18 - 02 - 2018

Platz der Republik

Eine Frau wird fertiggemacht. Zwei Männer zerreißen ihr die Kleider, werfen sie zu Boden. Einer presst ihr das Gesicht in eine Pfütze, sie stöhnt, gurgelt, zappelt, zuckt, er kniet neben ihr, sein Würgegriff zwingt den Kopf unter Wasser, das Stöhnen versiegt sehr allmählich, aus Gurgeln wird Röcheln, das Zucken verebbt.

Wie lange dauert diese Szene? Zwei Minuten, drei, fünf? Eine Ewigkeit. Eine Ewigkeit zuviel, um für den hilflosen Zuschauer erträglich zu bleiben, eine zuviel, um dem Stück gut zu tun. „Platz der Republik", ein Auftragsstück der 1979 in Bremen geborenen Autorin Katharina Schmitt, erlebte am Oldenburgischen Staatstheater in der Inszenierung der in Holland lebenden Regisseurin Susanne Kennedy eine brüchige Erstaufführung.

Inspiriert von den Unruhen in den brennenden Pariser Vorstädten des Jahres 2005 richtet Schmitt den Fokus auf gewaltbereite Jugendliche (vier Jungen, ein Mädchen) und auf den Staat (Premier nebst Anhang). Dabei produziert sie in bestechend klarer, fast lyrisch schöner Sprache bekannte Klischees: der Politiker machtgeil, die Gattin kalt, der Polizist Vorschriftenreiter, Jungen brutal, Mädchen Opfer. Auch wenn auf Ursachenforschung und auf Antworten konsequent verzichtet wird: Von der Radikalität etwa eines Beckett ist das ähnlich weit entfernt wie eine Soap von Brechts Erzähltheater.

Auf der Suche nach der Abstraktion werden im tristen Nacktwand-Ambiente der Exerzierhalle elf Bilder auf eines reduziert, einen Nicht-Ort von schwarzen Teerbahnen mit Wasserlachen (Bühne: Lena Müller), und aus den zehn Personen des Buches vier Schauspieler mit Doppelrollen. Die dürfen einige hübsche Regie-Ideen realisieren (zum Beispiel über zehn Meter Entfernung ein Gespräch führen zwischen Premier und Masseur, der ihn eigentlich gerade bearbeitet, oder den Wurf eines Molotow-Cocktail pantomimisch in Slow-Motion umsetzen) und ansonsten lang und breit und möglichst aktions- und emotionslos Texte voll und zu Gewalt deklamieren, als sei man auf einem Hölderlin-Wettbewerb. Beim Verbalisieren kannibalistischer Fantasien im Splash-Splatter-Stil mag da der geneigte Zuschauer ja noch die unfreiwillige Komik belächeln. Aber ansonsten findet sich statt Erhellendem eher Ermüdendes.

Nach einer Stunde Stehater wird's mit einem Schlag theatralisch. An die Stelle der bisher gepflegten abstrahierenden Distanz tritt übergroße, übergriffige Nähe. Die Brutalität, die dem Mädchen angetan wird, in die diese Inszenierung so überraschend implodiert, ist ein Akt der Gewalt auch gegenüber dem Publikum. Von „assymetrischer Kriegsführung" lässt Schmitt einen ihrer Zündel-Jungen schwadronieren. So, wie man ihr Stück inszeniert hat, könnte es diesen Begriff im Titel tragen.

Was ihnen aufgetragen war, führten die Schauspieler artig aus. Das Publikum spendete der Autorin und dem Team freundlich Beifall, freundlicheren den Schauspielern (Patrizia Wapinska, Michael Pietsch, Vincent Doddema und Lutz Wessel), den freundlichsten naturgemäß der so eindringlich Fertiggemachten.

 

Februar 2009