20 - 02 - 2018

Picasso: Kraft der Linie

106 Millionen Dollar für einen Picasso bei Christies in New York, der teuerste Verkauf aller Zeiten, und eine Taxifahrt weiter, im Metropolitan, läuft eine von fetten Schlagzeilen begleitete Ausstellung mit dreihundert Picassos. Picasso, Picasso: Das altbekannte Thema elektrisiert die Massen immer wieder neu. Dass das Horst-Janssen-Museum Picasso gerade jetzt ausstellt, ist eine grandiose Punktlandung für das Museum, seinen Leiter Friedrich Scheele und die Kuratorinnen Jutta Moster-Hoos und Antje Tietken. Gerade jetzt, zum zehnjährigen Jubiläum des Museums, nach mehr als zwei Jahren Vorbereitung, kann sie besichtigt werden, die Schau unter dem Motto "Picasso - Die Kraft der Linie" mit 100 Grafiken aus dem Bestand des Graphikmuseums Pablo Picasso Münster, das dieser Tage seinerseits Zehnjähriges feiert, eine große kollegiale Geste unter Grafikexperten.

Dem, der die Ausstellungsräume in Oldenburg durchschreitet, gehen die Augen leicht über, so unbändig und aufrührend wirkt die Kraft, mit der Picasso, dieser zeitlebens nimmersatte Baal des Gestaltungswillens, die Linie nach seiner Vorstellung gezwungen, geformt hat. Jedes Blatt, noch das kleinste, kündet von seiner Sucht, die richtige Form, "Wahrheit" zu finden — und von seiner Genialität als Suchender. Man weiß, es gibt Ankerpunkte, um die seine Suche kreist, wiederkehrende "Lebensthemen" wie Frauen, Antike, Alte Meister, die eigene Existenz als Künstler. Die Oldenburger haben es mit ihrer Auswahl geschafft, anhand dieser Koordinaten den gesamten Kosmos von Picassos Motivik zu durchleuchten. Zwei Akzente wurden dabei gesetzt: Aus der "Suite Vollard" präsentiert man 30 exemplarische Radierungen des Jahres 1937, neben Atelierszenen vor allem Mythologisches, darunter etliche der berühmten Darstellungen des vor Kraft und Eros berstenden Minotaurus, Picassos Alter Ego. Die damalige Muse, Marie-Thèrése Walter, mit ihrem klassischen Profil, das Picasso so inspiriert hat, darf hier freilich nicht fehlen. Daneben stehen siebzig teils großformatige Steindrucke der Sammlung Huizinga: Stilleben, Tiere, Stierkämpfe, Frauen und Frauenporträts, nun, Jahre nach der Ära Vollard, besonders von Françoise Gillot. Ein Blatt zeigt sie als Komposition von Kreisen und Ellipsen, bei aller Vereinfachung kenntlich gemacht durch die rechte Augenbraue in der Form eines Accent circonflex, eine Ikone der Reduktion.

Überhaupt die Reduktion: Zu den Höhepunkten der Schau gehört die Veranschaulichung jenes Prozesses, mit dem Picasso über zwanzig, dreißig jeweils durch Abdrucke dokumentierte "Zustände" ein und desselben Steins zu einem bestimmten Endpunkt gelangte. "Zwei Frauenakte" ("Les deux Femmes nues") etwa beginnt nah am Natürlichen, malerisch, flächig, wird linienhaft und kantig, schließlich kubistisch; der 18. Zustand von zwanzig verformt den Oberkörper zur gestreckten Raute, darauf zwei größere Kreise als Brüste, oben ein kleiner Kreis, der Kopf. Zwei Schritte weiter ein Blatt, darauf ein Liniengefüge mit der Anmutung in die Luft geworfener Bananenschalen. Bananenschalen? Nein: "Fliegende Vögel" ("Oiseaux volant"). "Ich konnte schon früh zeichnen wie Raffael", wird der Meister in Oldenburg zitiert, "aber ich habe ein Leben dazu gebraucht, wieder zu zeichnen wie ein Kind."

zur Ausstellung im Horst-Janssen-Museum Mai 2010