11 - 12 - 2018

Danzabierta

Wolken ziehen über die Wand. Der Himmel ist sowas von blau und die Skyline Havannas sowas von weiß und das Licht sowas von grell, dass es einem beinah in die Augen beißt. Vor der Stadt flach das Meer, davor die Kaimauer, in gleicher Höhe wie die Oberkante der einzigen Requisite, eines Quaders aus Schaumstoff. Der Film zeigt eine junge Frau, eine der Tänzerinnen, wie sie in kurzem roten Kleid den Kai entlangflaniert. Auf dem Quader kommt ihr einer der Tänzer entgegen, umgarnt, berührt sie, spielt mit ihrem Bild. Währenddessen erscheint sie selbst leibhaftig unten, vor dem Quader, zusammengekauert, in einem kurzen schwarzen Kleid.

"MalSon", das Stück der kubanischen Kompanie "Danzabierta", begegnet einem als nicht enden sollender Siebzig-Minuten-Rausch gewaltiger Bilder. Der Titel ist ein Wortspiel: "Son Cubano" steht für traditionelle kubanische Tanzmusik, "Mal Son", Katalanisch, heißt "Böser Traum". Das Video von X Alberta, eine grandiose Hommage an Havannas strudelnd schräge Schönheit, die funkensprühende Choreografie von Susana Pous und die kongeniale Umsetzung durch drei Tänzerinnen und zwei Tänzer emulgieren Geschichte und Gegenwart, Geist, Witz und Körperlichkeit so souverän, so leicht und dicht, dass man noch tagelang mit dem Sortieren seiner Assoziationen beschäftigt ist. Mann und Frau, Du und Ich, Liebe, Eifersucht, Einsamkeit bilden die Bögen, die das Ganze verbinden, oder auch Havanna alt, Havanna neu, Lebensfreude und ihre Barrieren.

Die Tänzer sind Schauspieler sind Tänzer: Auf der Leinwand beim Erklimmen von Treppen, hinterm Steuer uralter Straßenkreuzer, beim sehnsüchtigen Blick übers tiefblaue Meer, auf dem Boden im akrobatisch eleganten Mit- und Gegeneinander. Video- und Bühnenhandlung korrespondieren ständig, durchbrechen sich. Mitten im Tanz frieren Bewegungen ein; von Schockstarre betroffen, scheint der Tänzer aus einem Holzschnitt von Masareel zu fallen, hinter sich den gähnenden Schlund eines Eschersch verschachtelten Treppenhauses. Andere nutzen den Dornröschenschläfer als eine Art Gliederpuppe, biegen ihn in Positur, schieben ihn beiseite, werfen ihn weg. Wieder erwacht, finden sich Paare zum schönen Spiel, Paare, die Leidenschaft leben und Grazie gestalten, mit der üppig irren Musik verschmelzend, con spirito e furioso. Während die Bildsprache bald abstrahiert, bald expressionistische Topoi zitiert, bringen die Tänzer die ganze Klaviatur der Gefühle furios zum Klingen.

In Havanna tanzt "Danzabierta" normalerweise vor zweitausend Besuchern. Ganz so viele waren es im Kleinen Haus nicht. Aber der Beifall, den sie spendeten, könnte dem in Havanna unterm Strich wohl ebenbürtig gewesen sein.