24 - 09 - 2021

Tag für Tag -- Der poetische Moment

Reinhard Rakow
Winter

Die Schwarze Stille reißt den Rachen auf.
Alles wird klein vor des Monsters Gesicht:
Die Geräusche der Straße, ihr täglicher Lauf
– Unser Kerker –, sein Einschluss, das kärgliche Licht.

Reinweißes Scheinen einsegnet das Land
Mit Plastik, stinkend nach Ölen und Gas:
Dünnstschnee, im Schmelzen entbergend Teere und Sand,
Exkremente des Dunkels, das der Riese einst fraß.

Ach, Winter! Du Widerwart des Lebens!
Auswurf, Schmutz, Schlamm, Frost und Leid sind dein Geschäft!
Die Kerze brennt, die Orgel fleht vergebens,

Solang Du schreibst den Tod ins Notenheft
Den Kombattanten: Dem: Zu leben kein Wille,
Jenem indes: Keine Kraft. Danach herrscht Stille.

Reinhard Rakow
zum geburtstag

Gelbe Blumen, rot, weiß
In der Vase, ein Strauß,
Gebunden zu einem Bukett,
Einem Kranz, zu Girlanden

Riechst du ihren Leichengeruch?
Todeskünder sind sie,
Welkfrüh gefällt,
Die die Blätter der Blüten verlieren.

Reinhard Rakow
arbeitslos
(was den mensch zum mensch macht)

die drei schritte hinaus übern hof
wollen verdammt gut vorbereitet sein:
die hose hochziehen, damit sie nicht schlurft
den gürtel eng schnallen, damit er nicht rutscht
den rücken durchbiegen.

beim durchsuchen des briefkastens
geschäftig aussehen.
beim nichtsfinden
nichts anmerken lassen
(der nachbar sieht alles!).

die mülltonne von einer seite
auf die andere stellen.
bildzeitungsfetzen
vom bürgersteig sammeln.
grashalme im pflaster entfernen.

wieder im sicheren wandgeviert
hinter zugezognen gardinen
den gürtel öffnen
die hosen herunterlassen um
die druckmale der sozialen
hängematte zu pflegen.

Reinhard Rakow
Plakatwand


Wie viele Lagen? Wie viele Farben?
Wer riss die Fetzen? Wer schlug die Narben
Dem Politiker in Wange und Strähne?
Wer färbte grün dem Model die Mähne?

Wie groß war welches? Wer will von wem was?
Werbung für Autos, Banken, Wetten-dass,
Sich verdrängende Schichten, Blasen, Rhagaden,
Hartfaserblüten, Schwielen, Döner mit Fladen:

Das Palimpsest der Neuzeit zeigt Schründe.
Tumorös wuchernd, füllt es Abgründe
Zwischen Kruste und Haut, Leere und Leben.

Der Borkenkäfer ätzt durchs Pergament,
Da Ratten nagen, um dem Fundament
Mit steter Zähne Macht den Rest zu geben.

Reinhard Rakow
nächtlicher tag

fault pflaumenblaubraun
tief in den höhlen
grübelnden liebchens
nekrotisch gesicht...
schwärender schatten, zitterzuckschauer
erdenwurmschlag.

wie sie umspielen! lepra die hämatome
gelbnebelgrünes gallengecurl...
verblichen ikarus´ gefieder
den nematoden zum lab —

und immerwährende schärpen aus schwarz...
grabschwarzer seide...
verweht...
atomisiert...
die nachtung verpflichtend.
vierundzwanzigstunden-
tortur: auf und ab und auf und ab
und ab und hernieder ins tal
demuter erschöpfung
und ab und
ab und ab
zum grundlosen
grund

wo schleier aus sanden
zu sanden zerrieseln
glückseligen gräten entgegen...
geronnene trauer
zerbrochener hoffnung
aus kalk —
wo staub zu staub
wo nichts
zu nichts wird —
morgen für morgen
in sich kollabiert —

hätte ... wollte ... sollte ...
täte ... gäbe ...
            
was bleibt?

Reinhard Rakow
Einem Unfallopfer

Schau: Für eines Augenblickes Dauer
– Der Atem steht, das Staubkorn schwebt –,
In der die Stille dir den Umhang webt,
Zerschellt das Licht an einer schwarzen Mauer:

Kristalle funkeln, wie du´s nie gesehn,
Farben so köstlich, dass das Auge birst,
Ein Wogen, wie wild, dass du dich verlierst,
Und vom Schweigen des Todes eisig ein Wehn —

Gerinnt der Tropfen zu Unendlichkeit...
Entflohen dem Kerker des Glases der Stunden
Birgt er dein Leben, die Taten, die Wunden,

Wird er zur Lupe, zum Einschluss der Zeit...
Ein Blick auf den Kosmos, so edel, so rein...
Du aber wirst ein Gewesener sein.

Reinhard Rakow
Plakatwand

Wie viele Lagen? Wie viele Farben?
Wer riss die Fetzen? Wer schlug die Narben
Dem Politiker in Wange und Strähne?
Wer färbte grün dem Model die Mähne?

Wie groß war welches? Wer will von wem was?
Werbung für Autos, Banken, Wetten-dass,
Sich verdrängende Schichten, Blasen, Rhagaden,
Hartfaserblüten, Schwielen, Döner mit Fladen:

Das Palimpsest der Neuzeit zeigt Schründe.
Tumorös wuchernd, füllt es Abgründe
Zwischen Kruste und Haut, Leere und Leben.

Der Borkenkäfer ätzt durchs Pergament,
Da Ratten nagen, um dem Fundament
Mit steter Zähne Macht den Rest zu geben.

Wir nutzen Cookies auf unserer Website. Einige von ihnen sind essenziell für den Betrieb der Seite, während andere uns helfen, diese Website und die Nutzererfahrung zu verbessern (Tracking Cookies). Sie können selbst entscheiden, ob Sie die Cookies zulassen möchten. Bitte beachten Sie, dass bei einer Ablehnung womöglich nicht mehr alle Funktionalitäten der Seite zur Verfügung stehen.