20 - 02 - 2018

City Hall Offices

Der Oldenburger Kunstverein kann mit seinen Ausstellungen für sich in Anspruch nehmen, als einzige Einrichtung weit und breit zeitgenössischer Kunst auch in ihren wenig eingängigen, geschweige denn arrivierten Ansätzen ein Forum zur Präsentation zu bieten. Kunst oder dem, was dazu zu zählen sich anheischig macht — der Mut zur Kontroverse trägt maßgeblich bei zum Charme des Konzepts.

Gut möglich, dass denen, die das gouttieren, die neue Schau zu glatt scheint. Statt Spiegelbruch auf Hartfaser oder Ölfarbpampe im begehbaren Labyrinth finden sich, im kreuzbraven Gleichmaß über die Wände verteilt, 49 identisch aufgemachte Bilder, dünner schwarzer Rahmen, weißes Passepartout, farbige Archivpigmentdrucke allesamt, auf handgeschöpftem Papier aus Baumwollfasern, groß jeweils 91,5 x 131,5 cm: Um Fotografien des Dokumenta-12-Teilnehmers Guy Tillim handelt es sich, zusammengestellt unter dem Titel "City Hall offices, Lubumbashi, DR Congo, 2007".

Über die ästhetische Qualität dieser Arbeiten lassen sich Lobgesänge nur in den allerhöchsten Tönen singen. Material und Faktur machen Farben verblassen und schaffen eine unwirklich flirrende Tonigkeit. Aufgeladen mit einer pulvrigen Atmosphäre roten Sandes über gnadenlos sengendem Sonnenlicht beginnen Aufnahmen selbst der verkommensten Hinterhöfe unvermittelt, in leiser, vollendet poetischer Sprache, Rätselhaftes zu erzählen. Innenaufnahmen geraten entrückend delikat, oft inszeniert mit feinem, sarkastischem Witz, wie auf einer Kippe zwischen Kafka und Demand. Und Porträts zelebrieren die Hohe Kunst des Spiels mit dem Licht so virtuos wie einstmals Rembrandt oder Caravaggio. Ein Caspar-David-Friedrich-Mann, von hinten, der aus dem Fenster schaut, eine Gauguin-Frau voll selbstbewusster Würde. Kunstgeschichte, ick hör dir trapsen.

Das alles lässt Tillim, ein weißer Südafrikaner (— der seinen B.A. in Wirtschaftswissenschaften gemacht hat und dann als Pressefotograf arbeitete, bevor er begann, international Auszeichnungen zu sammeln für diese seine Art der Fotokunst —) angedeihen der Realität des unspektakulär kaputten Kongo 2007. Die Frage ist natürlich, und hier kommen die Kombattanten des Kontroversen nun doch auf ihre Kosten: Was will uns diese „Kunst" wohl sagen? Das so schön Morbide beschert uns verlässlich eine köstliche Gänsehaut. Also hätten wir es mit Sozial-Voyeurismus zu tun? Oder im Gegenteil mit Aufklärung, ästhetisch verschnitten, mit Empathie gar? Und, wenn ja, für wen? Steht Tillim auf einer Seite? Auf wessen? Kennt er Seiten überhaupt?

Je mehr offene Fragen, je heißer die Debatte, desto berechtigter die Annahme: Das könnte tatsächlich Kunst sein.


zur Ausstellung im Oldenburger Kunstverein 21.10.2010 - 28.11.2010