22 - 06 - 2018

Ventapane-Quartett

Adorno mochte keinen Jazz. Warum, das konnte man als Besucher der Januarausgabe der "Konzerte im Schloss" unschwer nachvollziehen. Noch erfüllt vom dankbaren Staunen über die Strenge und Dichte der "Kunst der Fuge", Bachs monumentalem Meisterwerk, dem das Ventapane-Quartett vor der Pause in eineinhalb Stunden bezwingend gehuldigt hatte, erschlug einen nun das stampfende Wogen eines Jazzpianos mit sattsam bekannter Akkordik.

Und doch ist es dem Ventapane-Quartett — es zählt ohnehin zu den am hellsten strahlenden Aushängeschildern des Staatsorchesters Oldenburg — mit diesem Konzert gelungen, seine Strahlkraft gleichsam auf Höchstglanz zu polieren. Denn was die Vier (Lev Gelbard und Birgit Rabbels, Violinen, Christoph Rabbels, Viola, und André Saad, Cello), nach der Pause verstärkt um den Pianisten Andrei Drosdov, einen aus Moskau eingeflogenen Studienfreund Gelbards, an diesem Abend boten, übertraf alles Bekannte, ließ Gewohntes weit hinter sich. Als sich das Publikum zu schier endlosen Schlussovationen erhob, waren drei Stunden vergangen. Drei Stunden mit Bach und einer "Hommage á Billie Holiday", drei Stunden: ein körperlicher, musikantischer und nicht zuletzt intellektueller Kraftakt, den das Ensemble in grandioser Weise stemmte.

Dabei vollzog sich das Wichtigste im Verborgenen: Lev Gelbard richtete die Henle-Partitur neu ein, zusammen mit Andrei Drosdov arrangierte er Holiday für Klavier und Streichquartett. Und gemeinsam entwickelte man den Mut, dieses Programm der vermeintlich inkompatiblen Kontraste zu präsentieren, Fakten aus Holidays kaputter Vita inklusive. Das aber zeichnete dieses Konzert-Konzert vor allem aus: der Furor der Wahrhaftigkeit, der Dinge durchdringt, ihnen auf den (auch bitteren) Grund geht.

Gepaart mit technischer Perfektion, tiefem Ernst und zugleich unbändiger Lust am Gestalten lässt dieser Zugang eine "Kunst der Fuge" vom Himmel fallen, vor der der Atem stockt. Der feine Umgang mit Tempi und Dynamik befähigt den Hörer, die Mühen der Ebenen zu bewältigen, das Dunkel der Abgründe zu ermessen, Licht zu erkennen. Und dann die Holiday-Hommage! Nicht die Wegwerfware Plastik-Jazz bietet das Ensemble. Es malt Jazz mit Bedacht, und hinter der schmissig schönen Larve seiner Gemälde offenbart sich Verstörendes. Gelbards Geige klingt kratzig und rau, sie stockt und sie taumelt. Die Holiday steht vor uns, ein besoffenes Wrack, ein Häuflein von Mensch. Schaut: Das Whiskyglas fällt ihr aus der Hand, doch sie singt, zum Niederknien schön. Aus dem Piano perlt funkelnd Intelligenz, alle sind nur noch begeistert, und man weiß: Selbst Adorno wäre beeindruckt gewesen.


2011