18 - 08 - 2018

Diedrich Mörking

Noch einmal


Meine Frau
Auf einem
Bein, nackt

Das andre
Bein auf
Dem Bade-
Wannenrand

Aufgestützt
Fragt nach
Der Uhrzeit
Wie spät

Und ich sehe
Den kleinen
Fleck Haar

Zwischen ih-
Ren Schenkeln
Für sie eine
Stelle wie

Jede andere
Zum Waschen
Und denke
Warum nicht

Während sie
Noch einmal
Fragt, nackt
Das Standbein
Gewechselt.

Dieses Gedicht, das Rolf-Dieter Brinkmann vor mehr als zwanzig Jahren geschrieben hat, ich muss anmerken, ohne Punkt und Komma geschrieben hat, stellt den Leser an mindestens zwei Stellen vor Rätsel: „Warum nicht" und „noch einmal" heißen die Knackpunkte.

„wa_RUM nicht" unterstellt, dass etwas nicht stattfindet, „WA_rum nicht" das genaue Gegenteil.

„während sie noch einmal fragt" meint die Wiederholung des Fragens, zum Beispiel nach der Uhrzeit, also „während sie noch einmal fragt, wie spät es ist". „während sie – Gänsefüßchen hinzugedacht – „noch einmal" fragt" – „einmal" mit Fragezeichen, hat eine ganz andere Bedeutung, eine Bedeutung, die in dem Gedicht mit zwar keinem Wort direkt angesprochen wird, deren unterschwellig sexuelle Tönung aber den Reiz dieses Gedichts wesentlich ausmacht. Eine dritte Variante lautet „noch EINmal" – EIN mit sehnsuchtsvoll gedehntem Diphtong, im Sinne von „noch ein einziges Mal".

Die allermeisten Brinkmann-Gedichte sind, wie jenes, Alltagsgedichte. Alltagsgedichte in dem Sinn, dass sie Szenen aus dem so genannten gewöhnlichen Leben aufgreifen und in dem Sinn, dass sie sich hierzu eines der Umgangssprache entlehnten Vokabulars bedienen. Beides, das Fehlen eines hochsprachlichen Duktus und das Fehlen hochfliegender Sujets grenzt seine Lyrik – und die Lyrik verschiedener anderer Autoren seiner Generation – ab von dem , was man gemeinhin unter Begriffe wie klassische, schöne oder schöngeistige, bürgerliche Literatur subsumiert; die Unschärfe der einzelnen Etiketten wollen wir dahingestellt sein lassen. Was sie von dem Geplappere der Stammtische und Schulhöfe abhebt, ist die Art der Selektion, erst ihr ist zu danken, dass einem Leser die Poesie der Alltagstrivialität bewusst wird, es ist das Vermögen, die Alltagssprache in eine sich ihrer selbst enthebende Form zu gießen und es ist die Kraft, diese Widersprüche auszuhalten – die Widersprüche zwischen Alltagstrott und Poesie des Augenblicks, zwischen Gewöhnlichkeit der Zunge und der Kunstfertigkeit des Zungenschlages, zwischen Schmuddel und Schweiß des täglichen kleinen Lebens, das man führt, und der Ästhetik des Produktes, das künstlerisch umformende Reflexion zu gebären vermag. Ich weiß nicht, was Teddy Adorno, der ja bekanntlich nicht nur keinen Jazz mochte, zu Brinkmanns Gedichten gesagt haben würde, hätte er sie denn gekannt. Aber nach seinen eigenen Prinzipien hätte er der Dialektik dieser Gedichte einiges abgewinnen müssen, denn diese Art literarischer Äußerung tut bei aller Qualität der handwerklichen Fabrikation eines nicht: die Widersprüche, die Zerrissenheit in einer wie auch immer gearteten Synthese zu glätten, sie lässt, wenn man so will, die Dialektik des Augenblicks als unversöhnte Fragmente nebeneinander stehen.

Eine Laudatio auf Diedrich Mörking mit einem, mit diesem Brinkmann-Gedicht zu beginnen, meine sehr verehrten Damen und Herren, die ich Sie ganz herzlich begrüße und bei denen ich um Nachsicht dafür bitte, dies erst jetzt zu tun, aber Sie etwas zu überrumpeln, womit der gemeine Vernissagengast nicht rechnet, schien mir, wenn ich das Stutzen des gemeinen Ammerländers angesichts der Bilder dieser Ausstellung antizipiere, doch zu verlockend zu sein. Also Brinkmann. Brinkmann wegen seiner Alltäglichkeit – „Alltägliche Augenblicke" heißt DMs Ausstellung, wegen seiner Poesie, die sich, ebenso wie die Bilder hier, völliger Auflös- und Deutbarkeit heftig verwehren, wegen seiner Alltagspoesie, wegen der Popularität seiner Alltagspoesie, wegen seines Pop, cause of the pops, wie einer von Diedrich Mörkings Helden sagdenkschreiben würde.

Überhaupt der Pop: Fällt uns ein Comics, Cartoons, Flashlights, Spot an, Spot aus, Robert Rauschenberg, die Bravo, Jack Kerouac, Quickie im Hausflur, Lola rennt, Teenie im dünnen Baumwoll-Leibchen, Restaurants mit Schaufenster zur Straße, der Beat, Daumenkino, Photocomic, snapshot, cum shot, double cum, chewing gum, bubblegum, blowing in the wind, blow, poempaintig, ein E, das auf den Rücken fiel und mit den Beinen strampelt, strawberry fields forever, sticky fingers, yeah man, sticky fingers, unter viel zu engen Jeans.

Deine viel zu engen Jeans: heißt eine Arbeit von DM, die mindest so schwül schwitzt wie eine Frau, wenn sie noch einmal fragt (oder „Noch einmal?" fragt); wäre ich jetzt zum Beispiel eine Kunsthistorikerin im kleinen Schwarzen von Versace und einem Tropfen Chanel im Ansatz des Dekolletees, Ähnlichkeiten mit lebenden Personen sind natürlich rein zufällig, käme an dieser Stelle ein Rekurs auf die frühe griechische Kunst, der der Eros als heranwachsender Jüngling erschien, oft geflügelt, später knabenhaft, auch mit einem Bogen und zusammen mit Psyche, dem Mädchen, Mehrzahl von Eros: Eroten, oder Amorette, geflügelte kleine Knaben, aus denen die Putten der Renaissance hervorgingen..., was ich aber natürlich nicht bin, und mir deshalb erlauben darf zu formulieren: es geht, wenigstens prima vista, um Sex. Ich könnte natürlich auch sagen „Nageln", „Knallen", oder was auch immer in den Texten und Textfetzen, die in den Bildern aufleuchten, sich anbieten mag, doch gemach: ebenso wie Brinkmann beherrscht auch DM souverän die Kunst, zwischen den Zeilen zu schwitzen. Sicher, die meisten Bilder drehen sich anscheinend um das eine, doch das wird nie direkt plakativ verbildlicht. Es geht auch nicht um den Vorgang als solchen, noch um die Geschlechtlichkeit der Unterleiber, die übrigens auf den Bildern nur selten , und wenn, dann verhüllt, vorkommen, meist sehen wir Oberkörper, und die werden bestimmt von den Gesichtern derer, denen sie zugehören.

Worum es geht, ist etwas ganz anderes, scheint mir: Um Einsamkeit in der Zweisamkeit, um die Verlorenheit in Beziehungen, um die faden, schal schmeckenden Versuche, den alltäglichen schmuddeligen Blues zu überwinden. Das Phänomen der Nähe, die unerträglich ist und so Distanz schafft, Entfremdung, das Phänomen der Sehnsucht nach dem anderen, sobald man, wie man ja wollte, weg ist von ihm. Es scheint immer, wir gehen miteinander, und doch gehen wir stets einander vorbei, auch so eine Zeile von Brinkmann, eigentlch, ja doch, kommt sie Schubert, Sie nennen es Sprache beim andern, eine andere, sie könnte in diesem Zusammenhang auch lauten: Sie nennen es Nähe. Die Momente der größtmöglichen Nähe, der Vereinigung, sind denkbar als die Momente der größtmöglichen Entfremdung, Hollobecq lässt grüßen, und nirgends ist das Verlangen größer als im Stadium der Trennung. Oder das Verwirrspiel von Schein und Sein: was an der Oberfläche ist, braucht mit dem, was unter der Oberfläche sich abspielt, nicht das geringste zu tun zu haben. Situation 1 zieht Situation 2 nach sich, im Jojo-Pendel unten ist der oben schon angelegt, das Hamsterrad der Gefühle dreht sich, Snapshot folgt auf Snapshot, ist das noch der erste oder wo sind wir, wer weiß noch, was eigentlich ist, wie komme ich da nur wieder raus.

Das andere Thema von DMs Werk scheint mir prosaischer: es ist das Thema der Erinnerung. Zwar heischen seine Bild-in-Bild-Schachtelungen mit ihrem Pseudorealismus, ihrem photosuggestiven Code nach der Einschätzung einer Situationsauthentizität – grobkörnig Schwarz-Weiß, wie von einem Bild-Zeitungs-Reporter aus der Deckung in flagranti aufgenommen --, die sie indes nicht haben. Nicht haben können: denn es sind ja, obwohl sie Augenblicke bannen, keine sur-le-motif-Abbildungen, sondern, ich behaupte mal, dass das dann gar nicht anders sein kann, autobiografisch zentrierte Vergangenheitsbewältigung, künstlerisch elaboriert zwar und verrätselt, doch um einen den Malvorgang auslösenden Kern eigenen subjektiven Erlebens schwebend. Das kann auch deshalb nicht anders sein, weil, wenn man in einer Situation gefangen, befangen ist, in dieser Situation selbst zu einer Verarbeitung – literarisch, malerisch, musikalisch – unmöglich in der Lage ist, der Schatten des Augenblicks, wie Ernst Bloch das nannte, lähmt. Erst die Entfernung – diesmal die zeitliche Entfernung – ermöglicht Reflexion und Aufarbeitung, Umformung. „Das wahre Bild der Vergangenheit huscht vorbei. Nur als Bild, das auf Nimmerwiedersehen im Augenblick seiner Erkennbarkeit eben aufblitzt, ist die Vergangenheit festzuhalten... Denn es ist ein unwiederbringliches Bild der Vergangenheit, das mit jeder Gegenwart zu verschwinden droht, die sich nicht als in ihm gemeint erkannte" – nicht Brinkmann, nicht Mörking: Benjamin.

Geschichte ist deshalb der dritte Begriff, den ich als DMs Bildwelt prägendes Element ausgemacht habe; Familien-, Beziehungs-, eigene Geschichte, Geschichte der eigenen Generation, die Rolling Stones, Elvis, Rudi Dutschke, die Anglizismen, Time is on my Side, You needn´t it, Patterns, Idiome, die uns vertraut vorkommen, in denen wir uns und unsere wilden Jahre oder auch nur unsere wilden Träume von den jungen Jahren, die in Wirklichkeit scheißlangweilig waren, wiederfinden, und es ist wohl kein Zufall, dass das Beige, in das manche Schraffurzeichnung getaucht ist, frappierend an vergilbte Zeitungen oder an vergilbte Fotos erinnert, Fotos, auf denen die Jungs noch keinen Bauch hatten und die Mädels höchstens Größe 36 brauchten.

Womit wir bei der Farbe wären, einem Element, das der gelernte und überzeugte Grafiker DM seltenst formgebend einsetzt, sondern zum Kolorieren von Bildgründen, zum Auslöschen von Erinnerungen, zum Überblenden schlechter Gedanken, zum, Igitt, Durchkreuzen in Signalrot, heftig, dass die Farbnasen laufen, oder zum Anrühren eines Flickenteppichs in brüchig-erdigen Schatten, aus dem seine Figuren und ihre Bestandteile, ihre Fluchtwinkel und Sehnsuchtsorte sich herausschälen, ohne ihnen je zu entkommen. Im Spiel der Szenenkarten, die vor uns liegen wie ein aufgeschlagener Comic, vollzieht sich das Leben im Rechteck, im Raster, gerät bisweilen aus dem Lot, aus den Fugen, wenn der eine oder andere Blick sich wegdreht, das Neunzig-Grad-Gerüst verlässt, und wenn dann noch Schrift dazukommt, dieses herrlich kakographische Gekrakel, das man als Gedicht im Gedicht oder als Bild im Bild lesen kann, erinnert das Ganze an eines dieser genialen Brinkmann-Wort-Bilder-Bücher, wie Westwärts, die überquellen vor narrativer Obession: nicht nur many pictures in one, sondern gleich many persons in one, rauschhaft verwoben im harten Schwarz-Weiß-Schnitten und doch fein nuanciert, nicht zuletzt dank der Mittel der Perspektive und des Farb- , nein: Schwarzauftrages, der manchmal gebrochen wirkt wie verblassende Erinnerung.

„ich denke dass das gedicht die geeignete form ist, spontan erfasste vorgänge oder bewegungen, eine nur in einem augenblick sich deutlich zeigende empfindlichkeit konkret als snap-shot festzuhalten. Jeder kennt das, wenn zwischen tür und angel, das, was man in dem augenblick zufällig vor sich hat, zu einem sehr präzisen festen, zugleich aber auch sehr durchsichtigem bild wird" – alltägliche Augenblicke und ihre Aufarbeitung bei Brinkmann. Hätte er malen gekonnt, dann wären wohl Bilder herausgekommen wie diese, in die wir uns heute und in den nächsten Tagen und Wochen fallen lassen dürfen.

Ich wünsche dieser Ausstellung viele begeisterte Besucher, eine gute Presse, Ihnen, lieber DM, viele Fans, tolle Feedbacks, reiche Käufer; Sie und die Ausstellung hätten all dies verdient. Ich danke Herrn Bischof, der zu einer echten Stützen unseres nicht immer einfachen Wirkens geworden ist. Ich danke Gerhard Böhm, der sich von einem Tag auf den anderen bereit gefunden hat, diese Ausstellung kongenial zu begleiten. Ich danke Ihnen, liebe Gäste, für Ihre Aufmerksamkeit und dafür, dass Sie gekommen sind, mochte ich Ihnen gerne vorschlagen, heute abend um 20:00 beim Konzert des Bremer Klarinettenquartetts unser Gast zu sein; bis dahin kann man zum Italiener gehen. Im Konzert es gibt tolle Musik zu hören und in der Pause des Konzerts haben Sie Gelegenheit, den Gang durch die Ausstellung zu wiederholen, sich an den Bildern ein weiteres Mal zu erfreuen – noch einmal, sozusagen.

12.09.03 

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