26 - 05 - 2018

Karotten und Schweinehals

"Karotten und Schweinehals -- Deutsche Kunst seit 1995": Das klingt voll interessant. Und das soll es auch: interessant klingen, denn das zieht Leute. Wer sich daraufhin die Ausstellung, die gemeint ist, im OKV ansieht, findet natürlich weder Karotten noch Schweinehals, und der Mühe, der Jahreszahl 1995 nachzuforschen, sollte er sich gar nicht erst unterziehen.

Tja, so sind sie, unsere Künstlerbuben: Sie spielen ja nur, mit der Kunstgeschichte, dem Museumsbetrieb, seiner Didaktik, den Konzepten. Und am liebsten, na klar, mit dem Besucher, der dieses Spiel kennt, es bereitwillig gouttiert, um sich alsdann auf die eigene Schulter zu klopfen: Ich (!) habe verstanden.

Verstanden, was die Arbeiten von André Butzer, Thomas Grötz, Michael Riedel, Thomas Winkler und Ulrich Wulff zusammenhält außer dem vorwiegenden Entstehungsjahr 2008? Was sie verbindet mit den Exponaten aus dem Archiv, 16. Jahrhundert und abwärts? Der tolle subversive Ansatz hinter der Hängung? Die „noch unausgesprochene Kritik an den politischen Institutionen unseres Kulturlebens"? Ach ja.

Dabei wäre alles so einfach. Denn eigentlich ist diese Ausstellung auch ohne allen verschwurbelten Überbau eine grandiose Verbeugung vor dem vor acht Jahren verstorbenen Hans Platschek, Maler, Essayist und Lästerer, der nicht müde wurde, dem Löcken des Künstlers wider den Stachel des Betriebs das Wort zu reden. Wenn andere informell mantschten, malte er delikat gegenständlich. Und umgekehrt. Auch Butzer und Co. malen an gegen den Mainstream der Zeit. Autodidaktisch ungehemmt formulieren sie mit elementarer Kraft Ansätze eines Gegenentwurfes zu dem surreal verquasten Leipziger Alles- und Einerlei eines Neo Rauch und seiner beamenden Epigonenschar. Das fördert Erfrischendes zutage, gutes, ehrliches Handwerk inklusive. Butzer, Rädelsführer einer amorphen Künstlergruppe, die vorgibt, die Konzeptkunst neu erfinden zu wollen, spielt sich für diese Schau mit den Kollegen die Riesenschinken zu, dass es nur so quietscht: Matisse, Miro, Malewitsch und Rothko hüpfen vor Gaudi im Grab. Jo mei, ist denn scho wieder Suprematismus?

Kein bißchen Rauch, nirgends, aber Spaß. Thomas Grötz übt mit reduziertem Formenalphabet die Verwandlung erdiger Töne in esoterische Wesenheit, ein pastoser Spät-Spät-Romantiker. Und Ulrich Wulf demonstriert, wie man gefühlte zwei Zenter matschiges Öl auf sechs Quadratmetern Leinwand möglichst prall, saft- und lustvoll verteilt. Wo er die Linie ins Spiel bringt, die Farben zum Reiben und die Flächen zum Platzen, steckt er gut und gerne Willem de Kooning in die geräumige Tasche: Da kommt wahre Freude auf, spontan, ungetrübt und voll lang anhaltend.


September 2008