20 - 02 - 2018

Die Kürze des Lebens

"So ist´s: Wir erhalten kein kurzes Leben, sondern wir haben es dazu gemacht, und es mangelt uns nicht an Zeit, sondern wir verschwenden sie" — ein Satz wie gesetzt für ein Buch in einer "Bibliothek der Lebenskunst", die sich den großen Fragen nach der "richtigen" Gestaltung des Lebens widmet. Ein Satz, dem der heutige Leser zuzustimmen geneigt sein wird. Ein Satz, der, wir ahnen es, seine Jahre auf dem Buckel hat.

An die zweitausend. Nachzulesen ist er in einem Suhrkamp-Bändchen von Durs Grünbein ("An Seneca. Postskriptum", 83 Seiten, 15,00 Euro), doch nicht in einem seiner eigenen Texte, sondern in dem dort gleichfalls abgedruckten Traktat Senecas über "Die Kürze des Lebens". Seneca, 4 vor bis 65 nach Christus, begütert, erfolgreich als Rechtsanwalt, Quästor, Senator, Prätor, Redner, Schriftsteller, war, so schildert Grünbein ihn, "vielschichtig, vielgesichtig", ein "Chamäleon". Nebenbei betätigt sich der Schillernde als Hobbyphilosoph, vornehmlich stoischer Denke, die seiner wechselnden Nähe zur Macht füglich zupass kommt: was wirklich zählt, sind nur die inneren Werte. Sie zu kultivieren, sich als Individuum denkend aufs "Eigentliche" zu besinnen, anstatt Lebenszeit hektisch auf Außenwelt zu verschwenden, ist denn auch sein Gegengift gegen die Kürze des Lebens — Muße, Kontemplation, kontra Geschäfte. Hat gut reden, der Mann, meint Grünbein, wenn man nie richtig arbeiten muß, und: Sein eigenes umtriebiges Leben habe Seneca widerlegt.

Die Länge des Lebens hat die Politik erreicht und das Feuilleton. Ein Schirrmacher, ein Grünbein, ein Seneca: sie alle schreiben in einem Alter, in dem Anlass war, sich mit dem auseinanderzusetzen, was C.G. Jung den "Lebenswendepunkt" nannte. Grünbeins nassforscher Umgang mit Seneca und sein Bemühen, Altphilologenstaub zu verwirbeln, erscheint bisweilen etwas aufgesetzt und nicht jedes Gedicht ist "verdichtet". Dennoch lohnt die Lektüre: Allein die Wiederentdeckung des Seneca-Textes (brillant übersetzt von Gerhard Fink) und viele kluge Gedanken Grünbeins zur Kürze des Lebens, in ein Essay edler Diktion gegossen, machen das Buch zu einem Kleinod in diesem Büchersommer.

Seneca starb, von seinem durchgeknallten Schüler Nero getrieben, sechzehn Jahre nachdem er "De brevitate vitae" verfasst hatte, von eigener Hand. Als vorweggenommene "Beichte" eigener Inkonsequenz versteht Grünbein das Traktat. Auch das kann man anders sehen, den Seneca vor sich, daneben Jean Amerys "Über das Altern — Resignation und Revolte".

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