26 - 05 - 2018

Björn Dahlem: Silencio

Der Gag ist der "Oberförster des Bösen": der Künstler selbst als sein eigener Filmheld, Kutte, animistisches Geweih und sinistre Miene zur Schau tragend, beim Mischen magischer schwarzer Karten; im Video daneben kehrt er wieder als blaustichig verunklarter Schemen, Menetekel und Finale einer Hetzjagd mit Aktenkoffer durch die Flure einer Bank.

Ja, "Silencio" von Björn Dahlem, die neue Schau im Oldenburger Kunstverein, verhandelt auch Schwarze Kunst, jenes Wunder der Wandlung, das etwa Dreck zu Gold werden lässt. Dann wäre der Handel mit Derivaten oder Warenterminsoptionen nichts als Schwarze Kunst, ein dubioses Spiel mysteriöser Magier? Für Dahlem, geboren 1974 in München, Studium in Düsseldorf, seit 1999 mit seinen Werken weltweit präsent, zur Zeit Gastprofessor in Berlin, für Dahlem also ist das nur eine Frage von vielen. Schon 2003, als "Silencio" in einer Londoner Bank erstmals gezeigt wurde, verwahrte er sich gegen die kurzschlüssige Vereinnahmung durch Kapitalismuskritiker. Tatsächlich eröffnet die Verpflanzung an einen neutralen, durch die Allüre des subversiven Witzes weniger überlagerten Ort eine umfassendere Sicht auf ein komplexes Werk an der Nahtstelle von Bildhauerei, Installation und Film.

Wer in Oldenburg einfußt, dem präsentiert sich Dahlem zunächst als Raumpoet, der mit sparsamen Mitteln Leere zum Schwingen zu bringen versteht. Drei Gebilde zergliedern die abgeteilte vordere Hälfte der Halle: ein weißer kantiger Körper aus Fünfecken, ein polygonales Konstrukt aus Dachlatten und Neonröhren, eine Vitrine, unter deren Plexiglasdeckel eine Kreuzung von Samowar, Sechziger-Jahre-Zimmerantenne und Alpkristallen allerliebst stumme Signale in ferne Galaxien sendet.

Der Gang durch dunkle Flure bringt einen dem Lichtschein der Videos entgegen, dem zarten Zucken von stummem Wind bewegter Blätter, den Streifen mit Kartenlegern und Bankenflüchtern. Eine Wand wird ausgefüllt durch das Bild eines Trafohäuschens nebst Mast, und auf einmal ist sie da, die Idee, der Mast gehöre zu einer Sendeanlage, die Nachrichten funke zur Samowarantenne da draußen. Dahlem ist ein Meister solch magischer Bezüge. Und so fällt einem auf irgendwann, dass alle Videos zusammenhängen irgendwie, verlinkt durch Blackouts und schwarze Löcher, Zaubrer und Ziffern, sieben Videos sind es, und das Trafohäuschen starrt einen an mit seiner Bahnwärter-Thiel-Tristesse, es hat zwei Eingänge, direkt nebeneinander zwei, wie absurd. Sieben minus Fünf, ist es das? Nicht wirklich, sagt Dahlem. Schon eher die Wurzel aus Zwei, auf die die Zerlegung von Fünf- in Dreiecke bei Pythagoras führe, eine nicht rationale Zahl. Das Irrationale eben, unplanbar, unfassbar.

Dahlems Vater war Physiker, Töpferin die Mutter. Dass Naturwissenschaft und Kunst als Versuche, der Welt und ihrer Rätsel habhaft zu werden, beide scheitern, scheitern müssen, ist vielleicht Dahlems eigentliches Thema. "Silencio" inszeniert es erhaben schön, leicht und gescheit.


Zur Ausstellung im Oldenburger Kunstverein, 30.03. - 20.05.2012

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