15 - 12 - 2017

Tag für Tag -- Der poetische Moment

Reinhard Rakow
Besuch


Erst weist du dich aus. Dann darfst du hinein.
Das rostige Stahltor quietscht.
Zum Haupthaus führt eine Treppe aus Stein.
Die nimmst du mit festem Tritt.

Erst weist du dich aus. Dann darfst du hinein.
Und dann bist du vorläufig drin.
Wirst erschlagen von einer Kakophonie und dein
Kopf sagt dir steh lieber still.

Einer wimmert sehr hoch. Und es klatscht sehr laut.
Und drei oder vier brüll´n sich an.
Eine Pfeife trillert und dein Wachtmeister schaut
Ob er noch was retten kann.

Über dir ein riesiges Netz. Aufzufangen jedweden Fall.
Manche aber stürzen im Treppenhaus
Die Stahlstufen hinab und ihr Leben ist aus.
Wenn der Schädel platzt gibt´s einen Knall.

So was ist willkommen. Als Unterhaltung gesucht
Im täglichen Einerlei
Der vergitterten Zellen und in dem Geruch
Von Pisse und Hühnerklein.

Du atmest tief durch. Und du wartest auf ihn.
Und dann wird er dir gebracht.
Und der da steht ist nicht der den du kennst.
Was haben sie aus ihm gemacht.

Erst weist du dich aus. Dann darfst du hinaus.
Die rostige Stahltür quietscht.
Zum Ausgang führt eine Treppe aus Stein.
Die nimmst du mit zitterndem Tritt.

Reinhard Rakow
karls traktat auf das altern

karls arm aute
karl ahnte arges
karl attackte
karl anämte
karl hatte salbe am anus
karl ward alt

karl ach
am anfang war das ach
atemlos angestrengt
lange jahre
unbedacht versandeter tage
was aber das brachte?

dann
allmählich
dann auf einmal
allgegenwärtig das antlitz
akuten zerfalls.
karl

hat angst --

Reinhard Rakow
requiescas in pace

unser sportskamerad iischie ist, liebe sportsfreunde,
verehrte trauernde, allzeit hervorgetreten durch engagement
und begeisterung schon in den frühen kindheitstagen
hat er all das seinige taschengeld aufgespart für
das erste eigene schrotgewehr und wie ihr wissts
zierten bis zuletzt zwei colts, zehn flinten, zwölf büchsen
und eine schöne maschinenpistol seinen stolzen waffenschrank

der, ihr kennts ihn, in seinem braven kinderzimmer
neben dem eicheregal mit den actionvideos gstanden ist,
hat sich ausgezeichnet durch sportsgeist, indem dass er
bei den letztjährigen jugendmeisterschaften nicht geruht hat,
bis der adler voll zerlegt war, und durch kameradschaft,
indem dass er mit seinen kameraden am schützenstand
uneigennützig auch die letzte kugel teilte.

wir gedenken seiner wahrhaftig ehrend. mit den polizeikugeln,
die seinem jungen leben ein vorzeitigs ende bereitet,
hätte die jungmannschaft supper trainieren können. es sei
an dieser stelle ein ehrerbietig doch kritisches wort an die politik
grichtet, wegen derer steuerverschwendung, und aber
auch weil man denritschie in seiner schule
dem ganzen stress, woretwegen es zu dieser bluttat

gekommen ist, dieser grausligen, gar nicht hätte aussetzen
dürfen, so einen sportsmann. die herren lehrer sollen gar einen
blauen brief nach hause geschickt haben, damit dass die eltern
dem thomas das sportschießen verbieten täten und die teilnahme an den ertüchtigungsübungen. dies eigentlich hat den jungen so arg bedrückt
und wir die hinterbliebenen schützenkameraden wollen aufrichtig hoffen,
dass die gnädige lehrerschaft nicht wieder derart fehlen möcht
und uns ersatzweise einige neue junge sportsfreunde zuführen tät.

und nun lassts uns
den hut abnehmen zum gebet
und die xegnetn gwehre richten zum himmlischen salut.

Reinhard Rakow
märz


ungeduldig an der startlinie den festgetretenen boden
scharrt die natur mit krokusspitzen legt
einen frühstart hin der nach disqualifikation

riecht nach pollenflug nach forsythienblüte nach
erster freilandgülle nach dieselruß aus traktoren aus
motorsägen in der ferne

wie sie kreischend gas geben
in den stamm sich fressen dann
ein krachen ein splittern von holz

in der ferne ein kuckuck in der nähe
zwei türkentauben auf der balz
beim vögeln mitten auf einer

hauptstraße die stark befahren ist
von kleinwagen, hochpotent und  tiefgelegt.
die luft atmet gummi und

triebstau. auf den bürgersteigen
strömen tonnenweise die nach sonne
lechzen nach erlebnissen nach italienischen

eisballen. die lichte werden klarer
länger die abende die brüste
wippen ungehaltener:

frühlingelingeling --

Reinhard Rakow
dazwischen der tag
(für Wolfgang)

die sonne geht auf und unter!
dazwischen der tag!

man könnte es wie herakles machen -
zur entsühnung des wahnsinns großtaten verrichten
mäntel tragen zum wohle der menschheit
aus fellen getöteter nemeischer löwen,
ställe ausmisten und bändigen stiere,
hydren töten, eber fangen,
goldene äpfel rauben, höllenhunde
entführen, lydischen königinnen
dienen, prometheus befreien, um
sodann im vergifteten hemd
von schmerzen gepeinigt, auf öta
sich selbst zu verbrennen --

man könnte es wie napoleon machen -
innerhalb der schlachten für
sekunden entspannen, das ziel
nicht aus den augen verlierend
die angst verdrängen und
stärken die hoffnung, dass alles
alles!!
in ruhm und schönheit sich löse --

jeden tag eine warme suppe!
jeden tag ein warmes bett!
und keine körperlichen schmerzen!

erdenwurm

Reinhard Rakow
Regen


Aus den Kissen klingt der Regen wie
Mäuse trappeln auf dem Dach
Die Erde riecht sehr warm nach Erde
Und du liegst schlafend wach

Träumst dich zurück in Kinderzeiten
Da dachtest du den Regen
Um in Gold das dir vom Himmel fiel
Morgens aufs Bett zu legen

Deiner Mutter die wird dadurch wach
Und dann nimmt sie dich stumm
In ihren Arm und du gähnst nochmal
und drehst dich lächelnd um.

Reinhard Rakow
heimat

der hof unbefestigt bei regen
rote rutschbahn rotlauf
litten die schweine wer nicht
hing an den haxen am spaltholz

kopfüber und blutete aus
der ami der sich vorm tor wand
eingeschlagen den schädel
gin oder die flasche jim beam

mit erheblicher wucht er
innerungssplitter
purpurnes prismagefunkel      
blutfontänengefunkel

aus dem leeren hals eines
geköpften huhns das irrend
im unrat vielzählig
gebrochener jahre

zerbrochener möbel
staubgrauer morschbrennholzreste
rostender fahrradleichen
den hackklotz umtanzt --

hier
war
ich zuh
aus.

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