18 - 02 - 2018

Thomas Lehr: September

Dieses Buch verdiente einen Beipackzettel: Denn wer es sich antut, dem beschert  es soggleiche Strudel aus Bildern, Kulturen, Gerüchen, Gefühlen; in Wissen und Bewusstsein erweitert, findet der Konsument sich zunächst in langer regloser Stille, bevor es ihm gelingen will, zu erkennen, was ihm eben über fast 500 Seiten glückhaft widerfuhr. Thomas Lehrs "September. Fata Morgana", nominiert für den Deutschen Buchpreis 2010, ist mehr als nur ein weiterer großer Wurf eines schon oft für seine Klugheit gerühmten Schriftstellers. Es ist auch mehr als nur der Beweis, dass die Strahlkraft von Lehrs Dichtkunst die des Dreigestirns Grass-Wolf-Walser inzwischen (wenigstens) erreicht hat.  Es ist Weltliteratur, in bestem Goetheschen Sinn übrigens, geschaffen aus übernationalem, kosmopolitischen Geist.

Mit "September" unternimmt Lehr nichts weniger als den Versuch, unsere Welt zu verstehen, die Welt von "Nine-Eleven", vor und nach dem Anschlag auf die Zwillingstürme. Aus Geschichte und Politik, Literatur und Philosophie baut er das Tableau für seine vier Protagonisten, Väter und Töchter, Iraki und Westler je zur Hälfte. Martin, der Literaturprofessor, Deutscher und Wahlamerikaner, verliert seine Tochter Sabrina an jenem 11. September. Muna, ihr irakisches Pendant, stirbt 2004 bei einem Bombenanschlag, kurz bevor es ihrem Vater Tarik, einem Arzt, gelingt, die Familie aus Bagdad zu schaffen.

Von allen Dimensionen, die dieses staunenswerte Buch auf engstem Raum vereint, ist die Sprache und ihr Vermögen die wichtigste. Sie hebt an in der Art eines Langgedichts und bleibt es, ohne Punkt und Komma, strukturiert dann und wann durch Absätze, Sinnknoten gewissermaßen, Steine und Inseln im Strom der Monologe. Alle zehn bis zwanzig Seiten wechselt der Sprecher, der Duktus aber bleibt — gebildet, geschichtsbewusst, dialektisch. In Wahrheit nämlich lässt Lehr immer ein- und denselben sprechen, vierfach aufgefächert zu Martin und Tarik, Muna und Sabrina. Sein Erzähler namens Mensch wohnt in Manhattan oder Bagdad, leidet an oder unter seinem Präsidenten, er liest Goethe oder Hafis, schreibt Gedichte, träumt vom Paradies, er grübelt, er sucht den Sinn in dieser seiner unserer ver--rückten Welt, ohne ihn zu finden. Und lebt trotzdem weiter.

„Urteile nie über einen anderen, bevor Du nicht einen Mond lang in seinen Mokassins gegangen bist", lautet ein indianisches Sprichwort, dessen Wärme Lehrs (nebenbei: gänzlich unpathetischen) Roman durchglüht von der ersten bis zur letzten Zeile. Sein großer Gesang von der Absurdität der Welt ist Literatur gewordene Empathie.

 

Oktober 2010