nur wech, nich wie auf nem Foto; oder grad doch? FOTOS, Natürlich, ich fotografiere ja viel, aber nicht in der Hoffnung oder mit dem Ziel, Motivvorlagen zu finden, sagt Rink, sondern eher benutze ich die Fotos als eine Art Skizzenbuch, sagt Leich, sagt Rink, sagt Leich, aus dem ich Anregungen schöpfe und Montagevorlagen,

[Umsteigen]

schaun Sie sich nur den Bahnhof an, hier, Umsteigen bitte, Real und doch nicht, Alles schwarz rot und gold, der Königsweg ist golden gepflastert, natürlich, Umgestiegen wird, ´türlich, nach rechts, und der Himmel ist ziemlich schwarzschwarz, was bleibt ihm ooch anderes übrich? Und dann geschieht es, dass die 41 kommt, hält, und man steigt ein. Man fühlt, das ist richtig. Abfahrt, und man fährt

[ Blaue Stunde ]

und fährt und fährt, is Holzauktion, taramtatamm, taramtatamm, und fährt und fährt und landet, Und Franzkopf marschiert, weiß nicht was er will, auf den Alex zurück, oder, und steht vor der Kneipe. Und wartet. Und wartet. Ja doch, das will er! Er steht da und fühlt wie eine Magnetnadel — und ist schon mittendrin, Een Doppelten? Ja doch, jaja. Ankucken tut einen hier ooch keener, Schon verdammt spät, die meisten, Beachten Sie bitte, meine Damen und Herrn,

dieses grandjose Repoussoir, hinter dem alles so tief wird wie der Schluck, den der arme Schlucker einführt, diese drückende Decke, Es ist ein Schnitter, der heißt Tod, Müde bin ich, gähn zur Ruh, Und Der Nachtrabe graut alles ein, alles bis auf die frei gelassenen Stellen,

hier unten rechts, Mein Ausstieg, sagt Leich, aus dem Bild, der Notausstieg, um nicht alles dicht zu verpappen, um dem Betrachter die Möglichkeit zu verschaffen, das Bild zu Ende zu denken, zwischen den Zeilen

[ Baugrube ]

kann so viel Freiraum sein, Leipziger Platz, Erinnern Sie sich?, Leipziger Platz und Erich Mendelssohn, Columbushaus, Haus Vaterland, unter den Nazis DIE FAHNEN HOCH, DIE REIHEN, und danach: Die Mauer, mittenmang, fest geschlossen, Aktien des Tages: Safety 14,76 + 8,02. Digita 17,98 + 6,45. RentAMan 61,78 +4,35. Fest geschlossen, die Spuren verwischt, Beton, Beton macht alles platt, Begraben, Begraben, Der Markt: Schweine. Das Angebot reicht kaum, die Nachfrage zu bedienen, Deutlich steigende Preise. Arbeiter. Arbeitsvermieter versuchten zu Beginn der Woche die Preise für Jungarbeiter weiter zu drücken. Für weibliche Kräfte wurden die Einstellungspreise erneut ermäßigt. DIE AKTIEN HOCH. DIE HÄUSER FEST. Der Glimmer des Glaspalasts hinten dräut kobaltblau wie die Sohlen der Gruben, Ganz unter uns, im Vertrauen: Ein böses! Bitterböses!, Über der Erde und unter der Erde aber sind Bauten, Büros und Geschäfte, Parkhäuser, Wohnzellen, Zwischen den Wänden, Zwischen den Zellen ergibt sich ein Haken~

[Fahrgast (Selbst)]

k~ ~. Nun ist es gut. Aller Anfang ist schwer. Sie sollten sich merken: Leipziger Platz. Und Pinselgestupse. DA-DA-DA. Offensichtlich mit Pinseln, mit deren Hilfe das Bild gemalt worden ist, man könnte auch meinn, eine Visitenkarte der Farbwelt des Bildes. Oder ein Summary, Und da: Ein Ausrufezeichen. Und da: das Semikolon. Ein verkappter Punkt. Ein Zeilen~

Umbruch, der dennoch nicht bricht. Ein Enjambement, das in die Irre

oder zu Rink führt, zu Schubert oder Döblin. Malerei als tätiges Erinnern. Als tätliches Erinnern. Für einen zumal, Der das Terpentin mit der Mutterbrust (oder so), Dessen Vater Maler war und der sich als solcher äußert, DER SOHN SOLL EIN BAUM SEIN. Der in Berlin aufwuchs, es verließ und zwischen den Zeiten zurückkehrt, nach Hamburg, nach Frankreich, nach Bremen, um Spuren zu suchen im Antlitz der Stadt. Und der nichts vorfand, wie es war und nichts, wie es sein wird noch bleiben. Ein Spuren~Sucher im Schlick zwischen zwei Fluten. Ein Seismograph. Ein Motive~Er~Finder. Ein Geschichte-Geschichten-Erzähler. Ein Zustands-Interpretierer. Der, als ein der Sinnlichkeit der Farbe Höriger, ihr die Eigenwerte belässt, um sie nicht zu schließen, sie nicht totzuwürgen, sie atmen zu lassen, sie offen zu halten für ihren Esprit. Welcher auch bedrückt sein kann, nachdenklich, na klar. Großstadt-Tristesse, Umbruch-Gewalt, Einsamkeit in knalligen Farben. Wo sich das einordnen lässt, Zitat nicht von Leich, oder ja?, Ist mir doch egal. Mir liegt daran, dass das Bild Gegensätze formuliert. Und dass man die Widersprüchlichkeiten und offenen Stellen im Bilde aushält. Ich strebe eine

Eine: Ja, genau das ist es: Eine malerisch wie außermalerisch intelligente Malerei im Sinne einer Intelligenz, die nichts mit lexikalischer Intelligenz zu tun hat, wohl aber mit Sinnlichkeit wie Bewusstheit, Sinn wie Sinnfreiheit, Begeisterung wie Kalkül, Spontaneität wie Reflektion gleichermaßen. Erinnern Sie sich: An der Börse gegen 11 stiller Verkehr, IG Farben 260, Ein russischer Student, Alex F., erschoss seine Braut Edward Hopper, Moses Mendelsohn, Erich M., Adolf H.. Widebum, Widebum, Im Grunewald, im Grunewald ist Kanzleramt. Ein wenig Wissen schadet nicht, derlei zu genießen: Die mehrschichtig schillernden Spiegel. Das verwässerte Öl. Die unvollendeten Gründe. Die angeknabberten Themen. Die An- und Abdeutungen. Das geschmeidig Ungelenke. Die schwanken Kähne. Die angeschrägten Plateaus. Die kippenden Böden. Die verkappten Ausrufe-Punkte, die syntaktischen Brüche, die Holper-Syn

kopen. Diese Grafitti-Tags, Kennungen aus der japanischen Ornamentalik. Zum letzten Bild nur noch d: —

Ahnen Sie es? SO
sieht ein echter Leich aus!

Vielen Dank auch.

 

2006

Mehr in dieser Kategorie: « Bärbel Deharde Theo Haasche »