18 - 10 - 2017

Tag für Tag -- Der poetische Moment

Hugo von Hofmannsthal (1874-1929)
Manche freilich

Manche freilich müssen drunten sterben
wo die schweren Ruder der Schiffe streifen,
andere wohnen bei dem Steuer droben,
kennen Vogelflug und die Länder der Sterne.

Manche liegen mit immer schweren Gliedern
bei den Wurzeln des verworrenen Lebens,
anderen sind die Stühle gerichtet
bei den Sibyllen, den Königinnen,
und da sitzen sie wie zu Hause,
leichten Hauptes und leichter Hände.

Doch ein Schatten fällt von jenen Leben
in die anderen Leben hinüber,
und die leichten sind an die schweren
wie an Luft und Erde gebunden.

Ganz vergessener Völker Müdigkeiten
kann ich nicht abtun von meinen Lidern,
noch weghalten von der erschrockenen Seele
stummes Niederfallen ferner Sterne.

Viele Geschicke weben neben dem meinen,
durcheinander spielt sie all das Dasein,
und mein Teil ist mehr als dieses Lebens
schlanke Flamme oder schmale Leier.

Hugo von Hofmannsthal (1874-1929)
Manche freilich

Manche freilich müssen drunten sterben
wo die schweren Ruder der Schiffe streifen,
andere wohnen bei dem Steuer droben,
kennen Vogelflug und die Länder der Sterne.

Manche liegen mit immer schweren Gliedern
bei den Wurzeln des verworrenen Lebens,
anderen sind die Stühle gerichtet
bei den Sibyllen, den Königinnen,
und da sitzen sie wie zu Hause,
leichten Hauptes und leichter Hände.

Doch ein Schatten fällt von jenen Leben
in die anderen Leben hinüber,
und die leichten sind an die schweren
wie an Luft und Erde gebunden.

Ganz vergessener Völker Müdigkeiten
kann ich nicht abtun von meinen Lidern,
noch weghalten von der erschrockenen Seele
stummes Niederfallen ferner Sterne.

Viele Geschicke weben neben dem meinen,
durcheinander spielt sie all das Dasein,
und mein Teil ist mehr als dieses Lebens
schlanke Flamme oder schmale Leier.

Reinhard Rakow
Hesse


mit schwiele oo de fieß
de bersch enuff un donn enunner
un donn enuff und wirr~r schnauffe...
enunner un enuff hald nochemool...
solang die sonn schee schaint
un luffd summd alleweil
grood wie frisch oogeriert mid bliedestaup —

so waid de gucke duust
sin doo ploß berchscher
mit pickel uff de schnuud
wies steuwe-oos: des sin
die obbsdbeum, ebbel, kwetsche,
mirabellscher un ob un zu
en haachebuddestrauch

die prommbeern blieje wie verrickd un mache
die bien un hummel un die schwebffliesch gonz konfus
sie werffe lassos aus
mid waffeschaischpidz stachel
dief in die höhlscher nai
neewe de debbonie.
hessen


mit schwielen unter den füßen
den berg hinauf und dann herunter
und dann hinauf und wieder schnaufen...
herunter und hinauf halt noch einmal...
solang die sonn schön scheint
und luft beständig summt
wie eben angerührt mit blütenstaub —

so weit du schauen kannst
sind da nur hügel
mit pickeln im gesicht
wie ein teenie: das sind
obstbäume, äpfel, zwetschgen,
mirabellen und ab zu
ein hagebuttenstrauch

die brombeeren blühen wie verrückt und machen
die bienen hummeln und schwebfliegen ganz konfus
sie werfen lassos aus
mit waffenscheinspitz stacheln
tief in der höhlchen grund
neben der deponie.

Reinhard Rakow
An eine Tote


"Du bist nicht mehr": Ein Satz, unmöglich
Denn der er gilt, die Frau, ist tot.
Wer nicht mehr ist, kann nicht mehr hören
Er war einmal — was bleibt, ist unsre Not.

"Du lebst in uns": Ein Wunsch, vermessen
Da unser Wissen klüger ist.
Wer nicht mehr ist, wird nicht lebendig
Wieder. Er war einmal — wie sehr auch nun vermisst.

Ein Leben gibts. Und hinterher kein zweites.
Die Stunden, die es bringt: Gebrauch sie klug.
Der, die du liebst, gewähre Deine Zeiten
Verschwend sie ihr. Genug ist nie genug.

Was von ihr bleibt, ist das Bewahrte
In Deinem Geist. Und Bilder vorm Altar
Reliquien, Fragmente, Asservate...
Reicht das als Trost? Sie aber ist nicht mehr. Sie war.

Reinhard Rakow
Marktlied
(Horst-Gott-segne-dieses-Land-Köhler gewidmet)

Dem Markt die Macht! Dem Markt die Macht!
Von Ami- bis nach Russenland
Und von Kap Horn zur Waterkant
Von Bangladesh bis Feuerland
Und Von Shang Hai den Indios
Von Hongkong den ParaGuayos
Allüberall sei es vollbracht:
Dem Markt die Macht! Dem Markt die Macht!

Wozu noch Staat? Wir haben Märkte!
Der Markt verkauft, was uns noch fehlt!
Den Kongolesen Sonnenbänke
Den Eskimos Gefriertruhschränke
Für uns Chips aus Indo-China
Für die Genmais aus USA
Auf dass die TransPort-Bilanz kracht:
Dem Markt die Macht! Dem Markt die Macht!

Ein wenig Krieg? Der Markt macht´s billig!
Nen Folterknast? Der Markt ist willig!
Baut Unis, damit Leistung lohne
Schafft Sicherheit für feine Zonen
Kauft Wasserwerk und Autobahnen
Erlaubt dem Zahler, dritt zu zahnen
Auch aus der Oper tönt es sacht:
Dem Markt die Macht! Dem Markt die Macht!

Wie Wachstum geht? Der Markt wird´s richten!
Beschäftigung? Der Markt? Mitnichten!
Die arbeitslosen Jugendlichen
Die sie aus der Statistik strichen
Die kraftstrotzenden Nichtshandwerker
Die schuften wollen wie Berserker
Die pleiten Kleinehäuslebauer
Die Freigesetzten ohne Power
Die nun umsonst die Schulbank drückten
Die Förderbänder einst bestückten
Die chancenlosen Nurhausfrauen
Die abgeschriebnen alten Grauen
Die Hartz-Eins, -Zwei, -Drei-, Vier-Kassierer
Die Wiedervereinigungs-Verlierer
Die unbehaust in Ost wie West
Die Zukunft missen. Und der Rest:
Die Bettler in den Pappekisten
Die bitterarm ihr Leben fristen
Die Krüppel in den U-Bahn-Schächten
Die sich Staub leckend selbst entrechten
Die Kinder mit den Schnüffeltüten
Die keiner will noch kann behüten
Die eingehn, bevor sie erblühten...

Sie alle fordern wohldurchdacht:
Macht End der Macht! Macht End der Macht!

Denn sehen wir: Solch Markt macht Armut
Für alle die, die ärmer sind.
Ein schwacher Staat wirft sich zum Fraß vor
Dem Kapital, das sozial blind.
Er blutet aus als Antriebsmotor...
Er wird an Leib und Seele krank...
Gerechtigkeit zu schaffen lohnt sich!
Und das für alle! Ihr sei Dank!

Reinhard Rakow
kindalied


hej onkel haste ne fluppe
ne fluppe fürn kleenes dreckskind
ne fluppe is jut jeen kälte
und jeen von den alten die schelte
und hülft vülleischt jegen den wind

der wind zieht voll durch die sachen
du denkst fast et schneidt dir ins fleesch
du denkst fast: wär jut jegen beulen
nen fett reichen opi zu keulen
und dir einzumummeln in sein kanapee.

der vladi hat mir abjezogen
wü ick vonner brücke ruff kam
der vladi hat ne püstole
und wenn ick ihm zu wenich hole
dann schnappt er sich eemd meinen jram:

dat jeld für de pommes mit majo
die sniekers vom amt und den schal
die tüte mit schrippen der wohlfahrt
den mantel, die dosis togal

der vladi hat mir abjezogen
der wind heult mir durch mein zeuch
die zeh´n sind schon blau und jefühllos
mein bauch sticht knurrt und bläht jroß
drum onkel vasteh doch ich bitt euch:

hej onkel haste ne fluppe
ne fluppe für een straßenkind
ne fluppe is jut jeen kälte
und jeen von den alten die schelte
und hilft vülleischt jegen den wind.

Kurt Tucholsky(1980 - 1935)
Das Ideal

Ja, das möchste:
Eine Villa im Grünen mit großer Terrasse,
vorn die Ostsee, hinten die Friedrichstraße;
mit schöner Aussicht, ländlich-mondän,
vom Badezimmer ist die Zugspitze zu sehn –
aber abends zum Kino hast dus nicht weit.

Das Ganze schlicht, voller Bescheidenheit:

Neun Zimmer – nein, doch lieber zehn!
Ein Dachgarten, wo die Eichen drauf stehn,
Radio, Zentralheizung, Vakuum,
eine Dienerschaft, gut gezogen und stumm,
eine süße Frau voller Rasse und Verve –
(und eine fürs Wochenend, zur Reserve) –
eine Bibliothek und drumherum
Einsamkeit und Hummelgesumm.

Im Stall: Zwei Ponies, vier Vollbluthengste,
acht Autos, Motorrad – alles lenkste
natürlich selber – das wär ja gelacht!
Und zwischendurch gehst du auf Hochwildjagd.

Ja, und das hab ich ganz vergessen:
Prima Küche – erstes Essen –
alte Weine aus schönem Pokal –
und egalweg bleibst du dünn wie ein Aal.
Und Geld. Und an Schmuck eine richtige Portion.
Und noch ne Million und noch ne Million.
Und Reisen. Und fröhliche Lebensbuntheit.
Und famose Kinder. Und ewige Gesundheit.

Ja, das möchste!

Aber, wie das so ist hienieden:
manchmal scheints so, als sei es beschieden
nur pöapö, das irdische Glück.
Immer fehlt dir irgendein Stück.
Hast du Geld, dann hast du nicht Käten;
hast du die Frau, dann fehln dir Moneten –
hast du die Geisha, dann stört dich der Fächer:
bald fehlt uns der Wein, bald fehlt uns der Becher.

Etwas ist immer.
Tröste dich.

Jedes Glück hat einen kleinen Stich.
Wir möchten so viel: Haben. Sein. Und gelten.
Daß einer alles hat:
das ist selten.

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