15 - 12 - 2017

Tag für Tag -- Der poetische Moment

Reinhard Rakow
blind date


wenn er nicht mehr
weiter wusste wähl~

te er ihre nummer
natürlich

war sie nicht
da um diese zeit

aber der anruf~
beantworter

lief mit geschlossenen
augen hörte er ihre

stimme piepsig noch
dünner als sonst

wie sie eierte
hinter hell~

grauem rauschen
rührte ihn an

beziehungsweise
musste er lächeln

Reinhard Rakow
ob der wind


kaum ist das licht angeschaltet

im treppenhaus wischt ein dunkel
um die ecke ein rattenschwanz
vielleicht oder ein aufgegangener schnürsenkel
eines unbekannten feindes. in der tiefe
des raumes hängt motorenöl
gelöst in mechanikerduft.
zwei schritte weiter nach oben ein fremdes
schaben beiläufig
flüchtig gerade
laut genug die fleischantennen am kopf
jäh aufzurichten die poren
zusammenzuziehen den puls rasen den schweiß
erkalten zu lassen. ob der wind?

beruhige dich. vor-
sich-
tig
den schlüs-
sel umgedreht den
flur erhellt gesichtet geprüft
zimmer für zimmer wer
hat da geatmet? du selbst

liegst nun in stillem bett das gesicht
zur wand mit geschlossenen augen
besser zu erkennen wann

es ungemütlich wird —

Reinhard Rakow

aus "Der Berg"

In den folgenden Tagen hatte er vieles versucht, dem Kreisen seiner Gedanken ein Ende zu bereiten.  Er blätterte in Zeitungen und schnitt Artikel aus, von denen er annehmen wollte, sie seien wert, in einem eigens für diesen Zweck neu angelegten Ordner gesammelt zu werden.  Er spielte CDs ab, die er noch nicht oder lange nicht mehr gehört hatte.  Er ordnete seine Bestände an Vinyl-Schallplatten und die im letzten halben Jahr gekauften Bücher.  Er düngte Zimmerpflanzen.  Er heftete Kontoauszüge ab, brachte die Software auf den neuesten Stand, putzte Fensterbänke und Türklinken, zog Uhren auf, sah Fotoalben durch, sortierte den Inhalt seiner Schreibtischschubladen, kochte zu Mittag, brachte seinen Wagen zur Wäsche, ging zum Friseur, überhaupt: ließ nichts unversucht, um sich  der Aufgabe nicht stellen zu müssen; vielleicht, suchte er sich zu beruhigen, sei das Zuviel an bis zum Abgabetermin verbleibender Zeit der eigentliche Grund seines Müßiggangs, hatte er doch schon als Schüler am zuverlässigsten unter Zeitdruck gelernt, auch im Studium hatte sich die Erkenntnis, unter Druck zu guten und sehr guten Leistungen fähig zu sein, bestätigt und in seinem jetzigen Beruf zeigte er sich, wann immer die Zeit knapp wurde, fähig, große Energien aufzubieten  —  was also sollte sich daran geändert haben?  Mit fortschreitender, sich verkürzender Zeit würde der Druck wachsen und der Text sich quasi von selbst schreiben, Es schreibt mich, Rimbaud..., so hoffte er... doch die Zweifel nagten...

"  —  für den, der meinen darf, alles vor sich haben, sind Unterwegssein, der Lauf der Zeit und Vergänglichkeit noch kein Thema."  —   für den, der meinen darf, alles vor sich haben... Durfte er meinen, noch etwas vor sich haben?  Würde er den Sprung aus mehr als zwanzig Jahren an ein neues Ufer meistern?  Sicher nicht, wenn er fortführe, seine Zeit untätig zu verschwenden... Stunde um Stunde, Tag für Tag verbrachte er am Computer, auf dem Bildschirm die letzten Zeilen, die er zustande gebracht hatte, und starrte auf die spiegelnde Oberfläche, deren Wölbung dem haarlos glatten Schattenriß seines Schädels etwas Absurdes verlieh.  " — für den, der meinen darf, alles vor sich haben"... Die Buchstaben waren mit einem Mal klarer zu erkennen. Gewitterwolken schoben sich vor die Sonne, die mit ihrer gelben gnadenlosen Glut das Haus, in dem er arbeitete, wochenlang unter Dauerfeuer genommen hatte, bis die Luft in jedem einzelnen Raum totgekocht war, heißer noch und stickiger als irgendwo draußen.  Er hatte das Herannahen der Wolken nicht bemerkt.  Jetzt ballten sie sich rasch aus dem Nichts eines lichtblauen Sphärengrundes und verwaschener Andeutungen eiliger Zirrusformationen zusammen zu tiefen, groben Haufen, die bedrohlich jäh aufquollen, tintig, gallig, Grau in Grau und Schwarz in Schwarz, über den Horizont walzten, in die Höhe explodierten, auf dem großen Amboß den großen Hammer ungeschlacht zu schwingen, dass die Funken nur so sprühten und sonst kein Licht mehr verblieb.  Ein tosender Wind kam auf, der die Armada der schwangeren Wolken vor sich hertrieb, dass sie Köpfe, Brüste, Bäuche, Ärsche verloren, und als sie versuchten, sich ihm zu entziehen, ihm zu widerstehen, tat er ihnen erst recht Gewalt an, im Gallopp nahm er sie von hinten und das Fruchtwasser ging ihnen im Sturz ab, sie entluden sich kalt und gewaltig.  —  Er hatte den Schreibtisch verlassen und verfolgte das Schauspiel von einer Tür seines Zimmers aus, die auf das bitumenbedeckte Flachdach eines im Erdgeschoß untergebrachten Supermarktes führte: Wie von Sinnen setzte der Sturm dem Regen zu, er peitschte ihn, bis der fast waagrecht im Nichts lag, schleuderte ihn mit aller Macht der Verachtung gegen den Giebel des benachbarten Hauses, dass die Wassertropfen gischtweiss zerplatzten.  Die Regenseen, die dampfend die Senken des überhitzten Bitumendaches anfüllten, liefen schnell über, der Sturm vereinigte sie und die Wogen der Fläche brüllend zu weiß funkelnden Wellen, die im Handstreich die ganze Schwärze und Breite des Daches an sich rissen, bis alles nur See war, die feuchte Haut vom abebbenden Wind stoßweise zum Schaudern gebracht.

Er trank die Kühle wie ein Verdustender, öffnete alle Fenster und Türen, entledigte sich seiner Kleider und setzte sich, die Klarheit mit jeder Pore einzusaugen, nackt an den Schreibtisch. Was, wenn die Lösung nicht in einer Weiterführung des Themas zu finden war?  Nicht in einem neuen Gedanken?  Wenn sie in den vorhandenen Zeilen bereits angelegt wäre?  Wenn sie in ihnen brütete wie der Wind in der Hitze....? Schon vor Tagen war die Ahnung kurz in ihm aufgeblitzt, dass das bisher Geschriebene selbst die Ursache seiner Schwierigkeiten enthalten könnte, doch auf der Suche nach einer originellen Exegese schnell in Vergessenheit geraten wie ein allzu fernes Wetterleuchten.  Eine Stelle besonders, die sich mit dieser Ahnung fast zwanghaft verband, hatte ihn angezogen: "Bis, vor einigen Jahren, mich mein Auto den Hügel hinauf kutschierte, von einer anderen Seite aus, auf einer breiten neuen Asphaltstraße, und die endete, wo einstmals der Botanische Garten Verliebte angezogen hatte, auf einem Friedhof, frisch gepflügt, auf dem sie einen begraben hatten, der mir nahestand".... "einen, der mir nahestand": Was hatte ihn zu dieser Umschreibung bewogen?  Warum hatte er nicht offengelegt, dass sein Vater gemeint war?  Zwar konnte er nicht ausschließen, dass diese Periphrase stilistisch als Kniff zur Schaffung von Spannung  —  wer denn der eigentlich war  —  gemeint und legitimiert gewesen sein könnte, er wußte es nicht mehr...  Aber wenn nicht: Was hatte ihn gehindert, seinen Vater beim Namen zu nennen?  Gab es etwas, was ihn die Beziehung zu seinem Vater meiden ließ?  Ihn zwang, sie zu vergessen? Bis heute?  Bis in diesen Text hinein?... Er verwarf die Eingebung so rasch, wie sie ihn angeflogen hatte: was sollte das sein? Ihn hatte zu seinem Vater zu keiner Zeit eine Beziehung verbunden, die diesen Namen verdient gehabt hätte.  Eine Nichtbeziehung war, worin ihr Nebeneinander bestand; der andere war da, einfach da, mehr nicht... Oder waren es "die Verliebten, die der Botanische Garten angezogen hatte"?  Das Mädchen?  Jenes "mit leichtem Sommerkleid und dünnen gebräunten Armen"?  Unwahrscheinlich... Sehr unwahrscheinlich...  Er wußte nicht einmal mehr, wie sie aussah, geschweige denn ihren Namen, es war... einfach eine Erinnerung... an diesen verwirrend seidigen Glanz jener goldbraunen Haut auf einem schmächtigen Oberarm..., die er sah, wenn er die Augen öffnete... die die Schulter bedeckte und die Beuge und die süße Weichheit der Achsel... Nicht einmal die Brust, die seinen Kopf gebettet hatte, fiel ihm ein; was also versprach er sich davon, diesen Ansatz weiter zu verfolgen?  Eine falsche Fährte, vertane Zeit... Er kam nicht voran... Ein kalter Wind fiel aus hoffnungslos finsteren Himmeln.  Ihn fröstelte, sein Kopf schmerzte.  Noch zwei Tage bis zum Abgabetermin... Er schlief spät und schlecht, Nachtmahre verhöhnten ihn, den Versager, sprangen ihn keckernd an, Mädchenärmchen, die seinen dicken Schädel schützend umschlangen, brachen knackend, Kalenderblätter fielen zu Boden wie dürres Herbstlaub, Zu spät, sagte der Verlagsleiter, Zu spät, echote hohnlachend der Chor seiner Feinde, Zu spät, er schreckte auf, das Laken klebte an ihm.

Der Tag hatte brühwarm begonnen. Ein gütiger Hochnebel hatte sich vor das gleißende Licht der Sonne geschoben, die sich mit unverminderter Intensität, sinn- und rücksichtlos, ihre Hitze aus dem Leib brannte, die Stadt, die noch schlief, dampfte an allen Ecken und Enden, behäbig lag sie da, der feuchten Wärme wohlig ergeben, ein riesiges, schweißnasses Tier, das seine Geschichte im Schlaf wiederkäuend verdaute.  Als er endlich erwachte, zu spät erwachte, hatte die Sonne den Nebel besiegt; das Flachdach war bereits über den größten Teil seiner Fläche abgetrocknet, so schnell die Senken vollgelaufen waren, so schnell leerten sie sich, nur einige dunstüberdachte Pfützen kündeten noch von der großen Erlösung.  —  Und wenn es doch etwas bedeutete, dass er immer wieder zu dem Text zurückkehrte?  —  Gut, es war ein Fehler gewesen, die Erfüllung dieses Auftrages mit der Entscheidung über seine berufliche Existenz zu verknüpfen... es war Fehler gewesen, das bisher Geschriebene nicht einfach zu verwerfen... es nicht kurzerhand aus dem Weg zu räumen wie eine Sperre, die dort nicht hingehört, es nicht aus seinem Bewußtsein zu sprengen wie einen lästigen Findling, der eine Öffnung verschließt... Wie hatte er sich nur darauf fixieren können? Er schien diesem Text ausgeliefert... hörig, besetzt von ihm, besessen... alles drehte sich um ihn... Er hätte sich von ihm lösen müssen... früher...  —  Die Mädchen, die er gemeint haben könnte, hatte er in den östlichen Teil des Berges geführt  —  der Bergzug erstreckte sich vom Nachbardorf, in dem die neue Schule lag, über vielleicht zehn Kilometer nach Westen bis auf die Höhe der Kreisstadt  —  , jenen im hohen Gras versteckten steilen Trampelpfad hinan, den es später nicht mehr gab... oder er hatte ihn nicht wiedergefunden damals... nach dem Begräbnis... Sein Vater war im Frühling gestorben.  Die asphaltierte Zufahrt zum neuen Friedhof führte in weiten Schwüngen von der Tiefebene des Hauptdorfes durch neu entstandene Villenviertel und die Obstgärten, die seit alters her die unwegsamen Gebiete nahe dem Gipfel mit Apfel- und Kirschbaum überzogen.  Ein liebliches Licht verlieh dem Ort einen von ihm nie zuvor wahrgenommenen Hauch mediterranen Fluidums; das unbefleckte Weiß der Fassaden blendete ihn und die Pracht des leichten Lebens ihrer Besitzer, die Reitpferde hielten und teure Limousinen, und als er den Baumgürtel erreichte, bordete der Himmel über vor weißen und rosafarbenen Blüten, eine Orgie der Unschuld, hingetupft mit furios leichter Hand auch aufs Anthrazit des Asphalts, der unter ihr nur noch zu erahnen war... Ein Berg, der weiß war und oben ein Friedhof... Vielleicht sollte er sich mit dem Berg beschäftigen... Womöglich war es der Berg selbst... Womöglich... Viel Zeit blieb nicht...

Der Berg, den alle nur den Grauen nannten  —  eine in keinem Verzeichnis geführte, in keine Landkarte aufgenommene Bezeichnung  —  war in Wirklichkeit ein roter Berg.  Unter der dünnen Haut aus hellbraunem Lehm und Löß, die die Äcker und Wiesen und Wälder trug, verbarg sich ein stabiler Körper aus Sandstein; wo man die Haut entfernt hatte, um ihn auszuweiden, lag er bloß, und Regen und eine gewisse Beleuchtung färbten ihn so eigentümlich ein, dass die Wunden, die ihm die Steinbrüche geschlagen hatten, zum Dorf herüberleuchteten wie rohes ausgeblutetes Fleisch.  Er wußte nicht mehr genau, woraus sich der Name erklärte.  Am wahrscheinlichsten schien ihm der Verweis auf Adern mausgrauer Tonerden, die, speckig schillernd und faul stinkend, die Sandsteinschichtungen im mittleren Teil des Massivs meterhoch durchzogen, den Bauern zum Ärger, deren Ackerpflanzen in längeren Regenperioden regelmäßig an Staunässe ertranken, gewieften Unternehmern, die den wertvollen Ton mit riesigen Maschinen abbauten, zu Freude und Erbauung.  Auch deuchte ihm, Berichte gehört zu haben über graue Wölfe, die vor gar nicht langer Zeit die verwunschensten Winkel des Berges  —  zumal in den scharfen, höhlenreichen Einschnitten des westlichen Teils   —  durchstreift hätten, er hielt es sogar für möglich, als Kind selbst noch in schwarzen Winternächten das Heulen der Wölfe von fern des Dorfes gruselnd vernommen zu haben.  Schließlich erinnerte er sich an Geschichten, die die Älteren erzählten, in verschwörerischem  Ton, wenn sie unter sich waren, oder hinter vorgehaltener Hand zischelnd, sobald sie  Kinder in Hörnähe wähnten, Geschichten von treulosen Ehefrauen, die, nachdem sie ihren Ehemännern Hörner aufgesetzt hatten, von diesen bei Nacht und Nebel in den Höhlchen ausgesetzt worden wären und seither nahrungs- und orientierungslos im Berg umherirrten, selbst nach ihrem Hungertod irrten sie fortwährend umher, von verwirrten alten Männern, denen, weil sie die Jungen bei der Bewirtschaftung des Hofes gestört hätten, das gleiche Schicksal widerfahren wäre, oder Geschichten von jungen Mädchen, die in den Höhlchen von versprengten Soldaten  —  Deserteuren der amerikanischen Armee, die in der Kreisstadt kaserniert war oder Wehrmachtsangehörige, die das Ende des Krieges nicht mitbekommen hätten, die Nachrichtenlage changierte in Abhängigkeit vom politischem Gusto des Erzählenden  —  vergewaltigt worden wären und sich aus Scham nicht mehr nach Hause trauten: der Graue Berg, der Berg des Grauens.

 

Reinhard Rakow

Katzenwärme (Auszug)


Die Augustsonne fiel in den Hof, gegen das alte Haus, sie heizte es auf,  die schiefen schwarzen Balken aus schrundigem Holz, die Gefache aus hautfarbenem Lehm um widerspenstig gezwungenes Stroh, den Sockel aus klobigen Quadern Buntsandstein, blassrot wie fettes Fleisch gut ausgebluteter Schweine, die Eingangstreppe, Sandstein auch sie, drei Platten in der Art eines halbierten Pyramidenstumpfes aufeinander gefügt, ich hockte wie damals mit angezogenen Knien auf der obersten und spürte die Wärme, diese Wärmflaschenwärme, die sie gespeichert hielt, unter mir, in mir, meinen Schenkeln, wie damals, eine Wärme, intensiver als die der sonnengefluteten Luft, die mich umspülte, Katzenwärme, Katzenfellwärme, von fernher gleichförmig das Rumpeln und Rattern eines Zuges, es musste ein Güterzug sein, man lernt das mit der Zeit, zu ungeschwind, zu dumpf, zu behäbig, und vergisst es sein Leben lang nicht, sehr, sehr viele Waggons, ein sehr, sehr langer Zug voll schwerer massiger Güter, irgendwann dachte ich, es hört gar nicht auf, und kaum hatte ich das zu Ende gedacht, hörte es auf, genau wie damals, und herrschte Stille, wie damals, Stille mit einem Nachhall, der alles verschluckte für einen Moment, das Gurren der  Tauben vom Dach, das Zetern der Schwalben, das Tschilpen der Spatzen, die Rufe von Kindern hinter dem Haus, das Geräusch eines gegen Mauersteine prallenden Balles aus Leder, das seines versiegenden Hoppelns, das Rauschen der Straße von jenseits des Dorfes.

Ich war mit dem Zug gekommen, einem der wenigen, die hier noch hielten auf der Strecke von F. nach F., es war ein Bummelzug mit drei, vier gähnend leeren Wagen, draußen wie drinnen überzogen von Graffitis und starrend vor Dreck, ich suchte mir in der Mitte des letzten Abteils einen Platz, von dem ich meinte, hier sei der Gestank nach Urin und Erbrochenem noch am ehesten zu ertragen. Der Weg vom Bahnhof zum Ort verlief einige hundert Meter parallel zu den Geleisen zurück in die Richtung, aus der ich angereist war, ich hatte das Gestrüpp, das die Gleisanlage von der Straße trennte, Ilex, Brombeer, Himbeer, Schlehen, Wildwuchs noch immer, beim Herannahen an den Bahnhof wahrgenommen als grünschwarze Zackenwand, ich hatte mich zu früh erhoben aus dem löchrigen Kunstleder, die Bremsen quietschten, die ganze Blechkastenschlange schüttelte sich wie eine Henne, die den Hahn verliert, ich stemmte mich dem Schauer und der Fliehkraft entgegen, den Griff des Fensters umklammernd, und hielt Ausschau nach einem der Durchschlüpfe, die wir als Kinder benutzt hatten, doch schon waren die Zacken vorbei geflogen, und auch als ich die Stelle zu Fuß passierte, unweit der Neunzig-Grad-Kurve, die der Weg zum Dorf hin beschrieb, fand ich in dem Verhau nicht eines jener heimlichen Löcher wieder, die es doch geben musste; vielleicht aber hielt der Zaun, den man der Dickung von der Straße aus aufgepropft hatte, sie auch nur verborgen, neu blinkender Draht zwängte alles zusammen, Äste und Reben und wohl auch die Lücken, kaum ein Grün jedenfalls, das das straffe Korsett enger Maschen zu durchbrechen vermochte.

Hinter der Kurve, den Berg hinauf, trug der Weg Schwarz wie bei meinem letzten Besuch, vor, wie lang war das her?, vierundzwanzig Jahren oder achtzehn, Reste von Teer, ein billges Gemisch aus Bitumen und zerstoßener Schlacke, das an den Rändern ausfranste und zwischen ihnen sich bröselnd zu Schlaglöchern löste, es gab keinen Bürgersteig, immer noch nicht, die schwärzlichen Krümel der Ränder ergossen sich unvermittelt in die Höfe hässlicher Mietskasernen, die beidseits des Weges neu sprießten, junge Türken lungerten in der Sonne, sie lachten mich aus, wie sie bemerkten, dass ich den Löchern auszuweichen versuchte, ich verfluchte die Wahl meiner Schuhe, empfindliche Slings, doch blieb ich bemüht, leichtfüßig zu wirken und unbeeindruckt; früher, sein Pflaster aus blauem glatten Granit glänzte stechend im Licht, hatten wir den Weg vom Dorfe kommend im Sturzflug genommen, kurz vor der Hecke sprangen wir ab, ließen die Räder, Erwachsenenräder, die viel zu groß waren, als dass wir sie hätten abbremsen können, gegen das Laubwerk prallen und schlugen uns in die Büsche, den Zügen entgegen, es war verboten, natürlich, strengstens verboten, er würde toben, wenn ers erführe, zwar, andererseits kriegten wir unseren Vater selten genug zu Gesicht, meist hing er herum auf einem Acker, im Stall, bei den Tauben, aber wir waren uns einig und dachten im Gleichklang und genossen den Kick, der sich dadurch erhöhte. Sie war die Ältere, doch zierlicher, flinker, sie fand unsere Lieblingslücke schneller und war als Erste in ihr verschwunden, ich musste mich sputen, meinen ungelenken Leib in die Öffnung zu quetschen, bevor das dichte Grün sich hinter ihr schloss.

Der Hof bot sich dar wie erinnert, Vater hatte ihn meiner Schwester überschrieben kurz vor seinem Tod, sie beichtete es mir beim Leichenschmaus zwischen zwei Stück Butterkuchen, seither hielt ich mich fern, obwohl es mir eigentlich gleichgültig sein sollte, ich war es gewohnt, dass man sie mir vorzog, und sie durfte den Hof nicht verlassen, den Hof nicht und nicht unsere Mutter, die gelähmt und aufgequollen einen Rollstuhl in Übergröße ausfüllte und von dort, als sei es ein Thron, Kommandos erteilte, vor denen keiner gefeit war, der sich in ihre Nähe traute, und deren machtvoller Hilflosigkeit keiner sich zu verweigern wagte, mit Ausnahme meiner Schwester, die weghören konnte und sich auf Kontra verstand; selbst bei Mutters Begräbnis, nicht lange danach, hatte ich das Haus zu betreten vermieden, sie lebte allein dort von da an, Jacek war schon Jahre zuvor ausgezogen, gleich nachdem sie die alte Lina eingewiesen und fortgeschafft hatten, Vaters Schwägerin, Jaceks Beschützerin, er war, um genau zu sein, verschwunden praktisch über Nacht, keiner wusste Auskunft zu geben, wohin und weshalb, keiner schien ihn zu vermissen, sogar die Katzen, erzählte sie mir am Telefon, ließen sich nur vereinzelt auf dem Hof blicken, für die ersten paar Tage noch streunten sie unschlüssig in bald dünner werdenden Rudeln und in größer werdenden Bögen um das Haus, bis auch die letzte verstand, ich stellte mir vor, wie sie von meiner Schwester verscheucht worden waren, als sie auch die Treppe, ihre Treppe, zu belagern begannen, und nun hockte ich mit angezogenen Knien auf dieser Treppe, vor diesem Haus, das ich noch nicht wieder betreten hatte seit meiner Ankunft, dem Haus, in dem wir aufgewachsen waren, in dem sie allein gelebt hatte zuletzt, wir hatten nur telefoniert all die Jahre, eine Ewigkeit nur telefoniert, dann und wann, nicht oft, aber lang, besah mir, den gebeugten Kopf auf die Hände gestützt, die Trittmulden, die die Zeit dem Stein angetan, und ließ mir den Schädel bescheinen, ein Mensch namens Müller hatte mich angerufen, behauptet, uns Schwestern aus der Schule zu kennen, ich hatte entgegnet "Ja und".

Dann wieder Gurren vom Dach, Täuber auf Balz vermutlich, besoffen von Spätkatzenwärme. Wilde Tauben, schätzte ich, zugeflogen. Es konnten ihre nicht sein, ganz gewiss nicht, sie hatte es nicht so mit Tieren.  Ratten nannte sie die Tauben, seitdem sie den Ausdruck "Ratten der Luft" irgendwo aufgeschnappt hatte, Seine Scheißratten scheißen alles voll, lästerte sie hinter Vaters Rücken, Das Dach, die Fenster, der Hof, alles voller Rattenscheiße, Man kann kein Fahrrad vor dem Haus abstellen, sofort ist es zugeschissen, zischte sie jedem, der auf das Grundstück kam, zu, und ihre grünen Augen glühten zur Warnung, als gehe es um sein Leben, sie war, meine ich, noch nicht konfirmiert, und wenn sie losfuhr, kontrollierte sie vorher Sattel und Rahmen auf weiße Spritzer, obwohl sie ihr Rad doch als einzige im Garten abstellte, zwischen den Bohnenstangen, wo die Tauben sich niemals aufhielten, Lass sie, beschwichtigte Mutter, Sie ist eben eigen, Kühe, diese Missgeburten, waren ihr zu grob, Hühner zu doof, Säue zu schmutzig, vor Hunden hatte sie Angst. Tauben aber und Katzen, die, eingehüllt in Wolken übler Gerüche und gefährlicher Krankheitserreger, überall und jederzeit Fell, Fusseln oder Federn verstreuten, die ihre Zeit totschlugen mit Faulenzen, Fressen und Scheißen, die verabscheute sie vor allem anderem Geschmeiß:  Wie die sich wieder anschleimen!, giftete sie, wenn Täuber sich aufplusterten zum Tanz oder wenn Katzen schnurrend jemandes Beine umstrichen, Schon wieder rollig, diese Schweine, wie eklig! Sie war ein Floh in kurzem Trägerkleid, Plissee weiß, bunte Blümchen, ihr rundes Stupsnasengesicht strahlte licht wie die Sonne vor Mittag, immer schätzten alle sie viel jünger, als sie tatsächlich war, von weitem; aus der Nähe verwirrte einen der Ernst, der ihre großen Augen durchwölkte.

Reinhard Rakow

Sonnenklirren (Auszug)     

1.

Der Sommer, überaltert, war gegangen. Lange Zeit hatte es den Anschein gehabt, er sei unbesiegbar, unfähig zu altern. Einem schwül verregneten Juli war ein August brütender Hitze gefolgt: ein überheißes Licht stand zitternd auf dem Asphalt zwischen den Städten; durch keinen Wind bewegt, lastete es auf den Häusern, sie auszuglühen und den Ziegeln die Farbe herauszubrennen, wie das Feuer eines Krematoriumsofens es den Zellen einer Leiche antut, gewalttätig, mit der Wucht einer Riesenfaust, die, weil der schlug sie zurückzuziehen vergaß, nicht enden will, bis tief in die Nacht hinein, die also keine mehr war vor lauter Hitze und Licht, und selbst die Schatten, die sich in günstigen Winkeln zu halten verstanden, waren keine Schatten mehr, sondern, in nahezu unverminderter Temperatur lodernd und in gleicher Weise stumm in sich vibrierend, nichts als andersnamiges Licht. Vielleicht war es dieses Übermaß an Licht und mit ihm die Auflösung der Schatten, was sich ihr, anders als jenen, die von einem Jahrhundertsommer schwatzten und sammelwütig Daten aller möglichen Rekorde auflisteten, als Stigma dieses Sommers einprägen sollte — die Beharrlichkeit seiner Farben und Melodien bis in den Winter hinein, das Andauern seiner Klänge, beherrscht von einem sinnlich wabernden Tremolo, reich an Obertönen, elegisch, schwülstig und geil, in Szene gesetzt von einem üppig ausgestatteten Orchester mit vierundzwanzig ersten Geigen oder mehr, in Dumpfheit zupackend wie ein schwerer nasser Mann, der auf einem liegt und lasten bleibt, dass man ihn nicht abschütteln und sich unter ihm nicht mehr regen kann, fiebrig in Besitz genommen, ergriffen und gelähmt; diese bleierne Allgegenwart eines betörenden Dunkels, gefüllt mit Raum greifenden Akkorden, die, wild geformt aus dem Geräusch unnütz verdörrender Halme, die unter der Last der Ähren sich beugen und brechen, eins wurden mit dem Geruch am Strauche süßlich faulender Früchte oder dem an- und abschwellenden Brummen von Schmeißfliegen, die den verwesenden Körper eines Vogels umzingeln. Es waren diese Akkorde, die, nicht enden wollend, den August bestimmt hatten und den September, und die Farben waren den Klängen gefolgt. Anfangs hatte sich ein dunkles Grün, überreif und mächtig wie die Brüste einer Frau, die schwanger ging über die Zeit, über das Land gelegt, heiß, verschwitzt, in solch schamloser Fleischlichkeit, dass man sich darunter duckte und klein machte in der Hoffnung, am Boden ließe sich noch unverbrauchte Luft finden. Man war auf harte spitze Gräser gestoßen da unten, von finsterer Farbe, doch wuchernd, und auf ihnen und in ihrem Schatten: Insekten, die sich paarten; Käfer, Wespen, Motten, Fliegen, jeglicher Größe und Gestalt, die aufeinanderhockten, Kartoffelkäfer, die ihre Hinterleiber teilnahms- und ansatzlos verschmolzen, Hautflügler, fast durchsichtig, deren Legeröhren und Stacheln vereint im Gleichtakt pulsierten, Libellen, Räder bildend, in denen das Männchen mit seinem Hinterleibsende das Weibchen festhielt hinter dem Kopf mit den großen Augen, beide erschöpft von der Hitze, dem Mangel an Luft, dem Zwang der Lage, doch nicht imstande, ihr zu entfliehen und in dieser Not eins mit den Artgenossen, eins mit dem Sommer — zuckend, ein Ende nicht findend. Wer genauer hinsah und länger, nahm wahr, wie sich allmählich ein feiner Staub Ocker, mag sein auch: aus rotem Lehm, auf die Spitzen der Gräser legte, auf die kopulierenden Insekten, auf ihre Leichen, die in zunehmenden Schichten den Boden unter den Pflanzen bedeckten, wie er die dampfende Haut des Horizonts mit feinem Puder überzog, dass die Schweißtropfen, die auf ihr perlten, in unregelmäßigem Zickzack Spuren hinterließen von oben nach unten. Und wer mit der Zungenspitze die Lippen benetzte, damit sie nicht zu spröde wurden, fand, dass der feine Staub vergoren schmeckte wie die Früchte, die sich, mit Feuchte nicht mehr versorgt, von den Sträuchern gelöst hatten, und nach Verwesung wie die Insekten, zu Myriaden gestorben, wie die Vögel, die ihnen zu folgen begannen. Das war der September gewesen. Dann, kaum weniger heiß, der Oktober, der sich ebenbürtig gezeigt hatte in Überhitzung und in Verderbnis. Die Forsythien hatten ein viertes Mal geblüht, der Jasmin zum dritten. Die Anzahl der Knospen war geringer geworden Mal um Mal, die Größe jeder einzelnen vermindert; in der Mahlerschen Sinfonie dieses Sommers callando endlich auch der Geruch der Blüten und ihre Leuchtkraft: der schien, bei unverminderter Intensität des Tageslichtes, ihre Spitze genommen durch den Staub, diesen braunen feinen lautlosen Staub, der das Insektengewimmel mit erdiger Lasur überzog, dem Forsythiengelb ein fahles Beige auf den Weg gab und den Jasminblüten eine ungesunde Brüchigkeit, als litten auch sie unter Kartoffelfäule, jener modernden Pest, die seinerzeit unterm schlaffen Kraut grassierte, sich zu vermählen betörend mit dem Duft des Jasmins, einem den Atem zu rauben. Damals tauchten die ersten mißgestalteten Kartoffelkäferlarven auf, Monstren, die sich auf halber Länge der prallen Pelle teilten, zwei hässliche Köpfe mit unförmigen Mandibeln, Maxillen, Labien auf dem einen nackten Korpus trugen, sich fortbewegend auf viel zu vielen Saugnäpfen, warzenähnlich, und während die Zeitungen noch darüber rätselten, ob die Hitze die Chromosomen der Kerbtiere zu schädigen in der Lage gewesen sei, oder ob sich die Elterngeneration die Gene an den Spaltprodukten der Kartoffelfäule verdorben hätte, oder ob der feine Staub der von Kieselrot sei, Krebs erregend, oder ob sich, dem kritischen Blick der Öffentlichkeit entzogen, ein Unfall in einem der vielen Kernkraftwerke ereignet hätte, wütete die Hitze weiter mit gleichbleibender Kraft, verdunstete das Wasser in den Rinnsalen, die einmal den Namen von Flüssen getragen, und in den Pflanzen, die dabei waren, ihr Grün zu verlieren und eins zu werden mit den Klängen des Windes, wenn der schwach aufkam, Erde zu Erde, Asche zu Asche, Staub zu Staub. Viele Larven überlebten die Glut nicht. Fielen, an die Unterseite eines gilben Krautblattes geklebt, mit diesem nach unten auf steinharten Boden, dumpf glühende Plattform; verdorrten am Stängel, wenn mittags die Sonne am höchsten stand, die fleischigen Fühler an den zwei oder drei Köpfen verschmort zu lilafarbenen Stümpfen. Im Hintergrund, verhalten, fast Wahnsinn: Generalbass, Requiem, sehr lange Pause. Wenigen nur glückte die letzte Verwandlung, die letzte Häutung, um sodann, noch bevor der schützende Panzer von Chitin ausgehärtet war, von außen nach innen zu Dampf zu mutieren; hätten die Zeitungen das Thema weiter verfolgt, wären ihnen Fotos beschieden gewesen von Kerbtieren, die, auf dem Rücken liegend, zehn, zwölf Beine in die Luft reckten, aber die fortwährende Hitze hatte alle gleichgültig gemacht und gelassen und keiner scherte sich mehr um Auswüchse, es war, als hätte das Übermaß an Sonne und Faulheit und Licht den Menschen die Lebendigkeit ausgetrieben. So begann der November. Mit Temperaturen zwar, die kaum merklich niedriger stiegen als im August oder September oder Oktober, mit einem Klang zwar, dessen Vibrato das Bewußtsein nicht weniger fesselte, mit einem Licht, dessen Schärfe dem der Vormonate in nichts nachzustehen schien, doch auf unbeschreibliche Weise verlangsamt, beschwerlich, als sei es sich selbst leid. Noch trugen die Bäume dicht Blätter. Noch prägte Grün das Antlitz des Landes, doch seltsam kraftlos, unschlüssig, als sinniere es über eine goldene Brücke, den Abschied zu verkünden, oder über die Formulierung des eigenen Nachrufs, wenn auch noch immer der Gegenwart verhaftet, sie perpetuierend, nicht fähig, sie los zu lassen, die Niederlage einzugestehen. Die Menschen, die sich mit der Endlosigkeit des Sommers arrangiert hatten, indem sie Wasser sparten und speicherten, Fenster mit schweren Gardinen zuhängten, Klima-Anlagen bauten, Haus hielten mit ihren Kräften, begegneten auch dem heißen, grünen November mit willfähriger Toleranz und hellsichtiger Ohnmacht. Die Toten der letzten vier, fünf Monate hatte man tiefgekühlt in Leichenhallen gestapelt, da ihre Zahl mit der großen Hitze sprunghaft angestiegen war, freie Grabplätze gab es nicht genug und neue Gräber zu schaufeln, galt wegen der Härte des Bodens als Verschwendung der eigenen Kräfte, die man, wer wußte es, in späteren Monaten noch nötiger haben würde. Nun, da unversehens das eine oder andere grüne Blatt vom Baume fiel, hatten sich hier und da Kolonnen von Friedhofsarbeitern daran gemacht, im Schutz der Kühle der Nacht mit Spitzhacken den Boden zu bereiten und wer die Vögel und ihren Flug beobachtete, dem war die nervöse Unruhe aufgefallen, die von den letzten Mauerseglern Besitz ergriffen hatte.

Dann war der Sommer, überaltert, gegangen, von einem Tag auf den anderen. In der letzten Novembernacht hatte ein kalter Wind zugeschlagen, den Sommer an- und sehr bald ausgezählt. Noch in derselben Nacht waren die Temperaturen, begleitet von Sturm und Gewitter, seiner letzten vergeblichen Gegenwehr, bis in die Nähe des Gefrierpunkts gefallen, und es hatte keine drei Tage gedauert, da reckten die Bäume ihre Äste kahl dem Himmel entgegen. Wie man die Toten begrub, wie man die Mauersegler aufsammelte, erkannte man kaum noch die Hand vor den Augen. Es war Nebel aufgezogen, dicht und schwer, der nun alle Anstalten machte, es dem Sommer gleichzutun in seiner Last, Verzweiflung und Hartnäckigkeit.

Als sie aufwacht, denkt sie an den Nebel. Ihr erster Blick nach dem Aufwachen, der stets dem Fenster gilt, hat schon seit Tagen nichts mehr gefaßt; die alte Kiefer, die mit ihren langen Armen nach dem Schlafzimmer griff wie ein Riese, der in einem ausgefransten Hemd steckt, war nicht mehr zu erkennen gewesen, der Nebel hatte sie eingetaucht, verschluckt, in sich aufgenommen.

Nicht so heute. Hinter hellem Pudergrau spitz schwarze Schemen von Nadeln, erstmals seit Wochen. Es hatte aufgeklart, der Nebel war dabei, sich zu verziehen. Vielleicht würde es frieren. Vielleicht würde die Sonne durchkommen. Sie überlegt, was sie sich für heute vorgenommen hat, steht mit einem Ruck auf. Sie greift das große schwere Kissen auf vom Kopfende, verläßt das Schlafzimmer, zieht behutsam die Tür zu ins Schloss. Auf dem Flur hält sie inne vor der ersten Tür rechts, nähert sich ihr auf Zehenspitzen. Sie drückt die Klinke langsam nach unten. Öffnet die Tür zentimeterweise, bis der Spalt breit genug ist für Kopf und Brust, lauscht:

Es ist still.

Reinhard Rakow

Dass alles so rein bleibt (Auszug)

Ich hab mir das nicht ausgesucht, das hier. Den Hof. Das schrotte Haus. Den Misthaufen. Die leeren Kuhställe. Die brach liegenden Äcker. Ich hab mir das nicht ausgesucht. Glaub nur nicht. Aber jeder muss tun, wo er hingestellt ist, sag ich immer. Von nix kommt nix, das kannste dir merken, sag ich Rolf immer, wenn er wieder mal mosert. Aber das willst du ja nicht verstehen, sag ich, Du gondelst bloß den ganzen Tag mit deinen Debilen durch die Gegend und abends hängst du rum vorm Computer, oder bist am Telefonieren, den feinen Mann markiern. Ach Rieke, meint Rolf dann, wenn er gut drauf ist und legt mir seinen linken Arm um die Schulter und sich die rechte Hand hinters Ohr, Horch mal, Rieke, horch mal. Hörste den Motor? Der ist von der Bartwickelmaschine. Soon Bart ham deine Witze, nämlich.

Also der Wecker klingelt um vier. Steh ich auf, geh duschen, mach mich fertig. Nehm meine Medikamente. Brüh mir nen Kaffee oder zwei. Stark sein muss er schon, drei Löffel die Tasse, den kräftigen von Aldi. Im Winter ist es stockduster natürlich und still,  im Sommer wirds hell und die Vögel machen Geschrei wie nix Gutes. Mein erster Gang führt immer zu den Hühnern. Von weitem hört man die Ventilatoren brummen und klackern, sommers wie winters, Tag und Nacht, da kann man sich drauf verlassen, das gibt gleich ein gutes Gefühl. Und ich hör sofort, mit der Lüftung ist alles in Ordnung, da fängt der Tag schon mal gut an. In der Schleuse leg ich mein Zeug ab, pell mich ein inn neuen Anzug aus weißem Plastik, Stiefel, Mütze, Mundschutz, zuletzt die Handschuhe, weiß, alles weiß. Drinnen ist ständig Gesummse. Fiepen und Piepsen, solang sie noch klein sind, später Krietschen und Glicksen. Pausenlos. Wie eine Wolke, wie eine Wolke Gacker-Ragout verstopfst dir die Ohren. Du verstehst dein eigenes Wort nicht, wenn du nicht brüllst. Früher hats mich verrückt gemacht, regelrecht kirre. Wiwiwiwiwi, wo du auch bist, was du auch tust. Wiwiwiwiwiwi. Ob du die Futterautomatik kontrollierst oder die Wassertränke. Wiwiwiwiwi. Wiwiwiwi. Ob du nach der Medizin greifst oder nach der Schiebkarre. Wiwiwiwiwiwi. Vierzigtausendmal Wiwiwiwi. Vierzigtausendmal in einem einzigen riesigen Raum, und du allein mittendrin. Wiwiwiwiwiwi. Geträumt hab ich davon.  Wiwiwiwi. Jetzt hör ichs nicht mehr. Jetzt riech ich auch nichts mehr, nicht die Scheiße, nicht den Mist, nicht die toten Viecher, die Pisse, die Gase, den ganzen Ammoniak. Da bin ich resistent gegen, inzwischen, meine Nase ist dicht, da kommt nichts mehr durch, nicht einmal das schwerste Parfüm.

(Parfüm, Rieke, weißt du denn überhaupt, weißt du denn wenigstens, wie man "Parfüm" buchstabiert?)

Rechnen können muss man schon. Sechzig Milchkühe hatten wir, schwarzbunt, die Genossenschaft zahlte 23 Cent zuletzt, 23 Cent für Futter, Dünger, Wasser, Strom, Tierarzt, Gebäude und Unterhalt, Landmaschinen und Sprit, für Arbeit und Lohn. Für zwei Erwachsene und zwei Kinder ganze dreiundzwanzig. 23 Cent den Liter. Bei Aldi gibst du 50. Fragt sich, wo bleibt der Rest, hat Walter gesagt, die Aldi-Brüder. 35 Cent, ist ja nicht viel eigentlich, nicht wahr, 35 hätten wir gebraucht, um über die Runden zu kommen, besser 37. Um kostendeckend zu arbeiten. Kostendeckend, das heißt: Gewinn nicht eingerechnet, verstehst du? Bei jedem Liter Milch, den wir produzierten, haben wir Geld dazugebuttert. Dazu-gebuttert! Liter für Liter, da kann man besser wegkippen. Hör mir auf mit deinem Genöle wegen der reichen Aldi-Brüder und von wegen Kapitalismus, hab ich Walter gesagt. Die Quote ist schuld, sie ist zu hoch, sie wirft viel zu viel Milch auf den Markt, und die Quote ist Planwirtschaft pur. Was wir bräuchten, wär Markt, einen natürlichen Kreislauf, der Angebot und Nachfrage ausbalanciert, der das Angebot ausdünnt und die kleinen Krauter verdrängen würde, damit der Rest ordentlich wirtschaften könnte, hab ich gesagt. Aber das Bräuchte und Würde und Könnte hilft uns nicht weiter. Quote ist Quote ist Quote ist Quote, das ändern wir nicht, Walter, du nicht und ich nicht, und heut nicht und morgen nicht, und bis der Markt kommt. Die Molkerei zahlt doch auch nicht mehr. Ich frag mich: Wie lange geht das gut? Wie lange soll, wie lange kann das gutgehen, hab ich ihn gefragt, Walter, sag: Wie lange noch?! Das Getriebe vom Trecker hält kein Frühjahr mehr, nebenan der Keller steht unter Wasser, das Futter ist schon wieder teurer geworden, Strom und Gas, Öl und Diesel sowieso. Tom hat vor den Osterferien Klassenfahrt, den können wir nicht schon wieder fehlen lassen, Rolf weiß nicht, wo er seine Schulbücher herkriegen soll, und ich war seit Weihnachten nicht zum Zahnarzt, wegen der Zuzahlung. Das ist doch kein Leben, Walter!, Das  ist doch kein Leben! Und wenn dein Vater sich tausendmal im Grab umdrehen würde: Die Kühe müssen weg, Walter! Besser gestern als heute. Mit deiner Milchwirtschaft schaufeln wir uns noch unser eigenes Grab, uns und den Kindern gleich mit, was glaubst du, wie kniesig der Alte erst wäre, wenn er das. Und dann hab ich die Bank angerufen, den Volker, der ist da Rendant, wir waren zusammen auf der Mittelschule, ich konnte schon immer gut mit Zahlen, Mathematik und Chemie und Physik und Kopfrechnen, und hätte auch gern mein Abi gemacht und BWL studiert oder auf Steuerberater, aber uns Vati, der meinte, es reicht, wenn der Klaus auf die Oberschule geht, die Rieke wird sowieso geheiratet und Mutter, die soll auf die Hauswirtschaftsschule, da lernt sie, was sie braucht für ihr Leben, aber Volker, Volker, der hat es geschafft und weiter gemacht und war in der Stadt und dann hat er hier die Filiale übernommen, ein bisschen neidisch werden kannste da schon, Fein, dass du dich meldest, Rieke, sagt er am Telefon und klingt ernst und erleichtert, Da brauch ich dich nicht anzurufen.

Wenn ich mit dem Absammeln fertig bin, geht es auf Fünf, da heißt es, sich sputen. Den Weg vom Hähnchenstall zurück zum Hof muss ich schon ordentlich petten. Aber auch nicht zu doll, vorne am Lenker hab ich immer Einkaufstüten voll Hühnerfutter und hinten auf dem Gepäckträger einen Müllbeutel mit toten Hühnern, nicht dass ich die noch verliere. Einmal ist mir das passiert auf dem Radweg, und. Die Schweine quieken dann schon, als wärn sie gestochen. Du darfst nicht eine Sekunde später ankommen, sonst walzen sie dir durch die Tür vor lauter Jieper, und glaubnicht, wenn hundertzwanzig Kilo Fresslust so richtig in Wallung sind, kannste. Also, ich beruhig sie erst mal mit einem Eimer vom Bottich pro Trog, son oller Altölbehälter, da sammel ich Essensreste, was halt so anfällt am Tag zuhaus und bei den Nachbarn, trockenes Brot, faule Äpfel, vermatschter Kuchen, saure Milch, Gulasch und braune Soße, Bratkartoffeln, die über geblieben sind, füll ich mit Wasser auf, tu das Hühnerfutter dazu und die toten Vögel, rühr tüchtig um, da sind die Gierhälse beschäftigt fürs erste, danach gibts das Mastfutter, dann miste ich aus, ja, noch mit Hand, mit der Forke, der Schweinestall hat keine Technik. Ordentlicher Strohmist, gut für den Garten, was glaubst du, wie die Erdbeeren da sprießen und die Kartoffeln, am besten wirkt er, wenn die Scheiße das Stroh schon halb  zersetzt hat. Kurz bevor es den Grünockerton der Scheiße annimmt. Wenn es so labberig wird, so durchgemanscht. Kurz nach al dente. Da wachsen die Pflanzen am besten. Also: neu Streu rein und fertig. Dann eben noch die Karnickel, Toms Flämische Riesen, das kann sich gar keiner vorstellen, was die so kacken an eim einzigen Tag, frisches Gras rein oder Heu, mal ne Runkelrübe, paar Möhren, umziehn, Hände waschen, Frühstückstisch decken, eben noch nen Kaffee im Stehn, eine Schnitte, halb sechs, Zeit, Männer zu wecken.  

(Dafür habe ich dich gehasst, Rieke: Dass du mir meine schönsten Träume zerstörtest Tag für Tag, mit konstanter Boshaftigkeit. Dass du mir in den Ohren lagst unerbittlich, unbarmherzig, drei vier Mal aufeinander, in trötendem Trompetenton, Hej, du musst aufstehn! Du musst aufstehn! Immer wenn es am schönsten war. Kaum, dass ich wieder zurück gefunden hatte.)

Ich hätte mir auch was anderes vorstellen können. Glaub nur. Nicht dass ich keine Angebote gehabt hätte. Ich war ein heißer Feger, so mit siebzehn, achtzehn, Tina Turner, Falco, Modern Talking, Madonna, hast du nicht gesehn. Rock me Amadeus, Amadeus, Amadeus. Like a Virigin, ich trug Leggins mit Leopardenfellmuster zum schwarzen Korsett, tief dekolletiert, die Kerls haben Schlange gestanden. Like a Virgin, von wegen. Und von wegen "Parfüm nicht buchstabieren können".  O Pomelo und Obsession, Eau de Parfume, viel Moschus, sehr viel, süßlich, herb und erotisierend, und viel hilft viel, das zog sie an wie Motten das Licht. Ich habs mir zwischen die Brüste getropft, da hatten sie schön was zu schnüffeln. Volker war auch darunter und ein Hubertus, der Sohn von einem Fabrikanten, der hatte echte Ambitionen, genauso wie Bernd, der war Filius von einem Doktor. Aber auf Bübchen stand ich nicht wirklich, und dann ist mir Walter über den Weg gelaufen, fünfzehn Jahre älter, ein Kerl wie ein Baum, stattlich, über und über von Kräuselhaar zugewachsen schwarzbraun, ich hab mir genau vorgestellt, wo, gleich wie ich ihn das erste Mal sah; es war bei einer Gewerbeschau, vor einem dieser Gemeinschaftszelte für mehrere Stände. Von draußen hör ich ein schallendes Lachen, dröhnender Bass, ich rein, Bierdunst, Gegröhle, Riesenversammlung besoffener Köppe um einen rum. Der lehnt da am Bratwursttresen, sein Lockenkopf glüht vor Hitze, Eifer und Brass, und schwingt große Reden: die Gewerbeschau eine Orgie des Konsumterrors, der Überfluss an Waren Krebsgeschwür der Gesellschaft, die wuchernde Markenvielfalt Opium fürs Volk, Krombacher, Franziskaner, Hasseröder, Budweizer und Becks, besoffen machten sie doch alle, Prost und Ex! Du und dein Mao, ist es am Schrein und Krakeelen, Back dir doch ne Kolchose! Du Walter, du! Du Ulbricht! Wenn dirs hier nicht gefällt, hau ab in den Osten! Dein Vater sollt sich was schämen! Und so einer darf sich Landwirt nennen!  Einer wie du, der gehört ausgeschlossen aus dem Landvolk! Nestbeschmutzer! Kommunist! Das musst du mir mal genauer erklärn, sag ich beim Bier, geb ihm Feuer und schau ihm tief in die Augen, weil ich dieses Braun einfach nicht enziffern kann, ich hab das ganz aufrichtig gemeint, ich mein: ohne Hintergedanken, weil: so hatte ich die Gewerbeschau noch nie gesehn. Aber es ist schon dämmrig und die Luft hinterm Zelt deutlich besser, da ist er O Pomelo auf den Grund gegangen, wir warn, ich schätz mal, eine halbe Stunde ineinander verkeilt oder länger, und wie ich endlich neben ihm lieg, Luft schnappen, meint er: Ich glaub, wir tun noch einn zu, das war sonst zu dürftig.

(Mein Traum ging anders, Rieke, ganz anders. Ohne Festzelt, ohne Bier und ohne Parfüm. Mein Traum roch nach Olivenseife und ein bisschen nach Schweiß. Mein Traum hatte seidenes Haar, langes, seidenes, rotblondes Haar, und Sommersprossen, Myriaden von Sommersprossen.)

Drüben das Haus hat Walter geerbt von seim Vater. Und der von seinem. Ganz früher wars ne Heuerstelle, für den wertvollsten Knecht. Wohnhaus vier Zimmer, Küche, Schlafzimmer über der Diele mit Blick auf den Misthaufen, daneben der Stall für sechs Kühe, vier Ziegen oder auch Schafe, eine Sau oder zwei, Stallhasen und Hühner. Bei Adolf waren Zwangsarbeiter einquartiert, Russen. Nach dem Krieg Flüchtlinge, Ostpreußen, Sudeten. Danach stands lange leer. Walter wollts schon abreißen, Weideland, wär gut gewesen für die Quote. Ich habs ihm ausgeredet damals, Walter, sag ich, das kannst du nicht machen, das rechnet sich nicht. Wir ham dann auch immer Mieter gefunden, die es bewohnten fürs Inschusshalten, Rentner meistens, die nix auf der Tasche hatten und sich n Ei darauf pellten, dass der Keller nass wurde und das Wasser nicht warm. Pierre und Freia

(Freya mit y!)

Freya mit y also, konnt ich mich nie dran gewöhnen, das sind die ersten gewesen, die jünger waren. Sie sone Kindsfrau, klein, zierlich, kaum Busen, aber massig graue Strähne im offenen Haar. Wenn du nur hinguckst. Die Vierzig hast du ihr trotzdem nicht angesehn irgendwie. Lief immer rum in langen weiten Röcken und Kleidern, walle walle, furchtbar unpraktisch, und mit nackten Füßen, sogar bei Kälte, am liebsten. Er soon langes End, hager, Stoppelhaar, braune Augen, so richtig große braune Karnickelaugen, Brilli im Ohr. Saß immer im Rollstuhl. Bildhauer, aber im Rollstuhl. Arbeitsunfall, er hantierte rum mit einem Stamm, da ist der Seilzug gerissen, und als man ihn fand, war es zu spät, die Nerven nach unten finito. Seitdem tickert er im Sitzen kleinere Steine, Marmor, Alabaster, Granit, macht minikleine Häschen daraus, als Briefbeschwerer oder Talisman oder fürs Bücherregal, ganz eigen. Weil: er ist Hasenfreund nämlich, gerad wie unser Tom, und hielt auch Riesen, nur eem Deutsche, keine Flamen. Doch klar, dass Tom ständig drüben war und ihnn auf der Pelle hing, oder? Oder? Wenn Pierre nicht tickerte, hat er rumgemacht mit den Riesen, füttern oder streicheln oder einfach nur ansehen, hockt da stundenlang im Rollstuhl, sagt kein einziges Wort, summt nur, summt Melodien, auffem Schoß ein, zwei Riesen, schwarzweiß gescheckt, und streichelt ihr Fell. Er summt auch sonst mehr, als dass er sprach, und wenn, dann mit diesem putzigen Akzent, kam ja aus Fronkraisch, Fronkraisch, war scheints die Marseillaise, ständig

Reinhard Rakow

Nägelschläge (Auszug)

Doch uns ist gegeben,/ Auf keiner Stätte zu ruhn
(Hölderlin, Hyperions Schicksalslied)


Am Tag, als Eckhards Sprache starb, gaben sie Schubert zum Abend.  Über die Aufführung waren im Verlaufe der folgenden Woche im Morgenblatt einige Zeilen zu lesen, die Kleidung des Sängers betreffend. Den Tod von Eckhards Sprache hingegen schien niemand bemerkt zu haben, zu Beginn womöglich nicht einmal er selbst, was sich daraus erklären mag, dass er selber ihr nie wirklich vertraute. Man darf sogar vermuten, sie sei noch eine Zeit lang zu vernehmen gewesen, scheinlebendig, eine Untote gewissermaßen, die ihm doch bereits schon vorher unter der Zunge beziehungsweise unter den Händen verschieden war wie ein Kranker dem Arzt auf dem Tisch, wie der Glaube einer Religion unter den Zwängen des Ritus. Selbst nun, im späten Rückblick, will Klarheit sich diesbezüglich ebensowenig einstellen wie zu der eigentlichen Ursache des Versterbens. Manche erwägen dieses, manche jenes: Eckhards körperliche, seelische, wirtschaftliche und oder geistige Verfassung stehen dann für sich oder in wechselnden Kombinationen im Fokus, seine Krank- oder Gesundheit, sein Vermögen oder dessen Mangel, die Ein-, Zwei- und oder Vieldeutigkeit seines Tuns und Lassens, seines beruflichen oder berufsähnlichen Wirkens, seiner Existenz. Freilich: Viele sind es auch jetzt nicht, die sich Gedanken darüber machen. Die Finger einer Hand reichten wohl aus, sie zu zählen, den Leser und den Berichterstatter eingerechnet. Die meisten aber haben davon nichts wahrgenommen und also nichts dergleichen verfolgt oder jemals auch nur einen einzigen Gedanken darauf verschwendet.

1. Wandeln

Der Tag, an dem Eckhard die Sprache verstarb, begann widersetzlich. Es war ein Samstag, und Eckhard fuhr Auto. Eckhard fuhr mit dem Auto aus dem Dorf, in dem er wohnte, in die benachbarte Kleinstadt, um dort frische Brötchen zum Frühstück zu holen, zwei helle für sich, zwei dunkle für Heinrich. Die erste Widersetzlichkeit lag in der Missachtung des Samstagsfahrverbotes. Heinrich hatte es vor einigen Jahren verhängt, als er seine Begeisterung für die Natur und das Naturhafte entdeckte, er sich stillschweigend gefügt. Die zweite lag in der Vernichtung des Breichens aus fünferlei Sorten Getreidekorn und reichlich Leinsamen, das Heinrich wie stets am Abend zuvor in einer selbst getöpferten Keramikschale mit stillem Mineralwasser angesetzt hatte für das gemeinsame Morgenmüsli; Eckhard füllte die Schale mit Leitungswasser aus dem Hahn auf, kratzte mit einem Löffel die Leinsämlinge ab, die über abgesonderten Schleim bereits eine hartnäckige Verbindung mit der Glasur eingegangen waren, und rührte ein paar Mal energisch um. Dann schüttete er den Glibber in die Toilette, sah den aufgequollenen Weizenkörnern zu, wie sie als erste auf den Grund der Schüssel niedersanken, vor Roggen und Gerste, vor Hafer, vor dem Dinkel, und zog ab. In der Stadt würde er herrlich ungesunde Brötchen aus weißem, substanzlosem Auszugsmehl erstehen, aus Weizen einer für einen amerikanischen Chemie-Multi patentierten Sorte,  Type 405, der längeren Lagerbarkeit zuliebe leergemahlen, der wertvollen, ballastoffreichen Schale, des Keims und des ihm innewohnenden Lebens, von Saft und Kraft, aller Öle und Eiweiße und Spurenelemente beraubt, denaturiert, aufgehübscht, jaja, durch synthetische Nahrungskosmetika zweifelhafter, womöglich krebserregender Genese. Und die mithilfe eines äußerlichen Dekors aus groben Haferflocken auf "Bio" getrimmten, mittels künstlichen Zuckerkouleurs gebräunten "Vollkorn"-Brötchen trugen, auch ihm war das bewusst, diese Bezeichnung gewiss nicht zu Recht. Heinrich würde die Brötchentüte keines Blickes würdigen. Er würde sie nicht einmal anfassen, um ihr etwas zu entnehmen. Und schon gar nicht würde er eines dieser Brötchen verzehren. Wahrscheinlich würde er statt dessen eine seiner Szenen geben. Die Bedeutung einer gesunden, werthaltigen Ernährung. Das Schadenspotential industriell gefertigter Nahrung. Lang- und Kurzzeitfolgen, Allergene, Kanzerogene, Chromosomentoxine. Genveränderndes. Der Mensch ist, was er isst.  Sage mir, wie du dich ernährst, und ich sage dir, wer du bist. Und was du leisten kannst. Wozu er denn den Garten angelegt habe, Hochbeete, Kräuterspiralen, Beerensträucher, Dünger aus eigenem Kompost, unter Schwitzen und Stöhnen. Um einmal von den Topfkulturen für Eisbergsalat, Möhren und Spinat, den gesunden!! Spinat, zu schweigen. Und wozu eigentlich er Bio einkaufen gehe, ausschließlich Bio. Und warum sie Beiträge zum Erzeugerkreis zahlten. Erst im letzten Mitgliederheft hätte gestanden. Was er alles geopfert habe, um ihrer beider, um Eckhards Gesunderhaltung zu fördern. Bei seinen Vorlasten. Ob er denn gar nicht. Und jetzt so etwas. Er müsse doch. Und solle auch. Und er dürfe nicht immer. Beziehungsweise: Er dürfe bloß nicht. Und so weiter und soweiter undsoweiterundsoweiter, er kannte die Leier auswendig und wusste genau, ab wann er in der Lage sein würde, mit einem genüsslichen Lächeln unterm Gesicht auf Durchzug zu stellen. Die bloße Vorstellung hob seine Laune zusätzlich, und die Aussicht darauf, heute, an einem Samstag, Auto zu fahren und sich nicht wie sonst mit dem Fahrrad ins Dorf quälen zu müssen, um auf dem Marktplatz nach welkem Blattsalat und schmutzigen Schrumpelkartoffeln anzustehen, verlieh seinen Aktionen neuen, bereits verloren geglaubten Schwung. Der alte Peters kam ihm in den Sinn, ein Mittachtziger mit langem schlohweißen Haar, kauzig und zahnlos, der donnerstags, wenn seine Frau Bridge spielen war, die Metzgereien des Ortes abklapperte. Er verdrückte sich in die dunkelste Ecke des Verkaufsraumes und wartete, die riesigen Hände in den Taschen der weiten Cordhose vergraben, auf eine kundenfreie Phase, in der er sich, ohne falsche Aufmerksamkeit zu erregen, jenem Bereich des Glastresens anpirschen könnte, wo die Wurst- und Bratenaufschnitte drapiert waren. "Haben Sie heute vielleicht", druckste er, auf der Stelle trippelnd, herum, "vielleicht heute ein Scheibchen...?" Die Geschichte von dem komischen Opa, der von seiner Frau, einer fanatischen Vegetarierin, so kurz gehalten wurde, dass er um Fleischreste anstehen musste wie ein hungiger Hund, hatte unter den Wurstverkäuferinnen der Stadt schnell die Runde gemacht, jede erkannte ihn, sobald er den Laden betrat, und schob ihm bereitwillig zu, was die automatische Schneidemaschine über die Woche an nicht weiter Zerlegbarem abgeworfen hatte. "Trotz dem", freute er sich noch Ewigkeiten später diebisch, und der Charme seines Einzahnlachens betörte unweigerlich jeden, der sich auf ein Gespräch mit dem greisen Wirrkopf einließ, "Trotz dem sie so vegetarisch war, hab ich sie überlebt, sechs Jahre schon, trotz dem." Eckhard bemerkte, dass er sich nicht frug, warum ihm diese Geschichte gerade jetzt einfiel.

Die Straße zur Stadt lag vor ihm andeutungsweise, Eis und Schnee schwitzend; erst die vor Nässe blinkenden Spuren der Fahrzeuge entbargen ihren wirklichen Leib. Dem hatte der Frost der letzten Wochen roh Gewalt angetan, schwarze, mit Pökelwasser und pickligem Splitt gefüllte Narben inmitten der schimmernden Spiegelfläche zwangen die Fahrer, ständig auf der Hut zu sein; wichen sie aus, riskierten sie, den Wagen zum Schleudern zu bringen, fuhren sie weiter,  drohte Ärger mit den Stoßdämpfern, dem Fahrgestell, den Reifen; seit Wochen  litt der Weg Lochfraß, ohne dass jemand sich der Sache annahm. Während Eckhard die Erfolgsaussichten einer im Schadensfall gegen eine zuständige Behörde zu richtenden Klage durchspielte, gewahrte er weiter vorne rechts auf dem Radweg zunächst ein schwach glimmendes Pünktchen, dann die Schemen eines Mofas samt behelmtem Fahrer, hätte er die Spur gehalten, wäre nichts geschehen. Aber er ließ das Lenkrad einen Hauch aus der Hand gleiten, nach außen, und das rechte Vorderrad küsste wie beiläufig die dicke angetaute Pampe aus Dreck, Salz, Tauwasser und Schnee. Im Rückspiegel verfolgte er die Wolke, die sich wie eine nasse Decke über den Mofamann legte; dass der sein Gefährt kaum noch unter Kontrolle halten konnte und einen Sturz nur knapp vermied, dürfte Eckhard sich freilich eingebildet haben. Jedenfalls versuchte er einen Moment später, sich eben das einzureden. Für die Dauer eines Lidschlags befiel ihn der Plan, umzukehren, dem Geschädigten zu helfen, sich zu entschuldigen, aber schon nahte das Ortsschild, und was hätte er eigentlich sagen sollen? In Wirklichkeit tat ihm nichts leid, auch nicht der Mann  — oder wars eine Frau? — auf dem Mofa. Zugleich flog ihn Erschrecken an über sich selbst, über die kühle Vorsätzlichkeit seines Handelns und die ihr folgende Kälte der Empfindung. Dann stand sein Wagen auf dem Parkplatz des Supermarkts, und er sah sich zu, wie er über die plattgeschabte Schneelage zur Bäckerei tänzelte, bei jedem Schritt durch zu dünnglatte Sohlen hindurch die Beschaffenheit des Untergrunds prüfend.

Obwohl es inzwischen fast zehn geworden war, strahlten Bäckerei und der dahinter liegende Supermarkt in grellem Schein. Das war normal in diesem Winter, seit Wochen wurde es tagsüber nicht mehr richtig hell, und doch irritierte es ihn. Das gleißende Weißgelb, das sich beim Durchschreiten der Tür über ihn ergoss, empfand er, als habe ihm einer den Mantel, den er nicht anhatte, entrissen, ihn seines Schutzes aus Unlicht beraubt. Er trug alte Jeans mit abgewetzten Knien, einen verschlissenen, zu großen Pullover und Schuhe mit unterschiedlichen Schnürsenkeln. Zuhause, in der Heimlichkeit niederwattiger Lampen, hatte ihn das nicht weiter gestört; jetzt mischten sich der Nachhall des Erschreckens des Selbsterkennens, Unmut wegen der seine Grenzen überschreitenden Entblößung und bloßer Ärger angesichts der Verschwendung elektrischen Stroms zu einem Amalgam latenter Gereiztheit. Schräg gegenüber, neben dem Durchgang zum Markt, stand ein Paar mittleren Alters. Vom Neonlicht in gleicher Respekt- und Gnadenlosigkeit seziert wie er selbst, offenbarten die beiden eine, wie ihm schien, noch üblere Schäbigkeit als er selbst sie sich vorhielt; ihre Kleidung, leichte Sneakers, Jogginghosen und wattierte Mäntel aus signalroter Plaste, die Bildzeitung in der Hand des Mannes, eine Alditüte in der der Frau nährten seine Überheblichkeit und signalisierten ihm ihre Eignung als Objekt für eine Entladung seiner Laune. "Wer ist der Nächste", erkundigte sich die Verkäuferin, die inzwischen ihren Platz hinter dem Tresen eingenommen hatte, und ohne zu zögern trat er vor und tat seine Kaufwünsche kund. "Ey", warf die Frau ein, ihre Stimme verriet lange Jahre Gewöhnung an Schnaps und Teer, er merkte, sie musterte ihn abschätzig, "Ey, hallo, an sich, ey, warn wir doch —". "Das darf ja wohl nicht wahr sein", hörte er sich sagen, nein: brüllen, er pflanzte sich dicht vor dem Tresen auf, als wolle er ihn besetzen, riss die Brötchentüte an sich, zahlte, und schickte im Hinausgehen hinterher: "Unglaublich! Ein unglaubliches Benehmen! Was erlauben Sie sich?! Ich glaube, mein Hamster bohnert!".

Egmont Eckhard, 62, Architekt, erwerbslos, verheiratet mit Ehefrau Jule, getrenntlebend, drei erwachsene Kinder, seinem Partner Heinrich, der in Wahrheit Theophil ließ, verbunden etwa durch Wohngemeinschaft, Gutmensch aus Überzeugung und gemäß Selbsteinschätzung, kannte sich selbst nicht mehr.  Waren das seine Worte gewesen? War das er? Was hatten ihm diese harmlosen Geschöpfe getan, das ihn so erregte? Was, dass er sich über sie erhob, und noch dazu derart unflätig? Das waren arme Hunde, vermutlich wesentlich ärmer als er, sie hatten seine Attacke nicht verschuldet. Er verstand sich nicht und er schämte sich seiner, und es fiel ihm auf, dass dies nicht das erste Mal war an diesem Tag.

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