20 - 02 - 2018

Roger Willemsen: "... und du so?"

Ein Satz, neben den Spiegel zu hängen: "Ich stieg in meine Kutsche, nahm die Geliebte auf meinen Schoß, spielte mit ihren Brüsten und sang." Geschrieben hat ihn 1660 Samuel Pepys, ein Sekretär der britischen Admiralität, der durch seine Tagebücher berühmt wurde. Zitiert hat ihn Roger Willemsen in der Kulturetage als Beispiel für die Faszination, die Sprache auszuüben vermag, und weil er der Sprache dafür so dankbar ist, huldigt er ihr in einem kaum enden wollenden Monolog, betitelt "...und Du so?".

Willemsen, Literaturwissenschaftler, TV-Star und Grimme-Preisträger, hat dem (deutschen) Fernsehen den Rücken gekehrt, um sich vornehmlich dem Schreiben zu widmen; in diesem Jahr erscheinen seine Bücher zu Afghanistan und Guantánamo. Von solcher Themenschwere ist sein Soloprogramm nicht. Es geht um pausbäckige Knaben, die Maulwurfshügel zertrampeln, bucklichte bayerische Vermieterinnen, die einem Nüsse anbieten, deren Schokoladenüberzug sie bereits verzehrten, und um englische Austauschschülerinnen mit digitaler Mimik im Angesicht zeltartiger Parkas. Mit Wonne reiht sich Willemsen, der über Musil promovierte, in die Reihe literarischer Muttersöhnchen neben Proust und eben Musil ein. Der eigenen Mutter, dieser Frau, "die Standpunkte laichte", bietet er seine Wortperlenspiele dar, baut er Satzungetüme, schichtet er komplexe Spannungskonstrukte — und bleibt so, augenzwinkernd, der ewig Pubertierende, der nicht damit fertig wird, dass Lukas Cranach d.Ä. auf die entscheidenden Stellen des weiblichen Körpers immer störende Schatten legte. Die gezielte Einstreu von Bildung in Form von Namen wie Kleist und Joyce, Adorno und Shaw, Schleiermacher und Schiller verbirgt nicht wirklich, dass es um nichts geht; Gedanken wie der hübsche, der Mensch solle besser als Greis geboren werden und als Säugling sterben, angesaugt vom Schoß der Mutter, sind rar (und symptomatisch). Einerseits. Andererseits bringt Willemsen, der ewige (Schwieger-)Sohn, wohlondulierter Schlaks mit scheu gewinnendem Lächeln und schalkhaft blitzenden Äuglein hinter der Intellektuellen-Brille, es mit seinen Monologen vermutlich spielend fertig, mehr Leute für den Eros von Sprache zu begeistern als etwa ein Durs Grünbein mit seinem gesamten angestrengten Werk.

Zum Schluss wünschte sich eine Zuhörerin "noch einmal den schönen Satz mit der Kutsche". Wie spät haben wirs eigentlich? Was, gleich elf? Nun gut! Doch dann, Sekretäre, husch husch in die Kutschen!


2006