30 - 07 - 2021

Tag für Tag -- Der poetische Moment

Reinhard Rakow

Regen


Aus den Kissen klingt der Regen wie
Mäuse trappeln auf dem Dach
Die Erde riecht sehr warm nach Erde
Und du liegst schlafend wach

Träumst dich zurück in Kinderzeiten
Da dachtest du den Regen
Um in Gold das dir vom Himmel fiel
Morgens aufs Bett zu legen

Deiner Mutter die wird dadurch wach
Und dann nimmt sie dich stumm
In ihren Arm und du gähnst nochmal
und drehst dich lächelnd um.


(Vertonung : Lee Santana, UA 23.11.2011 in Warfleth mit Margaret Hunter, Sopran, Hille Perl, Viola da Gamba, und Lee Santana, Barocklaute)

Georg Herwegh (1817 - 1875)
Antwort

Zu dem Meere, zu dem Meere
Folge mir, Geliebter, nach;
Über ihm steht noch der hehre,
Unentweihte Schöpfungstag.
Uns zum Haupt ein Meer von Sternen,
Unter uns die heil'ge Flut,
Um uns eine Welt von Fernen,
In uns eine Welt von Glut.

Tausend Wellenaugen blinken
Glückberauscht ob unserm Bund,
Und die luft'gen Algen winken
Uns zum stillen Pflanzengrund.
Hör den Riesensturm der Töne,
Oh, wie lieb ich ihn so sehr!
Bild der Jugend, Bild der Schöne,
Ew'ger Anmut Bild, das Meer.

Daß ich dich im Arme hielte
Eine einz'ge kleine Stund,
Deinen warmen Herzschlag fühlte,
Einen Hauch von deinem Mund –
Fürchten wollt ich nicht die Wellen,
Die im Sturm manch Schiff zerschellt.
Sprich, sind wir nicht auch ' Rebellen
Gegen eine Sklavenwelt?

Geh aus mein Herz. Zwei Gedichte

Reinhard Rakow

zwischen blumen aus plastik schön
gewaschen haben sie
ihn
gestülpt in ein hemd rein~
weiß leicht
zu verbrennen darob
der herr
vom krematorium wird
freude finden
in dieser lieben sommerszeit

die schattenwand
hinter dem kreuz als ob
aus einem foto vom alten
wohnzimmer weiß~
rauer klinker im schwarzen
gefuge versank im sessel
lesebrille und schaue wie
die zeitung
muss auch noch
abbestellt werden

nie wirklich gelesen
nie wirklich geredet
geh aus mein herz.

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Paul Gerhardt (1607 -- 1676)
Geh aus mein Herz und suche Freud

Geh aus mein Herz und suche Freud
In dieser lieben Sommerszeit
An deines Gottes Gaben;
Schau an der schönen Gärtenzier
Und siehe, wie sie mir und dir
Sich ausgeschmücket haben.
Die Bäume stehen voller Laub,
Das Erdreich decket seinen Staub
Mit einem grünem Kleide;
Narzissen und die Tulipan,
Die ziehen sich viel schöner an
Als Salomonis Seide.

Die Lärche schwingt sich in die Luft,
Das Täublein fleugt aus seiner Kluft
Und macht sich in die Wälder;
Die hochbegabte Nachtigall
Ergötzt und füllt mit ihrem Schall
Berg, Hügel, Tal und Felder.

Die Glucke führt ihr Völklein aus,
Der Storch baut und bewohnt sein Haus,
Das Schwälblein speist die Jungen;
Der schnelle Hirsch, das leichte Reh
Ist froh und kommt aus seiner Höh
ins tiefe Gras gesprungen.

Die Bächlein rauschen in dem Sand
Und malen sich an ihren Rand
Mit schattenreichen Myrten;
Die Wiesen liegen hart dabei
Und klingen ganz vom Lustgeschrei
Der Schaf und ihrer Hirten.

Die unverdroßne Bienenschar
Fliegt hin und her, sucht hier und da
Ihr edle Honigspeise
Des süßen Weinstocks starker Saft
Bringt täglich neue Stärk' und Kraft
In seinem schwachen Reise

Der Weizen wächset mit Gewalt
Darüber jauchzet jung und alt
Und rühmt die große Güte
Des, der so überflüssig labt
Und mit so manchem Gut begabt
Das menschliche Gemüte

Ich selber kann und mag nicht ruhn
Des großen Gottes großes Tun
Erweckt mir alle Sinnen
Ich singe mit, wenn alles singt
Und lasse was dem Höchsten klingt
Aus meinem Herzen rinnen

Ach denk ich bist Du hier so schön
Und läßt Du's uns so lieblich gehn
Auf dieser armen Erde
Was will doch wohl nach dieser Welt
Dort in dem reichen Himmelszelt
Und güldnen Schlosse werden?

Welch hohe Lust, welch heller Schein
Wird wohl in Christi Garten sein!
Wie wird es da wohl klingen?
Da so viel tausend Seraphim
Mit unverdroßnem Mund und Stimm
Ihr Halleluja singen

Oh wär ich da, o stünd ich schon
Ach süßer Gott vor Deinem Thron
Und trüge meine Palmen!
So wollt ich nach der Engel Weis'
Erhöhen Deines Namens Preis,
Mit tausend schönen Psalmen

Doch gleichwohl will ich weil ich noch
Hier trage dieses Leibes Joch
Auch gar nicht stille schweigen.
Mein Herze soll sich fort und fort
An diesem und an allem Ort
Zu Deinem Lobe neigen

Hilf mir und segne meinen Geist
Mit Segen, der vom Himmel fleußt,
Daß ich Dir stetig blühe;
Gib, daß der Sommer Deiner Gnad
In meiner Seele früh und spat
Viel Glaubensfrücht erziehe

Mach in mir Deinem Geiste Raum,
Daß ich Dir werd ein guter Baum,
Und laß mich Wurzeln treiben;
Verleihe, daß zu Deinem Ruhm,
Ich Deines Gartens schöne Blum
Und Pflanze möge bleiben

Erwähle mich zum Paradeis,
Und laß mich bis zur letzten Reis
An Leib und Seele grünen;
So will ich Dir und Deiner Ehr
Allein und sonstern Keinem mehr
Hier und dort ewig dienen.

Friedrich Rückert (1788-1866)

Grammatische Deutschheit

Neulich deutschten auf deutsch vier deutsche Deutschlinge deutschend,
Sich überdeutschend am Deutsch, welcher der deutscheste sei.
Vier deutschnamig benannt: Deutsch, Deutscherig, Deutscherling, Deutschdich:
Selbst so hatten zu deutsch sie sich die Namen gedeutscht.

Jetzt wettdeutschten sie, deutschend in grammatikalischer Deutschheit,
Deutscheren Komparativ, deutschesten Superlativ.
"Ich bin deutscher als deutsch." "Ich deutscherer." "Deutschester bin ich."
"Ich bin der Deutschereste oder der Deutschestere."

Drauf durch Komparativ und Superlativ fortdeutschend,
Deutschten sie auf bis zum - Deutschesteresteresten,
Bis sie vor komparativistisch- und superlativistischer Deutschung
Den Positiv von deutsch hatten vergessen zuletzt.


Reinhard Rakow

Landschaft. Drei Gedichte


alles ist landschaft

in mir wachsen disteln auf steinigen wegen
staub felder geröll verbrannte sandkörner 
die steppen der träume mit den horizonten
fleischfarben so weit so weit und so eben

in mir fließen ströme umarmende bögen
gewaltiger stille ohn einfluss der zweifel
und stoisch kaum spürbar die tropfen umwälzend 
der hoffnung von unten nach oben zurück

in mir springen klippen himmelhoch jauchzend
in mir stürzen schluchten zu tode betrübt
in mir graut der asphalt und blüht die wegwarte

in mir wabert sehnsucht und frisst die verzweiflung
rapsfelder in blond den schwindel erregend das grün
der distelsprossen. und alles ist landschaft in mir.

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Nie wieder Landschaft

Nie wieder diese Landschaftsarchitekten
Aus Frankfurt, Köln, Berlin und anderswo,
Nie wieder diese Präteritumspräfekten
Im Turnier-siebzehn-emm, im Dö-sche-wo,

Die so unheimlich cool und taff salbadern
Über Nachhaltigkeit und Angesagt,
Doch nachem Brunch gewaltig mit sich hadern
Wegen dem Fehlschuss auffe Großwildjagd

Und den Beschissen bei manchen Golfturnieren
Auf jenen Plätzen, die sie selbst geplant
Mit ganz viel Ferfe, Glück, Genie und Engagement,

Affairen, die sie höchst ungern nur zitieren
Aus Rücksicht, eigentlich ... Naja, verzahnt
Bleibst scho, zum Schutz vor Ausschluss aus dem Klassement.

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Keine Landschaft

Nur bitte keine Landschaftsimpressionen
Von Nord- und Ostsee, Friesland, Alpen, Rhein,
Kein Schmus und keine Seelenaffektionen
Aus Wabergeistern, Nebeln, Lorelein,

Kein Herzchen-Tremolo, keine Romantik,
Die Pergament mutiert zur Gänsehaut,
Die Krone der Sinnsuche heißt Semantik,
Und wie aus Form und Pol ein Text sich baut.

Hier ist kein Raum für poetisches Zittern,
Für Biedermeierlyrik, Sturm und Drang,
Wir wollen dekon-, kon- und destruieren

Wir zählen, wiegen und analysieren
Weshalb, warum, wie oft, wie lang
Wir glücklich sind, bloß kein Gefühl zu wittern.

Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832)

Prometheus


Bedecke deinen Himmel, Zeus,
Mit Wolkendunst!
Und übe, Knaben gleich,
Der Disteln köpft,
An Eichen dich und Bergeshöh'n!
Mußt mir meine Erde
Doch lassen steh'n,
Und meine Hütte,
Die du nicht gebaut,
Und meinen Herd,
Um dessen Glut
Du mich beneidest.

Ich kenne nichts Ärmeres
Unter der Sonn' als euch Götter!
Ihr nähret kümmerlich
Von Opfersteuern
Und Gebetshauch
Eure Majestät
Und darbtet, wären
Nicht Kinder und Bettler
Hoffnungsvolle Toren.

Da ich ein Kind war,
Nicht wußte, wo aus, wo ein,
Kehrt' ich mein verirrtes Auge
Zur Sonne, als wenn drüber wär
Ein Ohr zu hören meine Klage,
Ein Herz wie meins,
Sich des Bedrängten zu erbarmen.

Wer half mir
Wider der Titanen Übermut?
Wer rettete vom Tode mich,
Von Sklaverei?
Hast du's nicht alles selbst vollendet,
Heilig glühend Herz?
Und glühtest, jung und gut,
Betrogen, Rettungsdank
Dem Schlafenden dadroben?

Ich dich ehren? Wofür?
Hast du die Schmerzen gelindert
Je des Beladenen?
Hast du die Tränen gestillet
Je des Geängsteten?
Hat nicht mich zum Manne geschmiedet
Die allmächtige Zeit
Und das ewige Schicksal,
Meine Herren und deine?

Wähntest du etwa,
Ich sollte das Leben hassen,
In Wüsten fliehn,
Weil nicht alle Knabenmorgen-
Blütenträume reiften?

Hier sitz' ich, forme Menschen
Nach meinem Bilde,
Ein Geschlecht, das mir gleich sei,
Zu leiden, weinen,
Genießen und zu freuen sich,
Und dein nicht zu achten,
Wie ich!


Reinhard Rakow

vor tag

und hinterm dunst der streichholzkopf der sonne:
wie er erblüht, als würde er gedüngt ...
die nebelsuppe wird allmählich dünner ...
und drinnen wächst ein kasten ganz aus licht ...

die stäube wirbeln wie asteroiden
dreck blinkt und funkelt gold am firmament
hoch ein insekt, leuchthell, kreuzt jäh die zone
waagrecht getrieben, doch verliert sich schnell ...

die stille wird sehr vorsichtig entjungfert.
war das ein tier? und das: vielleicht ein mensch?
ein rauschen ist, wie aus getöteten verstärkern ...
ein knacken auch ... verwunschen fast und morsch ...

so in das traumland absichtsvoller leere
schleicht sich der feind ein, fallen stellt der tag.
wie im schleppnetz der fischschwarm hilflos zappelt
der augenblick. und zieht vorbei die nacht ...

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