18 - 08 - 2018

Empathie und Erinnern -- ein Beitrag zu einer neuen Erinnerungskultur

"Brücken bauten sich auf" - Hg. Alfred Büngen

ISBN 978-3-86685-353-9, 260 Seiten, 12 Euro

"Empathie und Erinnern" -- Rezension von Reinhard Rakow

In einem Beitrag für die "Berliner Zeitung" vom 31.01.2009 schildert die Journalistin Gunda Wöbken unter dem Titel "Ganz normale Ausrutscher" ein Kaffeehaus-Gespräch zwischen ihrem Mann Leo Trepp, dem letzten Landesrabbiner von Oldenburg vor der Shoa, Träger des Oldenburg-Preises der Oldenburgischen Landschaft, und einem jungen Pärchen. Trepp — er verstarb 2010 — erwähnt, dass seine Familie und er infolge der Novemberprogrome aus Deutschland hatten fliehen müssen. Tja, entgegnet die Frau, ihre Eltern hätten in den Bombennächten auch sehr gelitten. Das sei schon eine traurige Zeit gewesen.

Sieben Jahre her ist jene Begebenheit, und doch wirkt sie wie von heute. Solche "Ausrutscher" wie, gespeist aus dem Entgleiten von Geschichte, scheinen Regel geworden, nicht Ausnahme. Die aktuell dritte Generation des Erinnerns zeichnet sich aus oft genug durch Unschärfen des Verstehens, Neigung zur Geringschätzung  und mangelndes moralisches Unterscheidungsvermögen — ein Befund, den weder der didaktische Holocaust-Overkill der Vergangenheit  noch die gegenwärtig unterkühlt verkürzende Faktenvermittlungs-Variante sich zurechnen lassen will. Woran aber kranken dann die Versuche, jungen Menschen die Augen für die Vergangenheit zu öffnen? Woran die, ihnen die Einordnung des Geschehenen zu ermöglichen, um sie so vor Wiederholungsgefahren zu feien? Anders gewendet: Was ist zu tun, Erinnerung im Umgang mit dem Nazi-Regime lebendig zu gestalten, so lebendig, dass sie das Bewusstsein junger Menschen nachhaltig zu schärfen vermag?

Erstaunliche und erstaunlich profunde Antworten liefert das jüngst im Geest-Verlag Vechta erschienene Buch "Brücken bauten sich auf. Schüler versuchen zu verstehen - Ein Projekt zum Thema Nationalsozialismus und Ausgrenzung".  Dieses Buch dokumentiert in lesedienlich zugespitzter Form die zweijährige Arbeit eines Fachleistungskurses zum Thema "Nationalsozialismus und Ausgrenzung im Ammerland", an dem bis zu ihrem Abitur gut zwanzig Schülerinnen und Schüler des Gymnasiums Bad Zwischenahn-Edewecht teilnahmen.  Eingebettet in die schulischen Obligatorien -- wissenschaftliche Arbeit im Fach Geschichte, mündliche, schriftliche Leistung --, abgestimmt mit den Eltern und den schulischen Gremien, wurde hier zunächst (neben der Auffrischung vorhandenen Wissens) Geschichte von den Schülern selbst durchdrungen beim Besuch historischer Stätten, durch eigene Recherche in Zeitdokumenten, Befragung von Zeitzeugen, Gespräche mit Eltern und Großeltern. Bereits der Wert dieser Phase für eine lebendige Erinnerungskultur ist nicht zu unterschätzen. Er fließt nicht nur aus der Erwägung, dass selbsttätig Erarbeitetes stärker im Bewusstsein haftet als bloß rezeptiv Vorgesetztes, auch nicht "nur" daraus, dass immer weniger Zeitzeugen noch am Leben sind. Entscheidend war die sich hierbei bietende Chance des Nachvollzuges und der Aneignung auf einer auch emotionalen Ebene. Schon der damit verbundene Erwerb einer "empathischen Kompetenz" wurde von den Schülern als etwas völlig Neues wahrgenommen. Die Schülerin Nina Dierks etwa formulierte in ihrer Nachbetrachtung: "... war es trotzdem etwas völlig Neues, einen aufgewühlten, betroffenen Menschen zu interviewen, der mit den Tränen kämpfen muss, während man überlegt, wie man die nächste Frage formuliert und ob man sie überhaupt stellen kann."

So sensibilisert, mit Kenntnissen gewappnet, begaben sich die Schüler auf eine fiktive Zeitreise von 1933 bis in die Nachkriegsära, hierzu versehen mit Rollenbildern von zu Beginn gleichaltrigen Gymnasiasten, Rollenbildern, die sie sich aus einem vorgegebenen Katalog selbst auswählten, und die im Laufe der historischen Verläufe ihre Zuschnitte oft überraschend änderten. Über das Medium des sogenannten "Kreativen Schreibens", eingesetzt im üblichen Schulalltag wie an eigens gebildeten Wochenend-Blöcken, rangen die Schüler schreibend mit "ihren" Rollen, näherten sich ihnen, bemächtigten sich ihrer anhand von exemplarischen Aufgabenstellungen, die sie aus der Sicht des historischen Alter Ego zu bewältigen hatten: Wie mag es für dich als Zwangsarbeiter gewesen sein? Im Park wird eine Bank mit dem Schild "Nicht für Juden" versehen -- wie reagierst du?  "Du wirst gemustert und für tauglich befunden", "Dein erster Klassenkamerad stirbt im Krieg", "Die Mutter deines Freundes wird drangsaliert, weil sie Kriegsgefangenen etwas zugesteckt hat" und ähnlich lauteten die Aufgabenstellungen. Im Buch lesen sich gerade diese Passagen spannender als mancher gute Roman, spürt der Leser doch Seite um Seite, wieviel tiefer die Sensibilisierung der Autoren greift, je länger sie sich im denkenden und fühlenden Miteinander  mit "ihrer Rolle" um Verstehen bemühen.

Zweierlei wird dabei (den Autoren wie dem Leser) deutlich. Erstens: Versuche, nachträglich einfache Schuld- (und erst recht: Nicht-Schuld-) Zuweisungen zu konstruieren, entlarven sich schnell als obsolet, weil das alle Lebensbereiche durchdringende System von Unrecht und Ausgrenzung Abweichler und Nicht-Schuldige nicht duldete. Dies herausgearbeitet zu haben, ist eines der großen Verdienste dieses beeindruckenden Projekts: Totalitärer Herrschaft wie der der Nationalsozialisten war es deshalb ein Leichtes, Ich-schwache "Mitläufer" zu Mittätern zu dingen.  "Wer sich mit Juden einlässt, kann keine Karriere machen", "Wer Untermenschen unterstützt, braucht sich über nichts zu wundern".  Die zynische Kälte, mit der "Winfried II", ein Alter Ego eines Schülers, die Bestrafung einer "Verräterin" kommentiert ("Ein Schuss, und die Sache ist erledigt"), bringt das auf einen bestürzenden Punkt. Zweitens: Die Schülerautoren wuchsen an und mit ihren Rollen. Vom vielleicht ein wenig holprigen Beginn über fast geschmeidig routinierte Anverwandlung vollendet sich die Art und Weise der literarischen Fiktionalisierung in einer Qualität der Rollen-Adaption, die den  Leser unweigerlich ergreift -- auch, weil er die Ergriffenheit der Schreibenden greifbar spürt.  Als etwa "Mareike" ihren "Nachkriegstext" ("Irgendwann werde ich Lehrerin, um christliche Werte zu vermitteln") auf der Buchpremiere in der Aula des Gymnasiums vorlas, mit stockender Stimme, gegen Tränen kämpfend, gab es wohl keinen im Publikum, der nicht mitweinen musste.

Der kleine Geest-Verlag hat sich in den fünfzehn Jahren seines Bestehens eine Ausnahmestellung im Markt erarbeitet, indem er  zahlreiche, teils preisgekrönte, Schulprojekte mit Büchern begleitete, und indem er etliche bedeutende Werke zur Geschichte des Nationalsozialismus, zu Widerstand und Opferleid publizierte. Dass Verleger Alfred Büngen bei diesem Buch selbst als Herausgeber fungiert, ist eine Besonderheit nicht nur, weil dies den Wert des Bandes noch unterstreicht. Sie trägt auch dem weiteren Mitwirken Büngens Rechnung, hat er doch nicht nur ein gewichtiges Vorwort und erhellende -- nebenbei: mit Quellenangaben reich unterlegte -- Kommentare zu den einzelnen Fragestellungen verfasst.  Büngen war auch, im Zusammenwirken mit Geschichtslehrerin Christine Metzen-Kabbe, Anleitender und Ratgeber im Prozess des Literarischen Schreibens; als kundiger Gesprächspartner stand er den Schülern während des gesamten Projekts Rede und Antwort. Wie sehr die Schüler dies zu schätzen wussten, wie sehr sie zudem von der Aussicht beflügelt wurden, ihre Arbeit als Buch einer breiten Öffentlichkeit präsentieren zu dürfen: Auch das erhellen die Texte ihrer eigenen Evaluationen, das und einen weiteren Aspekt. Um erneut Nina Dierks zu zitieren: "Schon in den ersten Stunden ... wurde mir bewusst, dass hier eine ganz andere Seite beleuchtet wird. Nicht zuletzt dadurch, dass das Ganze ortsbezogen war. Ich hatte vorher nichts darüber gewusst, was genau damals im Ammerland passiert war, wir hatten immer nur über die Geschehnisse im gesamten Deutschland gesprochen. (...)" Die Benennung konkreter Protagonisten statt abstrakter Daten, die Bezogenheit auf ein vertrautes Umfeld statt auf ein großes Ganzes, Konkretheit auch in der Lokalisierung des Handlungsumfelds als Voraussetzungen für ein funktionierendes "Sich-In-einen-Menschen-Hineinversetzen": eigentlich eine Selbstverständlichkeit, und doch elementar für ein nachhaltiges, weil mitfühlendes Erinnern.

 Elementar für das Ziel, "Ausrutscher" und "gedankenloses", geschichtsvergessenes Geplapper fürderhin zu vermeiden -- und doch um ein Haar hinderlich für die Realisierung des von Anfang an geplanten Buches, denn die Firmen vor Ort im Ammerland taten sich schwer, derlei zu fördern. Erst eine maßgebliche Unterstützung der Oldenburgischen Landschaft brach den Bann und half, dieses Buch zu ermöglichen, ein Buch, das die Diskussion um zeitgemäße Formen des Erinnerns in außergewöhnlicher Weise bereichert, luzid, intelligent und anrührend zugleich.

Mehr in dieser Kategorie: « Theo Haasche