18 - 10 - 2017

Tag für Tag -- Der poetische Moment

Reinhard Rakow
jedertag


ich lebe auf bewährung jeden tag
jede stunde minute sekunde
kann sie widerrufen werden
ich weiß es und tue doch unbefleckt
von jeglicher erkenntnis jeglichen unheils
jeglichen urteils
jedweder schuld

ich weiß das alles
ich weiß dass alles endet
du ich und diese stunde und dieser tag
und dieser raum und dieses haus
und dieser boden diese erde
das weiß ich
und die bäume die ich so lieb gewonnen habe
wie sie zu telegrafenmasten beschnitten
einander koseworte zuraunen im abendwind der sie färbt
mit blauzungenschweigen
und den wind
der heimlich die kulissen schiebt
im atemstromtakt
und den abend diesen hungrig anschmiegsamen pelz
lila gestromt oder bisam auf apricot grund
und das schweigen
das sich zärtlich verballt
bis es in elfenbeinerner schwärze schwarz implodiert
in reinster gnädiger schwärze
die ich so lieb gewonnen habe —

doch dass die bläue enden wird
das weiß ich
und die schwärze
und dass auch die gnade
enden wird
das weiß ich
ebenfalls

was sein wird bei zustellung des widerrufs
was sein wird wenn es an der zeit ist
zur rückgabe der geliehenen zeit
(bei meidung von schadensersatz im ursprünglichen zustand
abzüglich der spuren gemeinen gebrauchs)
was wenn wegen sofortiger vollstreckung
wiedereinsetzung nicht zu bewilligen ist
und das gesuch um letzte worte verworfen wird
und selbst für die bitte um verzeihen
kein raum mehr bleibt
in der leere
jener endzeitschwarzen schwärze
was dann sein wird
weiß ich nicht

ob der widerruf erfolgt
wegen untreue gegen sich selbst auch und andere oder
wegen unvernunft besonders in eigenen dingen oder
wegen schlechter führung
beigesellter tanzbären und oder
nachdem keiner von ihnen ein gutes wort mehr
einlegen wollte für mich oder
wegen verstoßes gegen die auflage
sich artgerecht zu halten oder
womöglich wegen verrates
an den bäumen oder
wegen begünstigung der bläue
und oder in-verkehr-bringung der schwärze oder
wegen geheimnisverrats
an die andere seite
jenseits des flusses
all das
weiß ich nicht
und will es nicht wissen

und auch nicht wann
das sein wird
weiß ich nicht will ich kann ich nicht wissen
und auch nicht warum wodurch und wofür
das sein wird
und für wieviel und ob es überhaupt zu etwas nutze sei
dann
weiß ich nicht
noch wann die schwärze endet
oder die bläue
oder die gnade
weiß ich nicht
kann ich nicht wissen
will ich nicht wissen

ich vermag nur zu hoffen
(vielleicht)
wie jedermann.

Reinhard Rakow
Das Leben ein Reststück


Was Düsternis der Seele heimlich stiehlt... —
Die, von Alleinheit auf den Stumpf gerieben,
Kaum noch sich regen mag, wenn nach Belieben
Des Tages Wirrnis auf das Inn´re zielt,

Um´s zu zerschießen, Schuss für Schuss
Es zu durchlöchern, jenen Rest vom Ich,
Den man bewahrt hatte für sich, vor sich,
Und will nun nichts als einen nahen Schluss —

Man weiß nichts mehr. Man fühlt nicht mehr.
Das Leben ein Reststück, doch die Waage bleibt leer.
Vom Ausbeiner als Minderwert befunden,

Vorgeworfen zum Fraß hungrigen Hunden,
Landet´s als Fäzes durchwurmt auf der Straße,
Drauf ein blinder Beinloser entleert seine Blase.

Reinhard Rakow
Idyll

Ich hocke in Berne und horch in den Wind,
Ob er Störche mitbringt, Segelflieger,
Deren Schweben die  Luft reizt zu rauschen;
Ihnen reicht ein einz´ger erhabener Schlag,
Neu in Weite den Auftrieb zu tauschen,
Und "Voran!" und "Vorbei!" sind sie Sieger
Jenes Blickes der Augen, der wandelt zum Kind,

Wie der Morgen, der aufweckt durch Stille,
Die brüllt, brausend gähnt und errötet
Vor stummer Anstrengung und lauter Glück —
Es ist, als schlössen sich Kreise fürs Leben...
Des Abends ermattet, fällt es zurück
In die Kissen des Kindseins, süß  flötet
Die Wesertide ihr Lied letzter müder Idylle.

Reinhard Rakow
weg, den see entlang

ansteige, weg, nicht zu jäh!
folge nachgiebig der dünung, harthalmgespickt —
zungen von schluff haben sich
an dir vergangen, als kotze der salzigen wässer
räkelst du dich, mild überzogen vom schleim
in säure gelöster möwen. glasscherben,
rostiger stahl, die verletztliche haut
derer, die deinem angesicht trauten —
freue dich ihrer,
verweile...

vielleicht...
nach der biegung...
die braune see...
hat
gänsehaut...

vorm nahen wald
sink nieder! turmhoher föhren
kulisse, schwarz peitschende nadeln, schwingen,
ein greif, glitzernd vor tinte, der wind
bricht sich in ihnen, geifernd,
mit bleckenden zähnen, die backen,
gepustet, voll brackigem sud!

jetzt!
duck dich!
zur rechten zieht ein wetter auf...
den schrei der möwen scratcht der sturm,
der wolkenDJ dreht am rad,
die großen boxen PLATZEN!

Reinhard Rakow
auf einen stein

tausend blatt
oder zehn~
oder hundert~
tausend

einseitig (zumeist)
beschrieben:
wie viele zentner?-+9
wie viele zeichen?

es brauchte:
einen rauhen stein.
ein zündholz.
ein wenig wind.

Reinhard Rakow
zu jenen stunden

zu jenen stunden kämpften die krähen um ihre nester.
knarz scholl von wolkenkratzenden föhren efeuerwürgt
aus kraut- und rübenasthaufen, die im dunkeldunst stoben
schwächlicher wurden, leiser zuletzt, wie winzklein die wald
arbeiter, ihre gebelferten befehle,  ihre motorsägen, der krach
der traktoren, die den nachbarbaum an den haaren nahmen
die ihn verschleppten, dem ausgang der waldung entgegen.

vom dorf das rauschen verlangsamt, zum menetekel geronnen
gewöhnlich mediokren miefs, voll von cola chips couchfeder
geächze unter den lasten entlarvter fernsehclaqeure, die nach
richtenbrocken sämig verrühren, wie nett! erst glühwürmchen
scheint eines weißbläulich, dann zwei, drei, viele, dann glühen
die fensterpunkte, bevor endlich der lichtschmutz unterhand
nahm im waberkampf gegen schwarzblau zu klappen fallende lider.

zu jenen stunden wollte ich krähe sein. krähe, die schlafstatt
gefunden, kater auch, zum o gerollt, den geklauten schlafsack
zum obdach, zur kuschelhöhle das weiße linnen der abdeckerei,
wollt ich dem schlaf, diesem schändlichen schuft, schnippchen
schlagen zuhauf zu jenen betäubenden stunden.
doch wo ich herkomme, war schlafen verdächtig.
doch wo ich herkomme, wurd kurz nur geruht.

morgen ist auch noch ein tag, einst meinte die mutter

Reinhard Rakow
ohne titel

die regierung hat
die pflicht ihr
volk
zu schützen
vor verschleuderung von
volk
svermögen an nicht
deutsche zu schützen

vor überfremdung
biologisch
deutsche einwohner
durch ein
gedrungene fluten
biologisch
fremder kulturen

wie kann eine von
deutsch
en gewählte regierung
sich so un
deutsch
verhalten

wie nach be
kenntnis zur
treu
e so
treulos

das wird man
ja noch
mal sagen
dürfen

in einer
demokratie
danke

herr
moderator

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