15 - 12 - 2017

Tag für Tag -- Der poetische Moment

Reinhard Rakow
Drei Briefe an meinen Sohn,

das liebe kleine
Einsdreiundneunzig-Kind


Erster Brief


Söhnlein,

Daß Du, drei Tage über der Zeit geboren,
blaugefärbt von der Nabelschnur stranguliert, noch lebloser als Deine Mutter,
nicht schriest, sondern, erst mit Gewalt zum Atmen gezwungen,
Deine großen Füße zu Deinem großen Kopf löffeltest,
um, die Augen geschlossen, friedlich zu schlafen,
im Antlitz die Gewißheit, jetzt sei alles gut, mit grenzlosem Vertrauen,
das machte, daß ich rasend Dich liebte,

ebenso wie Deine Begeisterung für Dreck,
der gerade Dir reizend stand, wie für ehrliche Arbeit mit Deinen großen Händen,
wodurch sich traf, daß Du das Ausheben von Höhlen schätzest,
Höhlen, die trotz Bodens Härte Du auf eigenen Körpers Größe aushobst,
Dir ein Nest zu bauen, zugleich Deine Zuflucht
vor zum Beispiel der Schwester, derer Du Dich damals
mit Worten zu erwehren nicht vermochtest,
das macht, daß ich Dich liebe,

und Deine Schwäche für Schwache, die Bereitschaft
zu helfen: den Kumpels und Mädels Ranzen zu tragen,
Deiner Mutter Lasten, schwerer als Du selbst, abzunehmen,
mir, wann immer ich nicht klar kam,
und das war
schon damals nicht selten. Zweiter Brief

Sohn,

der Du mich überragst um zwei Haupteslängen, um Unzen
an Kraft, da meine Füße die Innenseiten Deiner Schuhe nicht berühren,
Du schneller, stärker, lauter bist,
von weicherer Haut und härterem Glied, dir alle Zeit und Freiheit nimmst
mit selbstverständlichem Unbekümmern, das so nie wiederkehrt,
bin ich auf der Suche nach der verlorenen Zeit,
sehe Dich in der Blüte, zu der ich Dich begleiten wollte

aber nicht tat. Erste Falten verharren nach Lachen auf
Deinem Gesicht, das länger wird, weil Haare beidseits der Mitte nun fehlen,
Deine Unverschämtheiten, Deine spontanen Schellschüsse, Dein Charme
werden allmählich beordnet durch ausbremsendes Denken, so
über die rechte Formulierung, sie sei geschliffen wie akrobatisch, so
über Etikette, so über Politik, bist mir ins Konservative entwachsen,
hätte öfter mit dir reden sollen,

tat´s aber nicht. Dritter Brief

Sohn, Mann,

wiewohl Du alles selber weißt und, was nicht, selber erkennen willst,
da ich der letzte bin, der Weisheiten mit großem Löffel gefressen zu haben beansprucht,
und das Recht auf eigene Fehler glühend zu verfechten nicht müde werde,
was mir, um Dich zu bewahren, am Herzen liegt: Erkenne,
daß Dein Leben Dir geschenkt ist, was heißt,
Du darfst es nie wegschmeißen, aufgeben, und:
Daß Du nur ein Leben hast, was meint, Du mußt gut sein zu ihm,
Deine Seele und Deinen Körper behüten vor Schaden,

pfeife auf Extreme, Last wie Lust, wenigstens dosiere sie wie Gift,
denn Dein Körper ist nachtragend wie ein Elefant und rächt sich, auch spät.
Mißtrau der Chemie. Höre bei Problemen wenigstens einen Weißkittel zusätzlich. Dann:
Daß Selbstverleugnung Gift ist, Du also besser nichts tun kannst als Arsch zu kriechen.
Ergreife keinen Beruf, in dem Du Dich nicht findest. Und:
Daß der Mensch einen Menschen zum Reden braucht.
Suche Dir, mit wem Du über alles reden kannst.

Zuletzt: Daß kleine Mädchen nur so lange so schön bleiben wie sie klein sind.
Schau dir ihre Eltern an, die Äpfel fallen nicht weit von den Stuten.
Verschwende keinen Tag auf eine,
der Du Dich über- oder unterlegen auch nur ahnst.
Wann immer Du Verachtung fühlst, gleich aus welcher Richtung,
oder klebrig Langeweile euch einzuspinnen sich anschickt:
Mach Schluß, sofort.

Und wenn ihr Kinder haben wollt und könnt: Nimm Dir Deine Zeit
und schenke sie ihnen. Sei ihnen
ein besserer Vater als ich Dir es zu sein versäumt habe.

Gertrud Kolmar (1894 - 1943)

Liebende

Ihre Leiber standen in den Abendschatten licht,
Schmal und hoch, von schimmerloser Bleiche:
Blütenzweig, den Lieb für Liebe bricht,
Wind gewiegt und Tau geküßt am Teiche.

Stern um Stern kroch übers Dach sie anzusehen,
Und die Schar der zarten Wolkenlämmer
Flockte zögernder in lindem Wehn:
Ihre Leiber standen licht im Dämmer.

War das Eine kurzen Weg hinab geeilt,
Riefs das Andere um mit stillem Schaun;
Feiner Falterflügel, zwiegeteilt,
Schleierblaß, verwuchsen sie im Grauen.

Leise, wie ein Stückchen leichter Tag,
Sind sie dann in Nacht und Gras gegangen. -
Und die braunen Hasen im Verschlag
Äugten wundernd durch die Gitterstangen.

Reinhard Rakow
Verortung, A7 (unter uns)                        

Zeitrafferlandschaft
Im Wagen bei Hundertfünfzig
Die Wälder neben uns Flecken
Kohlschwarzbraune Flecken auf
Nachfedernd hügligen Wellen.
Nachbilder. Nachgeschmack
Von Kruppstahl und steinerner Kohle
Pulversalven-Aromen
Kettengerassel
Neben uns
Deutscher Wald
Deutsche Krume
Deutscher Boden
Unter uns, dem Führer geweiht
Wogt in braunen Wellen mit
Macht uns entgegen bei Hundertfünfzig
Rollen die Räder und alles
Sieg Heil Dir mein Führer
Ist Landschaft Zement und Asphalt
Stoßfugen, Schwellen und Brücken
Und alles, Unter uns:
Für den Endsieg
Waffenschmieden, die Lager
Kriegswichtige Güter
Fabriken, die Lager
Panzer, Kübel-, Volkswagen
Heil Führer, ich küsse
Ich lecke dir deine
Staublederstiefel, den
Matt aschenen Staub grau
Fetthaltige Schwebchen küsste das Antlitz
Der Autobahnen nach Buchenwald
Dachau Mauthausen Hadamar und
Richtung Auschwitz
Heimaterde Blut Boden
Blut- und knochengetränkt
Unter uns, bei Hundertfünfzig
In weiten langen Autobahnwellen
Donauwellen du schöner
O du Westerwald von der Mars
Bis an die Memel und alles
Ist Landschaft in mir.

Reinhard Rakow

aus: Schloss LebensWert

 

Und es gab Träume, in denen er ahnte, dereinst Zeuge zu werden des Sterbens von einem Mann, der liegen würde in lichtlosem Licht, hingestreckt wie ein Kalb auf der Schlachtbank, die Füße weisend ins Nichts, zu ihm den blutenden Schädel... Was unterschied das Betonblutgesickere auf dem Boden, das Gerinnsel dort an der Wand von einem Wurzelsystem — Pfähle hier, Flachwurzler da —, was das flächendeckend umarmende Suppen einer brüchig gewordenen Ader, die riss, vom deliranten Deltagewirr, das, gefüllt mit der erdigen Brühe über die Ufer getretener Flüsse, die Niederungen heimsuchte wie apokalyptischer Tau am Vorabend der Endzeit? Astrale, Fraktale, Entscheidungsbäume, Seelenlandschaftskartogramme... Er nahm all das wahr von außen, analysierend mit der leidenschaftslosen Kälte des Naturwissenschaftlers, die er zu seinen Vorzügen zu zählen geneigt war, doch zugleich mit der Obacht der zuwendenden Wärme eines Menschen, dessen Innres voll von Musik ist; auch, dass er beobachtete und analysierte, nahm er wahr von irgendwo draußen, und war doch in gewisser Weise selbst... Bestandteil... dieses Draußen... aufgesogen von, -gelöst in der Tiefe des Nichts, das ihn, da er es suchte, umgab... so dass, wenn die Leere vorbei war, erschöpft, er bisweilen noch längere Zeit, während der der Automatismus seiner Beine und Füße ihn kilometerweit fort tragen konnte, der Frage nachhing, ob er denn überhaupt sei... noch sei... In solchen Momenten war alles Landschaft in ihm (in mir wachsen disteln auf steinigen wegen/ staub felder geröll verbrannte sandkörner/...)... die steppen der träume mit den horizonten/ fleischfarben so weit so weit und so eben/... Und... gab es Seen, die ihm von weitem aussahen, als seien sie Land, bedeckt von schwimmenden Inseln, beigebraun oder grün, die Form und Farbe ändern im Wind, ein Teppich, amorph wie Amöben... Und es gab Teppiche dort, beige, braun, ocker, grün, mit ungleich hoch weichen Schlingen... Und das goldene Vlies weicher Härchen am Ufer... das Schimmers vom Grunde... des Lippenschlusses dunkles Gekrös zärtlich zu öffnen im tastenden Atem der Zunge... Sich fallen zu lassen... mäandern... Mäandernd... zu treiben... gleich dem Wasser, das Wege wählt unbewusst, Steinchen bewegt, Geröll sanft umspült, verschiebt, hierhin bewegt oder dort, drückt, rückt, verschiebt, murmelnd an Hand nimmt und wieder und wieder, unaufgeregt, in nicht nachlassend ruhiger Gebärde, Tag für Tag, Jahr für Jahr, hundert Jahr lang und mehr dem Pfad des aus sich bestimmenden Treibens nachfolgt, der Neues aufzeigt, indem er ist, Schwünge wirft, neu geborne, Schlingen kürzt, findet, erfindet, verzweigt. Beharrlich lassen die Wässer sich treiben, beharrlich suchen sie sich ihren Weg, einen, der ihnen genehm scheint, den des geringsten Widerstandes. Finden ihn schließlich, in aller Geduld, durch Zufall, mit der Kraft der Gewissheit, ein Ziel doch zu finden, irgendwo, irgendwann... Irgendwann liegen die Steine an neuer Stelle. Der Fluss war ein andrer geworden... Er hatte sein Gesicht verändert, indem er sich treiben ließ, treiben, einfach willenlos treiben, und als kein Geröll mehr ihn zwängte und lag, dass es passte, war alles gut und er wurde ruhig und sein Spiegel starr, unbewegt, und warf majestätisch dem Himmel das lautlose Blau der schrecklichen Ferne zurück. Peeh! Hallo, Peeh, alles in Ordnung?, Aber ja doch, wieso?... —

Reinhard Rakow

aus: "Schloss LebensWert"

Das Blau und die Stille... sie waren Geschwister... die sich bei der Hand nahmen... auf der Suche nach Orten der Ferne... Es konnte ein Sumpf sein, in Nebel gepackt, der, wo er hell wird und glänzt, auf einen See weist, der, mit Wolken vermählt, die ihn küssen, ein Paar Odinshühner fortträgt, korkleicht, verlorne Punkte wie Fetzen vom Torf, den er spült, unter dem sturztrunkenen Flug schrapnelllachender Bekassinen... Es konnte ein Steg sein bei Tagesanbruch, vier Uhr früh, von dem aus nah schien, was fern, und jenes stets näher rückte in der Umkehr der Zeit, die noch blieb, bis aus unwirklichem Licht Klumpen, belebte, sich schälten, schwarz und schweigend zunächst, den dunkleren Ecken entborgen, allmählich erweckt im lärmenden Tschilp blauer Kehlen, gefiedert, einander zum Tanze... Es konnte ein Schneefeld sein im wechselnden Spiel tiefer Wolken... sie trieben vorbei an der Sonne, die stand, unverrückbar wie Berge, das Band, vulgo: der Himmel, es lief, lief, lief schnell, schneller und stumm, dahinter stand einer, ders drehte, drehte, hui! drehte... dieses... Kintoppmosaik aus weiß, blau, felsgrauen  Flusen, der ihm zusah beim Bilder Werfen aufs Feld, schwarzweiß gescheckt, warn sie bald hier, bald an jenem Fleck, oh, in grandiosen Formen!... monströs oder ein Gnom, Wotan oder zwölf Elfen, Rorschach, Schattenriss, Projexionen des Lebens des Drehers des Bands, der kalt schwieg dabei, stumm, sonnenbrandig...  Traumbilder, bewegt, Traumgesichter des Oben nach unten, mit Runzeln und Wülsten aus Schatten gespenstischen Schnitts, die einander bejagten maulfaul, ohne Laut, als seien sie, von Seitenstechen geplagt, durch den Taumel des Marsches bestimmt, außerstande, auch ein Wort nur zu verliern, oder irgendwas andres zu tun als sich nachzueilen behende... immer weiter... immer weiter... dass sich das Glitzern des Eises verlor auf gebackenem Schnee... und das schofle Schlammgrün stumpfer Gräser... und das Weiß des Gefieders, das Schutz suchte am Grund... und der Dampf der Rentierherden... die´s zum Horizont zog... unterwegs in die Leere der Räume... ... ins Schweigen... Es konnte ein Hügel sein in der rauen Hochebne des Südens, der den Blick fliegen ließ frei über das samtene Tuch, das, kunstvoll marmoriert, alles erhaben bedeckte mit dem weichen Velours müder Blätter, Moose und Flechten... Mitunter schwebte er über dem Land... unter sich das Blau des Himmels, das, eingetopft, konzentriert in den Betten der Schlingen und Schleifen, die eisige Vorzeit in den Fels radiert, seinen Blick zurückwarf eiskalt, doch strahlend, wie ein Saphir, todesverachtend, des eignen Wertes bewusst, als ermesse es genau jene Kraft, mit der es sich in den Stein fraß im Fließen der Zeit, als wisse es um seinen Vorsprung an Erkenntnis... Das Geäder der Wässer durchzog den stummen Körper des Landes und all seine Organe, oft schien es ihm, das Blau, das, gefangen im Geäst der Flüsse, Flüsschen und Bäche, der Seit- und Altarme, der neu erschaffenen und alt sterbenden Seen, still in sich tobte, mache den wirklichen Körper des Landes aus, der umgebende Boden indes bilde bloß Beiwerk... Ein Keller fiel ihm ein, der vor langer Zeit — ihre Dauer vermochte er nicht einzuschätzen, sie war in diesem Zusammenhang ohne Bedeutung — seine kindlichen Träume besetzte. Das Haus, zu dem der Keller gehörte, war ihm nicht erinnerlich, doch stand, weil es dort keinen Keller gab, für ihn zweifelsfrei fest, dass es sich um nicht sein Elternhaus gehandelt haben konnte... Man betrat den Keller durch eine Tür, deren Außenseite ihm so wenig vertraut war wie das Haus; von innen offenbarte sie sich als ein Verbund von breiten, ungestrichenen Bohlen aus Holz, drei oder vieren, mittels Z-förmig angeordneter Bänder aus rostigem Eisen zusammengehalten von schmiedeeisernen Stiften, vormals nachtblau, deren uneben platten Wulstköpfe verrieten, mit welcher Wucht der Hammer sie einst ins frischhelle Eichenholz trieb; jetzt aber war das Holz schwarz wie ein Sarg, doch immer noch schwer, und die Tür fiel krachend ins Schloss, er wusste nicht einmal mehr, ob sie von innen eine Klinke besaß, mit der man sie hätte öffnen können zur Not... Es war wohl keine Treppe aus Beton... oder Stein... vermutlich bestanden Wangen und Stufen aus den selben sargschwarzen Brettern wie die Tür, und vermutlich wies ihre Maserung dieselben tiefen Furchen auf... Die Treppe, steil und schmal wie eine Hühnerleiter, fiel nach unten, eingefangen zwischen einer Außenmauer zur Linken und einer Innenmauer rechts; geradeaus konnte man über einen wenige Schritte messenden Zwischenflur in einen Raum gelangen, von dem er nur wusste, dass er türlos zu betreten war... Das klandestine Dunkel jenseits der Schattengrenze stand ihm mit jedem Erinnern neu zum Greifen nahe, doch folgte er stets dem fahlen Lichtschein, der aus dem Türloch zur Rechten fiel und den Estrich am Fuße der Treppe ausleuchtete... Es war ein nackter Raum, der ihn, wann immer er zögernd einfußte, abweisend empfing, mit nacktem Mörtel auf allen sechs Flächen der Decke, der Wände, des Bodens, ein Glattputz, der, bläulich schimmernd, teils speckig, den Anschein technischer Perfektion und handwerklicher Vollkommenheit erweckte zunächst... solang der Blick schweifte... schweifte auf der wie zwanghaft immer neu beginnenden Suche nach der Quelle des Lichts, die er dennoch nie fand... Es mußte eine Neonröhre sein... die leicht flackerte... Wenn er den Atem anhielt... und seinem Herzen befahl, weniger laut, weniger störend zu klopfen... war ihm, er könne... das sonore Summen ihres Starters ganz nah über sich hören... oder neben sich... Sie musste sich im vorderen, ihn unmittelbar umgebenden Teil des Raumes befinden, denn weiter nach hinten nahm der Grad der Ausleuchtung deutlich ab, sodass er die Tiefe der Flucht nicht weit genug zuverlässig abzuschätzen vermochte; er erinnerte sich, dass ihn immer wieder die Vorstellung streifte, der Raum könne nach hinten...  gar keine Grenze haben... und dass die Einbildung, von etwas Körperlosem gestreift zu werden, ihm wieder entfiel... sobald er realisierte, dass er bereits während seines letzten Besuches vergeblich der Lichtquelle nachgespürt hatte... und dass er darüber nachdachte, warum er sie noch immer nicht fand... und dass er sie schon wieder suchte... und dass auch diese neue Suche erfolglos bleiben würde... Zweifellos war es hier, vorne, bei ihm, heller als zum hinteren Teil. Die Helligkeit kam besonders dem Boden zugute und der Wand, die an den Treppenschacht grenzte, weniger der Decke, kaum der Tiefe des Raumes... Sie war hilfreich... etwa... bei der Untersuchung der Muster, die das Anmachwasser, vom Beton ausgeschwitzt, während der Brei aus nassem Sand und Zement nach unten sackte, zurück gelassen hatte, wolkenbauchig, grau in grau, in weiten, farblosen, statischen Schwüngen, ein ungrüner Urwald von oben, eine unscharfe Landkarte aus erhabenem All, Satellitenblick, Mindmap, Mäander... Erst jetzt, bei seinem Versuch, dem Licht auf die Schliche zu kommen, nahm er die Zeichnungen wahr... und das Puder, das in fragilen Rändern den Wolken Kontur gab, oder sie, wo die Brühe in einer Delle länger verweilt haben musste, hauchzart überzog, kalkweiß, wenn auch anverderbt durch einen Stich hin ins Rötlichbraun der lehmigen Erde, die das Lager umgab, dem man die Sande entnommen... und die Risse... die Risse... die haarfeinen Risse im harten Beton, in sich ungleich gezackt, von unkalkulierbarer Länge und Biegung... Ihr Verlauf war nicht verfolgbar für ihn... Sie entsprangen wo immer, verzweigten sich, verzweigten sich wieder und wieder, beschrieben Gerade ein Stück, Kurven, Zacken, zitternde Linien, brachen hier ab, dort wieder auf, endeten wo auch immer oder auch nicht... Eine Quelle, ein zentrales Organ der Steuerung schien ihnen zu fehlen, desgleichen ein Ziel, dem sie zuarbeiteten, ein Meer, dem sie zuflössen, und doch hatten sie, indem ihr Gespinst den sichtbaren Boden weithin überzog, diesen so sicher im Griff wie die Tentakel des Kraken die Beute, denn es konnte keinem Zweifel unterliegen, dass ihr Zusammenwirken, sollten sie auch nur ein wenig zunehmen an Eindringtiefe, dessen Substanz gefährden, ja pulverisieren könnte... nein: würde... Manche seiner Träume, es waren die er am liebsten floh, gewährten ihm Einblick in das Szenario der Betonhaut, wie sie rostwässrig riss, o Haut voll Blut und Wunden: Zu Beginn fällt in seinen Blick ein einzelner rotbrauner Fleck, ein Fleckchen, ein Punkt, sommersprossig oxid, vielleicht in einem Knie eines vielgezackten Flussrisses, stecknadelkopfgroß, feucht schimmernd, und während er sich noch fragt, wie das sein könne, woher denn die Nässe käme, nie zuvor hätte er hier Nässe bemerkt, schwitzt der Riss daneben einen ebensolchen ersten Tropfen heraus tizianrot und der daneben auch und ist die Stecknadel längst zu einem Streichholz geworden und der Streichholzkopf zu einem Daumnagel, aus dem es hervorsuppt, –quillt, -quatscht, -matscht und -drängt: rostrotes Wasser, Erdenstaubblut, das das Eisen der Knochen zersetzte, raus will, hervor bricht aus morschen alten Gefäßen, sich Bahn sucht, verlangsamt, verharrt, sich tot läuft unbewegt in Dendriten... Manchmal träumts ihm, dabei zu sein, wie die Wand zu bluten beginnt... aus den Löchern, die die geschmiedeten Spitzen der schwarzblauen Plattköpfe schlugen... durchs Skelett und Fleisch einer wehrlosen Hand... Das Blut läuft dünn an den Wänden herab zu dem Boden, ders willig aufnimmt in sein System der Rinnsal-, Mäander-adern...

Reinhard Rakow

aus "Schloss LebensWert"

An manchen Standorten beherrschen sie Fjellen mit dichten, gelb schimmernden Fellen, einem Flausch, der fußhoch wird und weich ist und trocken, ein kuschliger Teppich, der Stein überzieht und nach Sternen klingt und nach Fabeln mit Namen, die tönen: cladonia stellaris, alectoria cetraria nivalis, die cucullata, cornicularia, dann die pinastri, und die nivalis, Leptogia, Tholurna, Calicium adspersum, Leicolea gilmanii, Umbilicaria und Ramalina, Ochrolechia, Pyrenula, Syphula, Syphula... Noch bevor er sie kennen lernte, sie und die Physconia und die Physciopsis, die Buellia und die Dimelaena, die Xanthorien und die Fulgensien und all die andren weit auf der Welt, verliebte er sich in den Sirenengesang ihrer Namen, verzückte ihn betörender Duft der Vokale, das U und das A der Cucullata, er stellte sich, ohne auch nur eine ungefähre Kenntnis der Wirklichkeiten zu haben, vor, wie ihren Silben die Salzluft der Meere entströmte, wie, den Weg die See entlang nehmend, vorbei an der Brandung, dem Rauschen und Murmeln der ewigen Fluten, die Luft und das Salz, Luft, Luft und das Salz, cu~ cu~ llata, sich entgegen stemmten, ihm widerstanden in brausenden Brisen, Widerpart boten dem Schmatzen der Schwarzgummistiefel, die, vorwärts sich kämpfend, unsicher Halt suchten auf schlüpfrigem Grund, Halt in Luft und Salz, die sein Ölzeug durchdrangen, ihn heftig auspeitschten, Luft und Salz, die ihm die Augen zu zwangen und die Lippen gekniffen und den Schädel gebeugt... Oder ochroleuca... es klang ihm... nach Heu... dem späten... dem Herbstheu aus Kindertagen... und roch würzig nach Spätsommerblüten... und fühlte sich kross an wie sonst nur das Krummet aus altadligem Gras, das die Junimahd klug überstanden... ohne dass er anzugeben vermochte, was die Verknüpfung auslöste: war es der Diphthong? Oder war es doch vielmehr die Form der Girlanden, zu denen die Laute sich wanden, sich fanden, och~ro~lo~i~ca, schwankend und zitternd Spiralen ausbildend, andeutend wie saftige Halme, denen, das Wasser entzogen, Halt fehlte und Frische? Oder das schnaubende och... das schnarchende chr... das röchelnde rro...? Das rotbraune Brummen aus den massigen Leibern gesättigter Kühe, die, wenn sie wiederkäuten, pausierten und träumten, hingestreckt auf seligen Wiesen? Wiewohl mit der Gnade synästhetischer Wahrnehmung nicht ansatzweise begabt, kam es vor, dass Wortmelodien Reize gebaren in ihm, die all seine Sinne ansprachen. Eine Brieffreundin fiel ihm ein aus der Zeit der knospenden Lust auf fremdartige Körper, sie hieß Veronika, Veronika Güldena, Erkelenz... veeroo / nikaa gülden aa/ erke lenz... die bloße Befassung mit dem Klang dieser Namen, ihrem Takt, ihrem Rhythmus, dem Schmelz ihres Melos beim Verlassen von Zunge, Zähnen und Lippen ließ Sinfonien erklingen, Bilder erstrahlen, taktile Gefühle entstehen in ihm... der Zärtlichkeit... zu einem ätherischen Wesen, das blond war, zerbrechlich und freundlich... Lange bevor sie sich zum ersten Mal trafen, träumte er ihren Namen, ihr Grübchen im Kinn, blaue Augen, den offenen Blick, und die Lockenspiralen, die golden ihr Lachen umkränzten... Er~ ke~ lenz... der Begriff hatte ihm ihre Locken verraten... er wußte nichts von diesem Ort, nicht, wo er lag, nicht, auf welche Weise dort die Sonne die Dächer beschien, nicht, wie weit der Regen, wenn er das Land überzog, diesen Schein herunter zu dimmen vermochte, nicht wie die Äcker rochen, danach... nur, dass sie dort wohnte und Locken lachte, das wußte er wohl... Korkenzieherlocken, feinste Härchen aus Krummet... mußten es sein... in Erkelenz... Er~ ke~ lenz... und ihr Name... Vero~ ni~ ka... Ve~ ro~ nika... Veronika, der Lenz ist da... Veronika Gü~ l~dena... natürlich... den güldenen Frühling in ihrem Gemüt... und süße Grübchen in den Brustrosen... und das geheimnisvolle, nachtschwarze A, das sich abends fortstahl aus Arture Rimbauds Sonettsuade auf die Vokale, schwang mit, viel versprechend, als Ausklang... — Zu der empathischen Neugierde, die die lateinischen Bezeichnungen evozierten, gesellten sich alsbald Gerüche und Bilder von sandigen Böden, steinigen Heiden, karstgen Gebirgen, die Flechtenmatten Heim gaben in unerhörtesten Tönen, altrötlich, pastellgrün, nepalgelb, lebend leuchtgrau, vibrierend tiefschwarz, er las Bestimmungsbücher wie andre Gedichte (Die wenigen strauchförmigen Arten/ sind Erd- und Gesteinsbewohner.// Die knorpligen Äste sind meist reich verzweigt [mei~st/ rei~ch/ verzwei~gt, summte er]/ Die Gattung ist voll/ hetrogener Gebilde.// Die Arten sind sehr/ schwer/ voneinander zu scheiden/ und mit Alocteria/ leicht zu verwechseln// Thallus graubraun oder bläulich/ aus krausen Kleinblättchen. Auffällig// die großen Apothecien endständig/ die an ihrem Rand mit einem Kranz [an ihrem Rand/ mit einem Kranz... ]// beigebrauner Blättchen besetzt sind//), und spätestens seit er erfuhr, dass sie bestanden aus zwei ungleichen Partnern, Algen und Pilzen, die die Hände sich reichten, um zu bestehen, packte es ihn und nahms keinen Wunder, dass er Ja sagte, als man an der Uni Teilnehmer suchte, statistisch bewandert, für Forschungsreisen in Sachen Flechten. —

Reinhard Rakow

aus: "Schloss  LebensWert"

 

Das ende war blau, blau wie eine nacht, die ein maler mit schwarzem tafellack malte und indigo, mit caput-mortis-pigmenten, aufgetragen in breit nasser tünche, eingerieben mit fusselndem tuch auf grob rauem leinwandgewebe, unvollkommen grundiert, sodass von hinten lichtpünktchengefunkel erglüht wie himmelssterne, die flackern... die flackern zwischen den knoten im tuch, die man aufspürt, flüchtig erfühlt mit den fingerkuppen, die die oberfläche verstohlen berührn, wenn grad keiner hinschaut... die flackern in der weite des nichts, in der tiefe des blaus, in der man sich unendlich verliert und doch weiß, es ist nur farbe...

Das ende war blau, blau wie eine leiter, die zu einem freiballon führt in schwindelnder höh... Schwebend stand er schräg über ihm, mächtig, riesengroß, vor noch viel größeren himmeln, eine frau, über die brüstung des korbes gebeugt, rief ihm zu: Komm... Komm... Komm... Aber ich kann nicht, antwortete er, es passt nicht, ich hab noch zu tun, komm morgen wieder, vielleicht ja morgen, Komm, rief die frau, Komm... Komm zu mir... her zu mir... komm... endlich zu mir... Nein, sagte er, ich habe zu tun, Ach, sagte sie, du und deine ausreden, ich habe sie schon zu oft gehört, sagte sie, Wie oft hab ich dich gebeten... Wie oft schon hast du mir gesagt: morgen... ja morgen... Komm... Komm... Ich kann nicht, ich kann nicht kommen, obwohl ichs gerne möchte... so glaub mir... so gerne... zu dir... dir zuliebe... zu dir kommen möchte... Dann komm, rief die frau, Komm, Komm nur, jetzt gleich, jetzt gleich und nicht morgen, blau war das tuch des ballons, blau warn die himmel darüber, Warum kommst du nicht?, Jetzt gleich?, Warum, warum, Wenn du mich liebst, wirklich liebst, musst du kommen, und er spürte, wie sein schlechtes gewissen ihn klein macht und schmutz und es wälzt ihn heftig im schlafe... Die leiter ist so hoch, und sie schwankt, erwiderte er, ich bin nicht schwindelfrei, mir schwindelt, wenn ich die leiter nur sehe, es ist gefährlich für mich, wenn ich zu dir komme, dann werd ich abstürzen... Liebst du mich nun oder liebst du mich nicht, rief die frau, der himmel über ihr glich einer leinwand, luschig grundiert, er sah, sie trug eine kittelschürze, aus perlon, nachtblau, mit weißen pünktchen darauf, wie einstens die mutter, Komm, Komm, rief die frau, Ich ko~ mme, rief er, Ich ko~ mme, rief er, Ich ko~ mme, und griff nach der ersten sprosse.

DAS ENDE WAR BLAU, blau wie die Strickleiter des Helikopters, der über ihm stand und der die Stille zersägte.

Die Mitte war blau und der Anfang und das Meer und das Wasser der Seen und die Weite des Lands und sein Duft, der Geruch seiner Erde, der Kargheit der Felsen, der Flechten, der Fjorde, der Dunst, der auf ihnen ruhte, blau der Horizont, blau waren die Wege, die zu ihm führten, blau ihre Länge, die Strecke des Tags und die Tiefe der Nacht und die Stille der Welt, die er liebte.

Manchmal konnte er das Blau hören. Nie kündigte es sich an. Es war, wo er sich auch aufhielt, was er auch tat, mochte er noch so beschäftigt sein, plötzlich in ihm... keine Melodie... im eigentlichen Sinn... jedenfalls keine, die er hätte wiedergeben, singen, spielen, notieren können... eher eine Art von Akkord... ein leiser, sehnsuchtserfüllter Klang, düster gefärbt, nahezu trostlos... ergeben ruhend in sich selbst, diesem Land, in ihm... in seinem Herzen... schier unbewegt, dahingestreckt, basso continuo, Liegetöne... und doch vibrierend... auf... entrückende Weise, voll... liedhafter Grazie, ein Kantabile... oszillierender Schwermut... die ihn zu sich hinzog... mit Macht... Er spürte ihm nach, so inbrünstig ers konnte, bemüht, fest zu halten, mit Händen zu greifen, es sich handhabbar zu machen mit jener Kraft der Versenkung, die es bisweilen versteht, sich selbst zu erkennen, und fasste es nie... (Oft lag er in den Armen einer Frau und war traurig.) Da..., warf er ein in ein Gespräch in geschäftlicher Runde, Da... Haben Sie es auch gehört?... Man hielt ihn für von schwerem Schlafmangel gezeichnet... (Selbst der Schlaf war nichts als die Flut jenes Weltmeeres, und das Erwachen das Eintreten der Ebbe.) Es war... plötzlich da... und plötzlich weg... so plötzlich weg, wie es ihm zufiel... wie es ihn befiel... Noch klangs in ihm nach... (Wo seyd ihr hergekommen? fragte Klingsohr. Über jenen Hügel herunter, erwiederte Heinrich. In jene Ferne verliert sich unser Weg.) Zwar blieb alle Anstrengung, die er aufs Nachlauschen verwandte, stets fruchtlos, doch erfüllte das Blau ihn, obwohl ers verlor... immer öfter... wenn der Tag sich nicht zeigen wollte und die Nacht sich nicht senken... wenn die Fußmärsche ein Ende nicht fanden und der Himmel nicht Erde... wenn kummervoll der Schrei eines Kranichs das Schweigen verletzte, als sei es ein Nagel, dessen Spitze die Haut ritzt... wenn Wolken und Moose im Dunste verschmolzen... wenn Nieselregen sich auf die Welt legte... wenn Stürme aufkamen... und sie sie flohen, geduckt... wenn sie Höhlen entdeckten, in Schluchten, geschützt, mit zundertrockenen Flechten... wenn er arbeitete, am Mikroskop, wenn er, was er gefunden, eingab in sein Laptop... Peeh! Hallo, Peeh, alles klar?, sein norwegischer Freund war von feinem Gespür, Aber ja doch, selbstverständlich... —

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