14 - 12 - 2018

Lilian Bonneaud

Das Wesen der Steine


Liebe Gäste,


ich habe Ihnen etwas mitgebracht, verborgen unter diesem Tuch. Jetzt, nach der Enthüllung, höre ich Sie sagen, Ach nur ein Stein. Sie haben nicht einmal unrecht. So ein Stein, was ist das schon? Er ist schwer. Er ist hart. Er ist stumm. Taub und blind ist er auch. Er hat keine An- und keine Austaste. Keinen Klingelknopf. Und kein Display. Wohin man guckt, nur Stein. Ringsum nur Stein. Langweilig und tot. Todlangweilig.

Wenn Sie ein wenig innehalten, verlangsamen und einen zweiten Blick wagen, dann wird Ihnen sicher einiges mehr in den Sinn kommen. Zum Beispiel, dass der Stein eine Form hat wie ein ganzer Berg. Oder dass er zusammengefügt scheint wie aus einzelnen Faserbahnen. Und dass einige von denen dunkler sind als die anderen. Und glänzen und glitzern, wenn man sie gegen das Licht hält. Oder dass an anderen Stellen der Stein seine Farbe wechselt, fast weiß scheint oder durchsichtig. Vielleicht bemerken Sie auch, wie glatt und geschmiert Fingerspitzen über die behauenen Flächen gleiten mögen.

Ich habe kürzlich ein Buch über Steine gelesen, nein, verschlungen. Der Autor, Maximilian Glas, stellt die These auf, wir leben noch immer in der Steinzeit, eigentlich hat die Steinzeit erst richtig begonnen. Denn vieles von dem, was uns im täglichen Leben an technischen Errungenschaften umgibt, basiert auf Steinen - die Erze, die Metalle, Kohle, das Öl aus der Erde, die Quarze, das Glas, Silizium, ohne das elektronische Leiterelemente nicht denkbar wären. Und dann widerlegt der Autor alle Vorurteile, die ich bisher in bezug auf Steine hatte. Steine sind nicht tot: sie wachsen und leben - allerdings in Zeiträumen, die sich oft außerhalb unser kleinen Vorstellung vollziehen; sie entstehen aus Staub oder Körnern oder aus dem Magma des Erdinnern, sie verändern in Jahrtausenden ihre Konsistenz, werden verdichtet oder werden abgetragen, haben keinen Anfang und keine Ende. Steine erzählen Geschichten und Geschichte. Sie sind materialisierte Erinnerung. Steine haben ein Gesicht, Steine haben Farben. Steine sind in gewisser Weise dem Wasser ähnlich, sie enthalten Kristalle. Manche Gesteinsformationen türmen sich wie Wellenberge. Wie viele Tropfen zum Fluß werden, so machen viele Sandkörner den Stein.

Dieser Stein, liebe Gäste, ist ein Steatit, im Lexikon erklärt als Aggregat des Minerals Talk. Über dieses wiederum erfahren wir, es hat die chemische Zusammensetzung Mg3-OH2-Si4-O10, enthält also die Atome von Wasserstoff, Sauerstoff, Silizium und Magnesium, alles Stoffe, die wir zum Leben brauchen, die in unserer Umwelt sind, die selbst in uns, unseren Körpern sind, Stoffe, ohne die es kein Leben gäbe. Sage da noch einer, ein Stein sei tot! Wenn wir uns ihm mit anderen Augen nähern, erweist sich das als dummes Vorurteil, sonst nichts.

Diesen Steatit haben mir meine Kinder letztes Weihnachten geschenkt, damit ich mich daran austoben kann. Weit bin ich damit noch nicht gekommen. Ganz anders Lilian-Francoise mit den Steatiten, die sie auf ihrem Lager hat. Als Bildhauerin arbeitet Liliane Bonneaud seit Jahren bevorzugt mit Steatiten, vulgo Speckstein, und weil ich, als ich das erste Mal ihre Skulpturen und Objekte aus diesem Material sah, wenig damit anzufangen wußte, fragte ich sie, Warum Speckstein? Die Antwort kam so prompt und so selbstverständlich, dass ich mich schämte, gefragt zu haben. Weil Speckstein Leben ist, erklärte sie mir. Und Wärme. Speckstein ist magmatischen Ursprunges, kommt aus dem Innern unserer Erde. Speckstein hält die Wärme in Öfen, er kann Wärme speichern und abgeben wie Menschen mit dem Herzen. Speckstein ist die ganze Welt, er kommt aus China oder Südafrika oder Südamerika. Speckstein hat feine Zeichnungen, wie Blätter. Speckstein läßt, wenn er dünnlagig geschnitten ist, sogar das Licht hindurch, wie Blätter. Speckstein ist für mich Natur.

Bildhauerei kommt nicht selten wuchtig daher, die Kanten und das Schroffe zu betonen, die Sprödigkeit des Materials und seine Erdschwere. Liliane Bonneauds Arbeiten sind anders. Jedes Objekt belegt den Versuch, die Schwere zu überwinden, das Schroffe zu glätten, den Stein zum Fliegen zu bringen, zum Wärmen, zum Singen. So entstehen Formen, die andere aus Seidenpapier gestalten würden, wenn überhaupt. Speckstein ist Wärme. Sie finden in Liliane Bonneauds Skulpturen eben diese Leichtigkeit und Wärme ihres Herzens und ihrer Weltsicht wieder, und wenn nicht auf den ersten Blick, dann auf den zweiten.

Wenden wir uns Liliane Bonneauds Malerei zu. Ich bin letzten Sonntag Gast einer Vernissage gewesen, bei der die Laudatorin zu einer souveränen Handbewegung die Bemerkung tropfen ließ, man solle den Eindruck der ausgestellten Bilder nicht zerreden, sondern sie einfach auf sich wirken lassen. Das hat durchaus etwas für sich, und es ist noch garnicht so lange her, dass ich selbst in diesen Räumen etwas zum Thema "Der erste Blick" gesagt habe. Wie bedeutend der sei undundund. Nun ist der erste Blick aber auch der unmittelbarste, der unvermittelste, unverbildetste, der am wenigsten beleckte. Wie wenig weit so ein unbedarfter Blick führen kann, haben wir ja bei den Steinen gesehen. Erst das Nachdenken und erst weitere Informationen haben uns mehr sehen lassen als das Oberflächliche, das sich uns auf Anhieb erschließen wollte. Manchmal sieht man erst, was man weiß. Manchmal sieht man ohne Wissen so wenig, dass einem Wesentliches entgeht. Für den Blick auf Liliane Bonneauds Bilder gilt ähnliches. Mein erster Blick auf Bilder ist, das mußte ich erst einmal erkennen und mir eingestehen nachträglich, ein gefilterter. Die Filter heißen zum Beispiel deutsche Kultur, heißen Expressionismus, Informel undsoweiter. Ich schätze Malerei, in der die Farbe tropft, wo "etwas los ist", wie man so schön sagt, am liebsten sind mir "Bilder, die weh tun". Wer sich Lilianes Bildern mit einem solchen Blick nähert, sieht - ja was? Liebevoll gezeichnete Darstellungen von Natur, von Landschaften, von Pflanzen, detailfreudig, Porträts und Abbilder auch von Menschen. Er sieht Bilder mit einem ganzen Teppich von Bildern; er sieht Farben, viele, meist helle Farben, kurz: nichts, was ihn begeistern könnte.

Schauen wir ein zweites Mal hin, mit anderen Augen. Mit einem Blick, freier von Vorurteilen. Unbefangener. Ohne Filter. Vielleicht fällt uns jetzt auf, wie lebendig die Wellen einem entgegenbranden. Oder wie unglaublich zart die Tautropfen auf einer Blüte gelungen sind. Oder wie eindrucksvoll so manches Porträt. Dabei finden wir uns noch immer an der Oberfläche, ungefähr da, wo wir vorhin den Stein gegen das Licht gehalten haben, um ihn glitzern zu sehen. Die inhaltliche Annäherung steht uns noch bevor, wir müssen uns Zeit für sie nehmen. Dann bemerken wir zum Beispiel, dass bestimmte Dinge in den unterschiedlichsten Bildsituationen wieder auftauchen. Da ist etwas, das sich nach oben schwingt: eine Flamme? Flügel? Blüten? Überhaupt Blüten, auf vielen Bildern finden wir Blüten und Blätter, solitär für sich stehend, als erzählendes Beiwerk, als verknüpfende Elemente auf Lilianes Bilderteppichen. Da ist ein Geflecht aus Rauten, ein Zaun vielleicht, ein Gitter, ein Netz, auch das taucht immer wieder auf. Es gibt derartige Elemente in Lilianes Bonneauds Werk in großer Anzahl, und wenn wir das erkannt haben, beschleicht uns auch schon die Vermutung, das wird wohl nicht zufällig sein. Aber bevor wir das vertiefen, nimmt uns ein anderer Aspekt der Oberfläche ihrer Bilder die Ausgestaltung der Faserbahnen. Was ich damit meine? Dieses Nebeneinander mehrerer Geschichten, diese Addition narrativer Elemente in einem Bild, in einem einzigen Objekt. So ein Werk platzt förmlich vor Mitteilsamkeit, es will etwas loswerden, und wenn man erst mal so weit ist, das begriffen zu haben, läßt es einen nicht los, und man bleibt davor stehen und schüttelt den Kopf über sich selbst und dann ergibt man sich und sagt stumm: Na erzähl´ schon.

Die Geschichten, die Liliane Bonneaud erzählt, sind altmodisch und undeutsch. Altmodisch, weil sie romantisch sind, undeutsch, weil sie ihren Überbau eher aus der formoffenen französischen Romantik beziehen als aus der deutschen. "Ich kann keinen deutschen Expressionismus malen", hat sie mir erklärt, "in mir ist die Natur, in mir ist das Schöne, in mir ist Unendlichkeit, in mir ist Romantik, das gehört alles zusammen, so bin ich nun mal, und so male ich". Liliane Bonneaud ist eine belesene Künstlerin. Sie kennt ihren Victor Hugo und ihren Puschkin. Sie hat des Knaben Wunderhorn gelesen. Sie setzt sich auseinander mit Caspar David Friedrich, mit Novalis, Ludwig Tieck, mit Nicolai Hartmann und mit Wackenroder. Sie beschäftigt sich mit Psychoanalyse, mit ihrem Freud und ihrem Fromm. Sie ist tiefreligiös und sie liest theologische Schriften. Sie verfügt über ein profundes historisches Wissen, und all diese Kenntnisse erweitert sie fortlaufend, wenn sie nicht gerade malt oder skulpturiert. Sie arbeitet hart.

Liliane Bonneaud ist eine Künstlerin, die des Träumens fähig ist. Ihre Träume sind gute Träume, und sie hat den Mut, sich dazu zu bekennen. Da ist der Traum von einer menschlichen Gemeinschaft, die noch nicht auseinandergebrochen ist, in der es Haß, Krieg, Schmerz und Tränen nicht gibt. Viele ihrer Bilder erzählen von diesem Traum, und dieser Traum führt sie immer wieder zur Beschäftigung mit der Geschichte. Das ist bei Werken wie dem Bild "Afghanistan" relativ leicht nachzuvollziehen. Andere Bilder enthalten, eher verklausuliert, mehr oder weniger deutlich erkennbare geschichtliche Symbole, zum Beispiel die Blätter der Teepflanze oder eine Ritterfigur. Die stehe für Graf Anton Günther, hat sie mir zu meinem Erstaunen erläutert, der habe sie tief beeindruckt, weil ihm gelungen sei, Blutvergießen allein mit Mitteln der Diplomatie zu verhindern. Da ist der Traum von und die Sehnsucht nach der Vollkommenheit der Natur. Eine Blüte ist nicht nur eine Blüte, sie ist Beleg für die makellose Schönheit der Schöpfung, für ihre Vollkommenheit, Indiz für die Existenz eines guten Gottes; in ihr spiegelt sich Größe des Universums exemplarisch, es gibt nichts, was nicht in die Ganzheit des Universums eingebunden wäre; das trifft auch und gerade für den Menschen zu. Der Mensch ist zwar verstrickt in die Zeitläufte, wird von ihnen beschränkt, gefangen in Netzen, wie auch die Natur gefangen ist, doch wie sie hat er die Kraft, die Netze zu sprengen, sie hinter sich zu lassen, alle Kraft der Schöpfung ist in ihm, der sich sehnt nach dem Ideal der Schönheit und der Vollkommenheit. Mir ist beim Betrachten von Lilianes Bildern irgendwann wieder in den Sinn gekommen, dass sie in ihren Skulpturen dem Schweren Flügel verleiht, und von da an habe ich auch in ihren Bildern das Wehen dieser Flügel spüren können. Vielleicht geht es Ihnen ähnlich. Oder Sie finden und spüren etwas anderes, was sie berührt. Lassen Sie sich ruhig anrühren. Dann sind sie auf der richtigen Fährte. Suchen Sie weiter, auch wenn sie nicht jede Geschichte mit all ihren Symbolen und Metaphern auf Anhieb deuten können. Wenn Sie die Gelegenheit haben, sprechen Sie Liliane auf ihre Bilder an. Sie ist ein Sonnenschein, ein Mensch, dessen Wärme sich einem sofort erschließt, und eben jene Wärme und Leichtigkeit, die ihre Bilder und Objekte trägt, werden Ihnen schlagartig bekannt vorkommen.

Ich würde, meine sehr verehrten Damen und Herren, Ihnen wesentliche Aspekte des Zugangs zu Liliane Bonneauds Werk unterschlagen, wenn ich Ihnen verschwiege, dass die Künstlerin Liliane Bonneaud ein bemerkenswerter Mensch nicht nur wegen ihrer Kunstfertigkeit und wegen ihres Wissens ist, sondern auch deshalb, weil sie als Mutter zwei Kinder im wesentlichen alleine großgezogen hat. Weil sie mit schwierigeren Arbeitsbedingungen zu kämpfen hat, da ihr Platz fehlt und Unterstützung. Weil sie, wann immer es ging, dennoch fast jedes Jahr an wenigstens einer Ausstellung in Frankreich und an einer in Deutschland teilgenommen hat.

Und weil Liliane Bonneaud seit Jahren gegen eine Krankheit kämpft, die zum Tode zieht. Ich male jedes Bild wie das letzte, hat sie mir beiläufig gesagt, Jedes Bild kann ja das letzte sein. Liliane Bonneaud ist, ich deutete das bereits an, bei aller Wärme, die sie gespeichert hat, bei aller Leichtigkeit, die sie in ihren Bildern und im persönlichen Gespräch vermittelt, hart gegen sich selbst.

Ich denke, liebe Gäste, ich sollte mit meinen Ausführungen über die Werke dieser Ausstellung und über ihre Urheberin hier einen Schnitt machen und das, was wir jetzt wissen, erst einmal sacken lassen. Ich für meinen Teil war, nachdem ich mich mit Liliane unterhalten hatte, tief beeindruckt und nachdenklich und ich vermute, Ihnen wird es nicht anders gehen. Nehmen Sie sich deshalb, wenn Sie durch die Ausstellung gehen, heute oder die nächsten Tage oder Woche, viel Zeit für Liliane Bonneauds Werke. In jedem dieser Werke ist ein Stück von ihrem Herzen, von Liliane Bonneaud.

Lassen Sie uns zum Anfang zurück kehren, zu dem Stein, der vor mir steht. Lilian, Du hast Dir gewünscht, ich möge eines meiner Gedichte lesen, das Gedicht von der Stille. Ich werde Dir diesen Wunsch nicht erfüllen. Da sich unsere Lebenslinien gerade zu dem Zeitpunkt kreuzten, da Du einen Redner für Deine Ausstellung suchtest, und da ich mich mit Steinen beschäftigte, will ich Dir ein Steine-Gedicht widmen. An diesem Gedicht habe ich, als wir das erste Mal über diese Ausstellung sprachen, gearbeitet, inzwischen ist es fertig, und da Du es noch nicht kennst, will es ich Dir vorlesen.

Es heißt "Das Wesen der Steine".

das wesen der steine
(für liliane)


das wesen der steine ist härte
so vieles ertragen durch stete gewalt
die mit der zeit hinterließ ihre fährte
in mählichen lagen sedimentig gestalt´

das wesen der steine ist wärme
die hitze des magmas behutsam verwahrt
abschottend das innre gen äußres gelärme
ein speicher kristallen aus zeichnungen zart

das wesen der steine ist fließen
sie rinnen und rollen und schwellen zum fluß
aus tropfen die staub und langsamkeit hießen
zu schichten und wellen ohn jedweden schluß

das wesen der steine ist zärtlich
abdecken einbinden umhüllen den dreck
begreifbar unzählbar auf ewig verläßlich
sind sie einfach da und gehen nicht weg.


2001