11 - 12 - 2018

Martin Stadtfeld

Yehudi Menuhin war über sechzig, als er gestand, was er vor dreißig, vierzig Jahren gespielt habe, sei technisch wohl nicht zu beanstanden gewesen. Aber seinem damaligen Spiel habe Entscheidendes gefehlt: die Seele.

Von derlei Demut scheint Martin Stadtfeld noch weit entfernt. Nach fünf Bach-CDs, Mozart und Schumann hat er Schubert eingespielt; jetzt geht er, der Neunundzwanzigjährige, mit Beethoven- und Schubert-Sonaten auf Tournee. Von des Selbstzweifels Blässe angekränkelt ist so einer nicht. Die ihn im fast ausverkauften Kleinen Haus in Delmenhorst erlebten, lernten, warum: Stadtfeld verfügt über eine stupende Technik. Seine Anschlagskultur ist so gediegen wie seine Klanggestaltung. Ton für Ton arbeitet er, wie zuvor vielleicht nur Artur Schnabel, die "Handschönheit" des Klanges heraus, er verwiegt, drechselt, ziseliert, am liebsten im Pianissimo. Und was macht er aus solchen Gaben? In Delmenhorst spielt er zweimal Bach, Wohltemperiertes Klavier, quasi als Appetizer für die Brocken, die folgen sollen, f-Moll vor, A-Dur nach der Pause, mit zusammen zehn Minuten eigentlich kaum der Rede wert und doch kennzeichnend unnüchtern, von Pedalwolken umnebelt im Moll, übermütig und übergeschwind im Dur.

Daneben gerät Beethovens "Appassionata", die Sonate op. 57, sinnwidrig uninspiriert. Gewiss: Stadtfeld gebietet über alle Ingredienzien des Virtuosentums, Pausen setzt er effektvoll, zarte Arpeggien zelebriert er. Er ist makellos. Eben diese Makellosigkeit aber ist sein Makel, gebiert sie doch einen völlig aseptischen Beethoven, frei von Düsternis und Erregung und ohne erdige Kraft. Berauscht vom eigenen Wohlklang, spürt Stadtfeld edlen Echos einzelner Fragmente hinterher, verliert er das große Ganze aus dem Blick. Immerhin: Nach einem unschlüssig amorphen ersten und einem zaghaften zweiten Satz deutet wenigstens das Finale Urgewalt an.

Stadtfelds Schubertinterpretation hingegen ist ein kompletter Fauxpas. Da wird Verzweiflung zur Gespreiztheit, Qual zu Parfum, die labyrinthische Suche nach einem Ausweg zum nichtssagenden Klackern von Perlen aus Glas. Schubert hat die große A-Dur-Sonate (D 959) in seinem Todesjahr geschrieben, sie ist Dokument gelebten Lebens. Stadtfeld aber benutzt sie als Vorlage, sich mit seinem technischen Tand und Glitter selbst zu inszenieren. Und setzt noch eine Instiktlosigkeit obendrauf: Anstatt Schubert schweigend nachklingen zu lassen, schlägt er das Pfauenrad und spendiert, Akrobat schööön!, eine donnernde Zugabe, Prokofieffs Tocatta.