11 - 12 - 2018

Urs Dietrich: Voices

Die Bühne gleicht dem Innenhof einer geschlossenen Anstalt. Ein Pfiff aus einer Trillerpfeife zerreißt die Leere. Ein Mensch wird auf die Bühne geworfen, verkriecht sich in einer Ecke. Ein zweiter, dritter, tut es ihm gleich. Weitere folgen, bilden Haufen, zerstieben. Ein jeder agiert für sich, stiert, zuckt, brabbelt vor sich hin, stumm zumeist, aus lautlos bewegten Lippen, in wie angewachsene Handys, voneinander weg, bestenfalls in fremder, unverstandener Sprache.

„Die Autisten in der Bühnenwelt: sprachlos" – schon diese Idee, pointiert frei nach Kluge, wäre als spannendes Motto eines Tanztheaterstückes aller Aufmerksamkeit wert. Doch mit „Voice", das jetzt auch in Oldenburg Premiere hatte, greift Urs Dietrich, Künstlerischer Leiter und „Choreographer in Residence" des Tanztheaters Bremen, um vieles weiter: Nicht nur die Funktion der Theatermacher und der Gemachten wird verhandelt, auch nicht nur die höchsteigene Rolle, selbst nicht einmal nur die des gaffenden Publikums. Immer spiegelt Theater (und wie es gemacht wird!) Gesellschaft, und so zeigt Dietrich den Autismus des Theaterbetriebs als Beispiel wie Auswuchs einer entmenschten Welt, in der für die Identität des Einzelnen kein Platz mehr ist.

Zu kopflastig, zu öde? Nicht bei Dietrich! Fünfundsiebzig atemlose Minuten hindurch ertanzen zehn TänzerInnen zwingende Bilder mit vielen Facetten und feinsten, manchmal sogar humorigen, Zwischentönen. Benötigte Akteure werden von Weißbekittelten auf Lastenrollern an- und abgekarrt, wie Anziehpuppen an-, aus-, angezogen, stets auf das Trillern der Pfeife geeicht wie Pawlowsche Hunde. Das ist toll getanzt, zumal in den seltenen Soli (Héloise Fournier), und vorzüglich, weil bei aller Dichte klar strukturiert, choreografiert. Musik, die sich reibt, und gesprochene Texte, oft zum Piepen entlarvend, vervollkommnen dieses gelungene Seh-, Hör- und Denkstück.

Bertolt Brechts „Lied der müden Empörer" endet nach dem Tanz über die Gräber mit der Erkenntnis, dass Gott die schönste Melodie „stets aus dem letzten Loch" pfeift. Dietrich lässt seine Autisten zum Schluss über imaginäre Förderbänder zuckeln, mit Schicki-Micki-Ware schwer bepackt, die sie zu altarähnlichen Haufen aufschichten, um sodann, ihrer Werte entledigt, endgültig abzutreten. Zu einer „schönen Melodie" reicht es da nicht mehr. Der finale Pfiff aus der Trillerpfeife klingt wie ersterbendes Röcheln.


Juni 2010