24 - 09 - 2021

Tag für Tag -- Der poetische Moment

Reinhard Rakow

kissen, später


ich habe sehnsucht nach schönheit komm
kleine schwarze punkte am horizont
du siehst bezaubernd aus
I love you in the morning
sonne mond und sterne
wind wie vom ventilator
your kisses deep and warm
mit einem blick offen ganz
tief nach innen aus
augen fast blicklos
durchs geöffnete fenster
wind
wie vom ventilator
in regelmäßigen stößen
bisse
kein bißchen erlöst nur
reich mir deine lenden spring
so weiß wie schnee
laß dich fallen
ganz tief
so rot wie blut
du siehst bezaubernd aus
spür es in dir
pochen
auf dem
kissen, später
zerfließt dein haar
weich und regungslos
als wäre es noch irgendwo und
käme so bald nicht zurück

Johann Wolfgang von Goethe (28. August 1749 - 22. März 1832)
Willkommen und Abschied


Es schlug mein Herz: geschwind zu Pferde!
Es war getan, fast eh' gedacht.
Der Abend wiegte schon die Erde,
Und an den Bergen hing die Nacht;
Schon stand im Nebelkleid die Eiche,
Ein aufgetürmter Riese, da,
Wo Finsternis aus dem Gesträuche
Mit hundert schwarzen Augen sah.

Der Mond von einem Wolkenhügel
Sah kläglich aus dem Duft hervor;
Die Winde schwangen leise Flügel,
Umsausten schauerlich mein Ohr;
Die Nacht schuf tausend Ungeheuer,
Doch frisch und fröhlich war mein Mut:
In meinen Adern welches Feuer!
In meinem Herzen welche Glut!

Dich sah ich, und die milde Freude
Floß von dem süßen Blick auf mich;
Ganz war mein Herz an deiner Seite
Und jeder Atemzug für dich.
Ein rosenfarbnes Frühlingswetter
Umgab das liebliche Gesicht,
Und Zärtlichkeit für mich - ihr Götter!
Ich hofft es, ich verdient' es nicht!

Doch ach! schon mit der Morgensonne
Verengt der Abschied mir das Herz:
In deinen Küssen welche Wonne!
In deinem Auge welcher Schmerz!
Ich ging, du standst und sahst zur Erden,
Und sahst mir nach mit nassem Blick:
Und doch, welch Glück, geliebt zu werden!
Und lieben, Götter, welch ein Glück!

Reinhard Rakow

Besuch


Erst weist du dich aus. Dann darfst du hinein.
Das rostige Stahltor quietscht.
Zum Haupthaus führt eine Treppe aus Stein.
Die nimmst du mit festem Tritt.

Erst weist du dich aus. Dann darfst du hinein.
Und dann bist du vorläufig drin.
Wirst erschlagen von einer Kakophonie und dein
Kopf sagt dir steh lieber still.

Einer wimmert sehr hoch. Und es klatscht sehr laut.
Und drei oder vier brüll´n sich an.
Eine Pfeife trillert und dein Wachtmeister schaut
Ob er noch was retten kann.

Über dir ein riesiges Netz. Aufzufangen jedweden Fall.
Manche aber stürzen im Treppenhaus
Die Stahlstufen hinab und ihr Leben ist aus.
Wenn der Schädel platzt gibt´s einen Knall.

So was ist willkommen. Als Unterhaltung gesucht
Im täglichen Einerlei
Der vergitterten Zellen und in dem Geruch
Von Pisse und Hühnerklein.

Du atmest tief durch. Und du wartest auf ihn.
Und dann wird er dir gebracht.
Und der da steht ist nicht der den du kennst.
Was haben sie aus ihm gemacht.

Erst weist du dich aus. Dann darfst du hinaus.
Die rostige Stahltür quietscht.
Zum Ausgang führt eine Treppe aus Stein.
Die nimmst du mit zitterndem Tritt.

Friedrich Hölderlin (1770-1843)

Hälfte des Lebens

Mit gelben Birnen hänget
Und voll mit wilden Rosen
Das Land in den See,
Ihr holden Schwäne,
Und trunken von Küssen
Tunkt ihr das Haupt
Ins heilignüchterne Wasser.

Weh mir, wo nehm' ich, wenn
Es Winter ist, die Blumen, und wo
Den Sonnenschein,
Und Schatten der Erde?
Die Mauern stehn
Sprachlos und kalt, im Winde
Klirren die Fahnen.

Reinhard Rakow

Trabantenstadt


Die klobigen Riesen
haben die Augen
gläsern geschlossen
und keiner stört sie
im Schlaf

Nur manchmal rüttelt
verirrt wer am Türgriff
dass Lippen sich öffnen
kaum einen Spalt breit
und Moder strömt

Das Rauschen der Autos
als letzte Ahnung
Endstation Tüte
Tod
durch Ersticken.

Und keiner stört
ihren Schlaf.

Wilhelm Müller  (1794-1827)
Griechenlands Hoffnung

Brüder, schaut nicht in die Ferne nach der Fremden Schutz hinaus,
Schaut, wenn ihr wollt sicher schauen, nur in euer Herz und Haus.
Findet ihr für eure Freiheit da nicht heilige Gewähr,
Nun und nimmer, Brüder, nimmer kömmt sie euch von außen her.
Selber hast du aufgeladen dir der Knechtschaft schweres Joch,
Selber hast du es getragen, und du trügst es heute noch,
Hättest du darauf gewartet, hochgelobtes Griechenland,
Daß es dir vom Nacken sollte heben eine fremde Hand.
Selber mußt du für dich kämpfen, wie du selber dich befreit,
Dein die Schuld und dein die Buße, dein die Palme nach dem Streit.
Viele werden dich beklagen, viele dir Gebete weihn,
Viele sich für dich verwenden, viele deine Rater sein
Hoffst du mehr? Bau auf die Hoffnung deiner Freiheit Feste nicht,
Daß der Grund, auf dem sie ruhet, nicht den Bau zu Trümmern bricht.
Deiner alten Freiheit Ehre ist der neuen Welt gerecht,
Denn der Freie schläft im Grabe so geduldig, wie der Knecht.
Lege reuig deine Waffen nieder vor des Türken Thron,
Beuge friedlich deinen Nacken zu dem alten Sklavenfron:
Dann, dann magst du sicher bauen auf die Macht der Christenheit,
Dann, dann magst du sicher hoffen, daß der Türke dir verzeiht.
Ruh und Friede will Europa. – Warum hast du sie gestört?
Warum mit dem Wahn der Freiheit eigenmächtig dich betört?
Hoff auf keines Herren Hülfe gegen eines Herren Fron,
Auch des Türkenkaisers Polster nennt Europa einen Thron.
Hellas, wohin schaut dein Auge? – Sohn, ich schau empor zu Gott –
Gott, mein Trost in Schuld und Buße, Gott, mein Hort in Kampf und Tod!

Reinhard Rakow
gelber tag


hervor aus dem schatten, schlägt, sternengefunkelt
er zu, gelber tag. vor deinen augen in tiefe
der grund, bruchstückgefüllt
dessen, was blieb,
voll auch der splitter,
was ist gewesen.

so lau die luft.
so zart das grün,
die erste glut. nieder~
gesunken reißt dich ein schwindel
und fallend
suchst eine
ordnung du, halt.

einzig die kraft,
unteilbar
das zeichen.
der gelbe tag
atmet kaum noch, doch licht.
still schweigen die blätter
und schwarz

weisen die spuren
ins jenseits,
was ist gewesen.

was aber wird sein.


Vertonung Violeta Dinescu („Was ist gewesen… Drei Miniaturen" für Singstimme mit Schlagwerk,  Christina Ascher gewidmet, 2004) UA: Edewecht-Süddorf 18.4.2004 (Gesang: Christina Ascher)

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