24 - 09 - 2021

Tag für Tag -- Der poetische Moment

Reinhard Rakow

hauch


draussen kein laut
durch die raster der jalousien hindurch
gleißendes licht
reglos
das die stille noch verstärkt

unvermutet
in abgestandener luft
ein hauch kühl
deck dich wieder zu
liebes

ich erzähl dir was
von kühlschränken
oder dass

heute
früh unter der dusche habe ich an
dich gedacht und
als ich mich abtrocknete stand
vorm fenster
ganz nah

ein
regenbogen sei

still

Marianne Dora Rein (1911-1941)
Stiller Tag


Silbern rinnt des Wassers Kühle,
lautlos rauscht die Mittagsschwühle,
und dazwischen
flüstert Wind in den Gebüschen.

Hingelagert ruht die Herde.
Wollnes Vlies scmiegt sich zur Erde.
Über Gräsern
schwebt der Himmel hoch und gläsern.

An den Halmen paarweis hangen
Falter, die sich spielend fangen:
Bunte Waage,
schwer von Liebe, schwer vom Tage.

Abendröte kommt geflossen,
Blumenkelch hat sich geschlossen.
In der Ferne
blinken auf die ersten Sterne.

Reinhard Rakow

erwachen


Nun wird es warm. Die Poren saugen letzte Tropfen
Den Dunst verdünnt des letzten Traums Gespinst
In süßer Schwere suchen deine Glieder
Den Kampf mit ihm, dem Rosenzweig;

Schmeckst, da du wach wirst, blutend seine Lippen
Bestürzt, verwirrt durch jenes alte Spiel
Des leeren Griffs nach einer offnen Blüte
Die du umschlingst, da heiß der Tag beginnt —

Nun komm, da noch ein Lufthauch weht,
Mir nackte Worte in mein Ohr zu stammeln
Halt ihn, den Bogen, fest, mit einem Druck
Der Schenkel, unwissend feucht vergieße

Mir ihrer Blume Tau. Nun wird es warm —

Reinhard Rakow

Juli


Man nimmt sich vieles vor. Doch döst wie Kätzchen
Die viel zu träge sind, etwas zu tun.
Kaum dass man wach wird, ist der Tag schon überschlagen
Und drängt die Zeit, sich endlich auszuruhn

Der Morgen schmeckt noch pelzig auf der Zunge
Der Druck im Kopf kündigt Gewitter an.
Man spürt man ist gereizt und heiß auf Regen
Kühl und sintflutend, doch keiner weiß ob wann

Man lässt sich fallen in den Arm der Hitze
Betäubt in der Ermattung schwarzen Schoß.
Es funkeln Blitze hinter Splitterexplosionen.
Auf totem Wasser treibt ein leeres Floß.

Joachim Ringelnatz (1883 – 1934)
Ich habe dich so lieb


Ich habe dich so lieb!
Ich würde dir ohne Bedenken
Eine Kachel aus meinem Ofen
Schenken.

Ich habe dir nichts getan.
Nun ist mir traurig zu Mut.
An den Hängen der Eisenbahn
Leuchtet der Ginster so gut.

Vorbei – verjährt –
Doch nimmer vergessen.
Ich reise.
Alles, was lange währt,
Ist leise.

Die Zeit entstellt
Alle Lebewesen.
Ein Hund bellt.
Er kann nicht lesen.
Er kann nicht schreiben.
Wir können nicht bleiben.

Ich lache.
Die Löcher sind die Hauptsache
An einem Sieb.

Ich habe dich so lieb.

Reinhard Rakow

weg, den see entlang


ansteige, weg, nicht zu jäh!
folge nachgiebig der dünung, harthalmgespickt —
zungen von schluff haben sich
an dir vergangen, als kotze der salzigen wässer
räkelst du dich, mild überzogen vom schleim
in säure gelöster möwen. glasscherben,
rostiger stahl, die verletztliche haut
derer, die deinem angesicht trauten —
freue dich ihrer,
verweile...

vielleicht...
nach der biegung...
die braune see...
hat
gänsehaut...

vorm nahen wald
sink nieder! turmhoher föhren
kulisse, schwarz peitschende nadeln, schwingen,
ein greif, glitzernd vor tinte, der wind
bricht sich in ihnen, geifernd,
mit bleckenden zähnen, die backen,
gepustet, voll brackigem sud!

jetzt!
duck dich!
zur rechten zieht ein wetter auf...
den schrei der möwen scratcht der sturm,
der wolkenDJ dreht am rad,
die großen boxen PLATZEN!

Arthur Rimbaud (1854-1891)

Erster Abend

Sie hatte nicht mehr viel am Leibe.
Ein großer, frecher Baum, der hing
Mit allen Blättern an der Scheibe,
So nah, so nah, wie's eben ging.

Sie faltete, halb nackt, die Hände
Und schmiegte sich im Sessel ein.
In süßem Schauder schwang behende
Ihr kleiner Fuß, so fein, so fein.

- Ich sah die Zweige sich beleben
Und einen kleinen Strahl vergnügt
Ihr Lächeln, ihre Brust umschweben, —
Ein Bienchen, das um Rosen fliegt.

- Ich küßte ihre zarten Füße.
Sie lachte perlend und brutal
In klaren Trillern voller Süße
Ein hübsches Lachen aus Kristall.

Die kleinen Füße, sie entflohen
Rasch unter's Hemd: "Ich werd dir gleich...!"
- Doch konnte dieses Lachen drohen,
Da mir verziehn der erste Streich?

— Mit einem Kusse konnt ich finden
Ihr Augenlid, das pulsend schlug:
- Verschmitzt warf sie den Kopf nach hinten:
"Na, jetzt ist's aber wohl genug!...

Mein Freund, ich muß dir eines sagen..."
— Ich warf den Rest in ihre Brust
Mit einem Kuß, der ohne Zagen
Sie lachen ließ mit guter Lust.

— Sie hatte nicht mehr viel am Leibe.
Ein großer, frecher Baum, der hing
Mit allen Blättern an der Scheibe
So nah, so nah, wie's eben ging.

(1870)

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