18 - 10 - 2017

Tag für Tag -- Der poetische Moment

Reinhard Rakow
weißer april

weiß weiß und grau.

auf langer straße willenlos rollen
als würd man gezogen
in einem tunnel einem riesigen
unterirdischen
bunker innen mit
lichtgrauen platten
verkleidet und von nämlichem
grau
spärlich illuminiert —

alles unwirklich: das gelb
der forsythien auf den rabatten
der straßenränder
voraus-
schein der kerzen
die friedhofswege begrenzen
landebahnfeuer zum hades
das gelb der osterglocken
von blitzschnee gebrochen
das grün so vergeblich

und mein pelzig gedächtnis

Reinhard Rakow
die antwort

war´s schön?
wir umarmen uns. linkisch
löst er sich, ein weicher
händedruck,
sein schiefes lächeln,
erwartungsfroh: ja,
höre ich
mich sagen,
und meine rechte
gibt sich einen ruck, drückt
fester zu als
ihr zumute, gleichsam
ihm zu bedeuten,
ich lüge
nur ungern,
aber mildtätig,
gefasst.

Paul Scheerbart (1863 - 1915)
Delirium! Delirium!
Ein Dékadencebild

Alte Knaben sitzen auf den leersten Tonnen,
Und die Nächte siegen über alle Sonnen.
Hinten nagen unsichtbare weiße Mäuse
An dem bös zerbeulten großen Hirngehäuse.
Hör doch, wie die ganze Schädelhöhle quarrt!
Ist die alte Rinde „wirklich“ noch so hart?
Alles geht zu Ende – auch der dickste Kopf
Ach, die weißen Mäuse haben dich am Schopf!
Glaubst du, Läuse sitzen bloß in deinem Puder?
Nein, du bist ein unverschämtes dummes Luder,
Und die Frechheit kommt in erster Reihe ran.

Reinhard Rakow
Abend

Wälze, schweres Bärenwesen, träge
Deinen feisten Dunkels Wanst zur Seite,
Wo die Nacht wohnt; kriech in fetter Breite
Über Höfe, unter Erker, in Verschläge,

Schlürfe gierig ihre Tinte, saug dich voll
Mit Schweigen, Flüstern, unerhörten Giften —
Und vergieß´ sie wieder... — Später driften
In der Brühe kleine Kinder und ein Troll,

Auf dem Rücken, Augen weiß und weit geschlossen,
Über sich herbsüße Phlegmen trunk´ner Bläue,
Leerer Träume, müder Zweifel, falscher Reue...

Dann schwallt Schwärze an, von Ewigkeit umflossen.
Du, Bärentier, wirst eins mit ihren Fluten,
Wir retten uns in Betten und Kanuten.

Reinhard Rakow
sie ist

gestemmt gegen den wind wuchtet
sie die geschwollenen füße
in die pedale trotzig der gischt
der entfesselten wagen nicht achtend
eine einkaufstüte aus plastik
schützt das schüttere haar
regen
quillt aus den stiefeln
sie ist
auf dem weg

Friedrich Hölderlin (1770-1843)
An die Parzen

Nur Einen Sommer gönnt, ihr Gewaltigen!
Und einen Herbst zu reifem Gesange mir,
Daß williger mein Herz, vom süßen
Spiele gesättiget, dann mir sterbe.

Die Seele, der im Leben ihr göttlich Recht
Nicht ward, sie ruht auch drunten im Orkus nicht;
Doch ist mir einst das Heilge, das am
Herzen mir liegt, das Gedicht, gelungen,

Willkommen dann, o Stille der Schattenwelt!
Zufrieden bin ich, wenn auch mein Saitenspiel
Mich nicht hinab geleitet; Einmal
Lebt ich, wie Götter, und mehr bedarfs nicht.

Walt Whitman (1819 - 1892)
O Captain! My Captain!

O Captain! my Captain! our fearful trip is done,
The ship has weather’d every rack, the prize we sought is won,
The port is near, the bells I hear, the people all exulting,
While follow eyes the steady keel, the vessel grim and daring;
                         But O heart! heart! heart!
                            O the bleeding drops of red,
                               Where on the deck my Captain lies,
                                  Fallen cold and dead.
O Captain! my Captain! rise up and hear the bells;
Rise up—for you the flag is flung—for you the bugle trills,
For you bouquets and ribbon’d wreaths—for you the shores a-crowding,
For you they call, the swaying mass, their eager faces turning;
                         Here Captain! dear father!
                            This arm beneath your head!
                               It is some dream that on the deck,
                                 You’ve fallen cold and dead.
My Captain does not answer, his lips are pale and still,
My father does not feel my arm, he has no pulse nor will,
The ship is anchor’d safe and sound, its voyage closed and done,
From fearful trip the victor ship comes in with object won;
                         Exult O shores, and ring O bells!
                            But I with mournful tread,
                               Walk the deck my Captain lies,
                                  Fallen cold and dead.
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