20 - 11 - 2017

Tag für Tag -- Der poetische Moment

Erich Mühsam (1878 - 1934)
Der Revoluzzer
Der deutschen Sozialdemokratie gewidmet

War einmal ein Revoluzzer,
im Zivilstand Lampenputzer;
ging im Revoluzzerschritt
mit den Revoluzzern mit.

Und er schrie: »Ich revolüzze!«
Und die Revoluzzermütze
schob er auf das linke Ohr,
kam sich höchst gefährlich vor.

Doch die Revoluzzer schritten
mitten in der Straßen Mitten,
wo er sonsten unverdrutzt
alle Gaslaternen putzt.

Sie vom Boden zu entfernen,
rupfte man die Gaslaternen
aus dem Straßenpflaster aus,
zwecks des Barrikadenbaus.

Aber unser Revoluzzer
schrie: »Ich bin der Lampenputzer
dieses guten Leuchtelichts.
Bitte, bitte, tut ihm nichts!

Wenn wir ihn' das Licht ausdrehen,
kann kein Bürger nichts mehr sehen.
Laßt die Lampen stehn, ich bitt! –
Denn sonst spiel ich nicht mehr mit!«

Doch die Revoluzzer lachten,
und die Gaslaternen krachten,
und der Lampenputzer schlich
fort und weinte bitterlich.

Dann ist er zu Haus geblieben
und hat dort ein Buch geschrieben:
nämlich, wie man revoluzzt
und dabei doch Lampen putzt.

Reinhard Rakow
Danach


Sein Gesicht sah aus wie ein ungemachtes Bett
Sie wie durch die Hecke gezogen

Die Zigarette danach zu tief inhaliert
Die Flecken auf Seele und Laken

Hielten sie davon ab, sich in die Augen zu sehen
Haben sich nicht länger ertragen

In jenem Moment da die Lust umschlug
In Kälte und Unbehagen

Erich Mühsam (1878 - 1934)
Rendezvous

Ich bin verdammt zu warten
in einem Bürgergarten
auf das geliebte Weib.
Nun sitz' ich hier als Beute
gewissenloser Leute
mit breitem Unterleib.

Sie sind so froh beim Biere,
bald zwei, bald drei, bald viere - -
und reden vom Geschäft.
Die Gattin spricht vom Hause,
die Töchter trinken Brause,
und Flock, das Hündchen, kläfft.

Die Kellnerinnen schwirren.
Die Tischgeschirre klirren.
Der Himmel scheint so blau.
Wie süß ists doch, zu warten
in einem Bürgergarten
auf die geliebte Frau.

Erich Mühsam (06.04.1878 - 10.07.1934)
Der Revoluzzer
Der deutschen Sozialdemokratie gewidmet

War einmal ein Revoluzzer,
im Zivilstand Lampenputzer;
ging im Revoluzzerschritt
mit den Revoluzzern mit.

Und er schrie: »Ich revolüzze!«
Und die Revoluzzermütze
schob er auf das linke Ohr,
kam sich höchst gefährlich vor.

Doch die Revoluzzer schritten
mitten in der Straßen Mitten,
wo er sonsten unverdrutzt
alle Gaslaternen putzt.

Sie vom Boden zu entfernen,
rupfte man die Gaslaternen
aus dem Straßenpflaster aus,
zwecks des Barrikadenbaus.

Aber unser Revoluzzer
schrie: »Ich bin der Lampenputzer
dieses guten Leuchtelichts.
Bitte, bitte, tut ihm nichts!

Wenn wir ihn' das Licht ausdrehen,
kann kein Bürger nichts mehr sehen.
Laßt die Lampen stehn, ich bitt! –
Denn sonst spiel ich nicht mehr mit!«

Doch die Revoluzzer lachten,
und die Gaslaternen krachten,
und der Lampenputzer schlich
fort und weinte bitterlich.

Dann ist er zu Haus geblieben
und hat dort ein Buch geschrieben:
nämlich, wie man revoluzzt
und dabei doch Lampen putzt.

Reinhard Rakow
von den hügeln die affen


1.
an den hängen die häuser sie kriechen
hinab wie hungrige affen grau
zu umzingeln den anzufallen
der sich in winkeln versteckt
unerwartet

attacke sprung schutzlos gedrängt
in die ecke nackt weglosigkeit
ihn zu greifen in wüsten der staub
der knochen bedeckt klanglose schuld
ungewiß und nicht wissen was kommt -
2.
allein allein im großen haus ungewiß
ein knacken das drohen von dem
der hinter dir her ist hinter dir ja
grad´ hinter dir das wissen er wartet das wissen
er stellt dich das wissen gegriffen zu werden

nutzlos die flucht der gang aus dem haus
auf der straße von oben der nachtvogel blau
schwebt über dir fällt hinab schlägt jäh
seine krallen in dich rast herz in synkopen
ihm zu entrinnen schutzlos bedrängt

im weiten meer den ozeanen der angst
nußschalenverloren allein atemlos
die momente klarer erkenntnis
der furcht vor der furcht rast
davon herz rast grau geht in die knie

stol.pert
klanglos eiskalt
die krallen in dich
hungrig ziehen sich fest zu um
dein herz einen knicks kriechend angst allein ja allein

angst davor zu versagen
angst gefehlt zu haben
angst schuldig geworden zu sein angst schuldig zu werden
angst versagt zu haben und wieder versagen und neu
die angst

vor der leere vor einsamkeit die angst
vor den anderen vor der geselligkeit die angst
nicht zu gefallen durchs raster zu fallen vor  dem enttäuschen die angst
vor zu großer nähe vor umarmung der zunge dem verschlungen zu werden
die angst keinen zu haben verstoßen zu sein nicht geliebt zu werden die angst

vor dem ende des monats die angst
vor dem anfang des tages die angst
vor der polizei der behörde dem gerichtsvollzieher die angst
vor der ungewißheit gewiß vor dem schwanken gefühle der schuld stol-
pert knicks weißt kommt sie die angst

vor der angst vor den brücken
vor der angst vor dem gewitter
vor der angst vor dem schwimmen
vor dem fallen verloren zu sein zu ertrinken
gewiß gewiß und allein

die angst vor der angst vor den mäusen
die angst vor der angst vor dem fliegen
die angst vor der angst vor dem autofahren
die angst vor der angst vor dem gang durch die stadt
die angst vor der angst vor der angst vor

dem ende des lichtes
dem ende der tarnung
dem ende der schonzeit
dem ende der zeit die angst
vor dem ende -
3.
schwarze armaden langgliedriger affen
in stummen schemen nähern sich dir
rücken an kreisend konzentrisch
dich zu umzingeln

fletschen die zähne dich fast berührend
mit fauligem atem unrettbar verloren
bist du in den tagwachen nächten
des nichtschlafes bruder die angst vor dem tag

in der stechenden helle vor jenen träumen
der nacht deine angst ungeteilt machtvoll
die bestie entkommst du ihr nicht nie mehr gewiß
paralytisch gelähmtes starren waidwund

niedergeschlagener augen den blick weit
geöffnet nicht mehr zu wenden von
den talkesseln der inneren leinwand
schwarz vor dich umzingelnden affen -

4.
von den hügeln die affen sie kriechen
hinab hungrig nach dir deinem fleisch
schutzlose mumie du ewige wüste staub staub
deiner knochen deckt klaglos die schuld
gewiß ja gewiß stumm sterbend ausweglos.

Reinhard Rakow
Rendezvouz


Ach diese Frostblumen.
In sich ruhende Schleifen nebeln
Kissen ein. Der Orkus aus naher Entfernung.
Nah, nicht krank. Zu entscheiden, wohin:
nichts leichter als das.
Ist dann aber doch geblieben.
Herb. Das Infusionskatheter
saß nicht richtig, schmerzte verhalten.
Morgen sei das gewesen.
Hätte Gedichte schreiben.
Hätte ja diktieren können.
Und dann die durchtanzten Nächte
in ätherischem Blau, Gefühle
keimfrei in Formaldehyd.
Mein Bett ein Loch ohne Ränder. Links
oben die Spinne zählt zum Inventar.
Mal angeboten für nen
Appel undn Ei.
Ganzes Leben gewartet daß einer was will
wie schaler Kaffee aus schlecht gespülten Tassen.
Geruch von billiger Seife. Verhalten. Nicht tödlich.
Jener pelzige Geschmack im fauligen Maul.
Kondombewehrte Hand mit Goldring
weitet den Bruch stopft Amalgam.
Silberne. Schatten. Aus. Fünfhundert Watt.
Leg du deine Spinnenfinger
kühl auf meine heiße Stirn.
Lhasa, Tokyo, Rhythmen
elektronisch hergestellter Klänge
heruntergezogen aus dem Internet. Sonntag
in der kleinen Stadt Sonntag in der kleinen.
Bist spät dran.
Es perlt von sehr weit her,
aus gestern nicht nah. Pelzig
eben. Komm doch weg.
Ach diese Blumen.
Lhasa es pocht scharlachrot.
Lhasa dieser Frost.

Reinhard Rakow
störfall


irgendwann den faden verloren den faden der handlung das heft des handelns aus der hand gegeben irgendwann all diese geschichten ohne anfang ohne ende irgendwie ohne belang aussage verheddert unpräzise voll offen worum es eigentlich geht wie in zeitlupe gefroren unerhört nicht zu sagen erstarrt in zeitlupe verschwiegen

präsedenzfälle irgendwo preisgegeben irgendwann irgendwem im verborgnen mit den klauen erfaßt irgendwie unzufrieden das quengeln nein so nicht verraten haare gespalten rabulistischer hintersinn querfeldein verwaschen irgendwie muckefuck und schlechtes gewissen hermetisch die angst geheuchelt gehetzt halbseiden verraten die angst ihre gründe die gründe wer will sie in fällen halbseiden der schweiß auf der stirn irgendwo das wort keuchen hört hört das keuchen preisgegeben die gründe hört hört wozu hört ihr mich

die nächte durchwacht im verborgenen ohne ende bevor daß nicht der faden gefunden verzweifelt die suche den anfang kaum zu glauben von neuem verheddert verstrickung die suche zu finden die angst zu finden verzweifelt der flieder irgendwie blau im blauen faden der flieder die stimmen der träume die nacht und ihr schweigen gehetzt hetztes schweigen verheimlicht mikroben der knoten verworren ohn anfang das echo hört nicht knotenpunkte der nacht niemals gelitten labyrinth nie erlöst labyrinth nie erhört

hört ihr mich hört ihr mich hört ihr mich hört ihr mich

die angst nacht zusammengeballte massen klumpen knochen köpfe zusammengeballt irgendwo immer mehr lasten schollen rotbraune schollen nie mehr zu hören nie mehr zu sehen bedeckt ohne anfang voll offen geschlossen bedrückend den schall bedrückend verschluckende stille worüber erfroren endlose nächte unter den massen klein wälzen verknotet niedergeknüppelt irgendwann flach am boden den faden verloren das heft des handelns ohn macht wie von ferne eine hand wie von ferne durch die klumpen wie in zeitlupe immer mehr immer mehr lasten irgendwie seitwärts doch türlos ohne ausweg verstrickt nicht zu hören wer hört

hagebutten gebräuchlich das gefühl sich selbst zu schänden die scham

unegal ohne bedeutung vorüber schwebend perpendikel das ticken verschluckt in den gängen unter den klumpen nächtlicher stunden voll maden

irgendwo kriechend unzählig verworren bedeckt mich flach am boden myriaden die massen kleiner maden die hand weicht zurück irgendwann diese nächte heimlich durchlitten irgendwie niemand hört irgendwann diese nacht labyrinth nie erlöst

noch fragen keine weiteren klumpen knochen köpfe ungehört verhallt kleine enge klumpen weitere im halse stecken geblieben massenhaft weitere keine weiteren fragen irgendwann frag mich bloß nicht bloß nie gespinstlose suche ohne ende noch fragen keine worte mehr weggerissen den faden gequält ohne ende wer hört

kondensat unpräzise das ticken die tropfen verschluckend der strom alle ängste die gänge zu hören verschlucken das echo den faden die klumpen den kopf

hört ihr mich.

«StartZurück12345678910WeiterEnde»
Seite 5 von 199