15 - 12 - 2017

Tag für Tag -- Der poetische Moment

Reinhard Rakow
Zu schaffen ein Abbild


Nein zeig mir nicht die Tonfolge. Gott pfeift am schönsten
stets auf dem letzten Loch. Clockwork. Der Speichelfluß
von unten anschwillt, in dir den Schlund zu füllen.
Das Kammerkonzert vorgestern Ludwig. Im Nachgang
der Pianist: Diskurse zu Lichtenberg Kubrik
und Russell. Bertrand Russell. Rusell first of,

als sei so zu fühlen das Zerren gegen den geraden
Strich. Farben die unbesoffen machen. Ritter ohne
den goldenen Helm. Lichter die statt zu toben
zerfallen in Alb und in Traum. Grau atmet die Lineatur.
Hinter den sieben Bergen da wohnt der liebe Gott.
Verwaschen. Aufgelöst. Unfaßbar unstofflich.

Nein sage mir nie ein Abbild. Weil es nur verwirrt,
entfernt. Der Grund unberührt. Die Form niedergemacht
von Zweifeln, motivloses Motiv. Wer wartet auf Godot?
Der Fremde, bekannt namenlos. Ein weißes Zeichen die Wolke
über Berts Pflaumenbaum. Gleichungen und Formeln,
Beweise: nicht zwingend. Nur scheinbar.

Und siehe, ich bin das Licht.

Reinhard Rakow
Auf meinem Weg


Auf meinem Weg die Geraden. Links rechts ganz außen. Daneben, beidseits, in neunzig Grad und Farblichkeit inkompatibel. Erst das Geröllhafte! Findlinge Brocken Steine, Splitter gar. Einer ließ die Türe offen, jetzt strömen sie herein. Natürlich denkt man immer: muß so. Streng und weißt schon. Ha! Darf man nicht alles glauben. Der ist ja schon über, na jedenfalls nicht mehr modern.

In meiner Heimat die Schulen. Beton, soweit man blickt. Käfiggehaltenes Menschenklein beim Üben von Auslauf, darüber ne Süßwolke Dope. Clock Hahnenschrei Ende der Pause. Auf dreißig komma zwei Köpfe, herausgeputzt mit Lack, grün, lila, echtgelb, henna je eine Filzmatte mittellang und weißgrau. Im Saniraum riechts feucht nach Möse. Im Klo der Kondomat klemmt. Damals schon der auch.

Und dann der Blick nach vorn. Voll ungemalter Bilder. Aus Schwarz-und-Weiß-Schraffuren schält Farbe sich wie aus verdorbnen Tuschen. Wenn du die Brille absetzt. Oder wenn du die Augen kneifst. An Rändern ungeschärft. Und eine Million Gedichte. Wahrscheinlich aber mehr. Und alle, ohne "alt" nur zu denken. Ob das noch Streifen sind? Verwoben und fahrig wie Helix. Vielleicht

auch Schlangen aus Linien. Weiß man wenigstens wohin das nicht führt. An den Seiten die Irrtümer. Sehnsuchtsabraum, Halden aus Fluch. Verwünschungsdeponien an Farbseen rot wie erhitzte Milch. Am Horizont kräuselt die Gnade. Hat für sich entschieden, daß alles gut werde. Der Rest bleibt links liegen. Warum auch solls nicht funktionieren. Nicht alles zerreden, vertrauen. Schau vorn doch

auf meinem Weg die Geraden
die Streifen die Locken
das Licht.

Reinhard Rakow
Atempause
    (Stell dir vor, du wachst auf und bist tot.)


Stell dir vor, dein Atmen pausiert
mag sein, ein Wassertropfen
hat sich in deinem Hirn verirrt,

Nichtsein, wobei in blauer Schärfe
ganz weit und wild und still
des Lebensfilms Licht Schatten werfe,

mag sein, ein Molekül
hat seine Ionen falsch gebunden
so daß dein Atem enden will,

urplötzlicher Druckabfall.
Grenzgeher aus dem Lot
chemischer Betriebsunfall,
sein Fortgang ist dein Tod.

Reinhard Rakow
die heimkehr des odysseus


komm lass uns nach hause gehen
die reise war weit und müde
sind meine füsse vom langen
marsch durch die ebenen trocken
meine haut vom salzigen wind tief
in den höhlen da kannst du mich suchen

ach die tage waren sehr lang und voll
an ehren und aufmerksamkeiten zuhauf
dein brot täglich zu dir genommen am
kalten büffett zwischen lachsschnitten und
kräckern den pikkolöchen im zweireiher
mit fliege höflich das lachen befreit nach
der wahl zum nächsten posten der nächsten
sitzung nächsten ausschuß höheren
ehren kostbareren düften dickeren
autos superplus super qualmend
havannas der qualm in langen fluren
fensterlos langen fluren zu ober-
unt´ staatssekretären gerötet den teppich
und wichtig mit grüner tinte der
bedeutung angemessen die leiter
deiner erfolge

ach die straßen waren so lang und so endlos
die fluchten das grau von zement von
asphalt spiegelt in lachen von regen und öl
fahren nur fahren stundenlang tagelang
fahren meile für meile fliehen den
alltag gleichförmig berauschend
benzin-high fortlaufende wattzahl lautsprecher
vernebelt drei liter schwebend
auf sitzbeheiztem ledergestühl
um den schaltknauf edelmetallen
die rechte die hoffnung das herz
den gasfuß zum anschlag fliegen
nur fliegen stundenlang fliegen
fliegen die brücken die schilder
die wälder die brücken und fliegen
und fliehen den alltag

ach die städte waren so kostbar und voll
der annehmlichkeiten des schönen scheins
der zerstreuung paläste gediegen gefüllt
mit schönen menschen zerstreuend
die leere der bahnsteige der
bahnhofsuhren gnadenlos laufend
vernichtend die leere der zeit
im schönen schein der neonreklamen
da draußen und flackern aufregend
im dschungel der großstadt verwegen
die zeiten überall schöner
die tempel des einkaufs der lüste
zu kosten zu teuer vorgebend die
höhe des geldes die tiefe der
sehnsucht die schwärze des
scheins

du ich habe sehnsucht nach
sperrmüll komm mit
mir heim in den unrat den sammelplatz von
sich-gehen-gelassenem ans
lagerfeuer der uneitelkeiten bedeckt
mit lagen von flockigem hausstaub auf
kübeln steinhart gewordener brote an
türmen achtlos ungelesener bücher margarine-
gefettet kaffeegetränkter zeitschriften an
wänden die gelb sind und naß sind von
spor und von pisse von katzen die
haare sich paaren mit
fliegendreck schmeiß-
fliegen sich laben an
verwesend der leiche
einer beziehung

komm lass uns nach hause gehen
die reise war weit und müde
sind meine füsse vom langen
marsch durch die ebenen trocken
meine haut vom salzigen wind tief
in ihren höhlen da findest
du meine augen

Georg Büchner (1813 - 1837)
Der Hessische Landbote
Erste Botschaft

Darmstadt, im Juli 1834
Vorbericht

Dieses Blatt soll dem hessischen Lande
die Wahrheit melden,


aber wer die Wahrheit sagt, wird gehenkt,
ja sogar der, welcher die Wahrheit liest,
wird durch meineidige Richter vielleicht gestraft.
Darum haben die, welchen dies Blatt zukommt,
folgendes zu beobachten:

Sie müssen das Blatt sorgfältig
außerhalb ihres Hauses
vor der Polizei verwahren;

sie dürfen es nur an treue Freunde mitteilen;
denen, welche sie nicht trauen, wie sich selbst,
dürfen sie es nur heimlich hinterlegen;

würde das Blatt dennoch
bei Einem gefunden, der es gelesen hat,
so muß er gestehen, daß er es eben
dem Kreisrat habe bringen wollen;

wer das Blatt nicht gelesen hat,
wenn man es bei ihm findet,
der ist natürlich ohne Schuld.

Friede den Hütten! Krieg den Palästen!

Im Jahr 1834 sieht es aus, als würde die Bibel Lügen gestraft.
Es sieht aus, als hätte Gott die Bauern und Handwerker
am 5ten Tage,
und die Fürsten und Vornehmen am 6ten gemacht,
und als hätte der Herr zu diesen gesagt:

Herrschet über alles Getier, das auf Erden kriecht,
und hätte die Bauern und Bürger zum Gewürm gezählt.

Das Leben der Vornehmen ist ein langer Sonntag,
sie wohnen in schönen Häusern,
sie tragen zierliche Kleider,
sie haben feiste Gesichter
und reden eine eigne Sprache;

das Volk aber liegt vor ihnen wie Dünger auf dem Acker.
Der Bauer geht hinter dem Pflug
und treibt ihn mit den Ochsen am Pflug,
er nimmt das Korn und läßt ihm die Stoppeln.

Das Leben des Bauern ist ein langer Werktag;
Fremde verzehren seine Äcker vor seinen Augen,
sein Leib ist eine Schwiele,
sein Schweiß ist das Salz
auf dem Tische des Vornehmen.

Reinhard Rakow
nie wieder

neulich als der himmel kino spielte
vor luzidem grund aus azur umgerührt
rattengrau und schieres
reinstes
gleißendes
weiß
(titan, zink, meister propper)

dunstbäuschchen
mausfellgezupfte
voreinanderher trieb
überholend ein fettes
wolkenmassiv dessen lichte feingelb
infiziert schienen oder ocker der
ikterische kontinent freilich

überlagert von einem
nomadierenden zug
violetten geflockes mancherorts
an einen riesigen vogel gemahnend
der aber rasch sich verlor
zerstob im von verborgener sonne
gekitzelten wind

um lidschläge später
aufzuquellen dank blubber~
himmels hefe
bauchig prall mächtig
mählich bewegt stumm
von einem wolkenzieher
(das weiß hatte orange gesoffen inzwischen)

fiel mir die letzte
ausstellung
ein die ich besucht hatte
und mein nachbar
und mein schütteres haar
und ich dachte:

nie wieder

Reinhard Rakow
entlang der straße

entlang der straße stehen bäume aufgereiht
mit hohen stämmen, ast-, zweig-, blattlos fast
wie telegrafenmäste; der kopfputz, spärlich
und zerzaust, erzählt vom werk eifriger motor-
sägen: natur, natur ...  — so weit das auge
reicht, so weit der tank: wo weites land, recht-
eckig arrondiert, nützliche flächen fügt,
kunstphosphatgrün gedüngt, asphaltgehalten
von wald gefolgt, schnellwüchsig holz, umzäunt
mit maschendraht, und braunes ackerland
aufwendig tiefdrainiert, mit gift desinfiziert
der landmaschinerie die schläge aufbereitet ...
in nachbarschaft das weidegras, ein reservoir
für rind-, schwein-, hühnerschiss, schwarzweiß
bewuchert fleck um fleck, elektrozaun-
gepierct: landschaft, landschaft ... ein traum
von traum, zu end geträumt vor zeit, darin
geteert ein hof, glas-, altpapier-container
vor einem supermarkt, parkbuchten, einkaufs-
furt, leitplanken, schild um schild, danach, fein
ziseliert, vorgarten an vorgarten, zierblumen-
reich bestückt, und da ein haus und dort ein haus
zerfallend und geputzt, gewienert und gefegt
radwege bürgersteig, tankstelle, lagerbau
und -fläche, ne brache voll gestrüpp an fabrik-
scheunenflucht, nun eine ampel hier, hinter
dem kiosk alt ein fahrradmofastand, beton
durch den die distel bricht, der queck und die
brennnessel. so eilt der ort vorbei und endet
während der fahrbahnpfähle kette schlägt
ihr schwarz auf weiß, geschrägt, um reflektoren:
natur, natur ... erzählt vom fraß der motorsägen
an hohen stämmen, ast-, zweig-, blattlos fast
wie telegrafenmäste. es stehen bäume aufgereiht
entlang der straße —