24 - 09 - 2021

Tag für Tag -- Der poetische Moment

Kalt ist der Abendhauch. Zwei Gedichte

Matthias Claudius (1740-1815)
Der Mond ist aufgegangen

Der Mond ist aufgegangen,
die goldnen Sternlein prangen
am Himmel hell und klar.
Der Wald steht schwarz und schweiget,
und aus den Wiesen steiget
der weiße Nebel wunderbar.

Wie ist die Welt so stille
und in der Dämmrung Hülle
so traulich und so hold
als eine stille Kammer,
wo ihr des Tages Jammer
verschlafen und vergessen sollt.

Seht ihr den Mond dort stehen?
Er ist nur halb zu sehen
und ist doch rund und schön.
So sind wohl manche Sachen,
die wir getrost belachen,
weil unsre Augen sie nicht sehn.

Wir stolzen Menschenkinder
sind eitel arme Sünder
und wissen gar nicht viel.
Wir spinnen Luftgespinste
und suchen viele Künste
und kommen weiter von dem Ziel.

Gott, laß dein Heil uns schauen,
auf nichts Vergänglichs trauen,
nicht Eitelkeit uns freun;
laß uns einfältig werden
und vor dir hier auf Erden
wie Kinder fromm und fröhlich sein.

Wollst endlich sonder Grämen
aus dieser Welt uns nehmen
durch einen sanften Tod;
und wenn du uns genommen,
laß uns in' Himmel kommen,
du unser Herr und unser Gott.

So legt euch denn, ihr Brüder,
in Gottes Namen nieder;
kalt ist der Abendhauch.
Verschon uns, Gott, mit Strafen
und laß uns ruhig schlafen.
Und unsern kranken Nachbarn auch!


Reinhard Rakow
und nach dem sturm

und nach dem sturm was
belangloses hören pop
gedudel im radijo mozart
von der scheibe so wie
das grün knallt im garten
merkste die sonne
musses doch gebn
sogarn vogel fliecht noch

müde bin ich geh zur ruh
schließe meine äuchlein zu
du du du nur du
weißt du

weißt du fast wär ich
gestorben am großen
kloß immeim hals
traurichkeit nächtens
wenn ich so wach liech
allein neben dir weil
das herz in die knie geht
und ich dann denke: geh
bitte geh weiter
noch einmal

noch einmal proust lesen
proust von der kürze
der zeit und das buch
hijob döblin wie es den
franz holt | oder das hundchen
von kunderas tomas
was | belangloses eben
zum schluss.

Reinhard Rakow

Vor Herbst. Zwei Gedichte

die stockrose 

als wolle sie den sommer so verlängern
mit voller blüten pracht wirft sie ihr malvenrot
dem stumpfen nichts des nebellichts entgegen
beugt doch ergibt sich nicht dem wind der wild bewegt 

auch schüttres strauchgeäst das pralle beeren trägt
in blättern die ihr grün verliern und gleitend braun anlegen
des endes vorhofskleid. sie aber glüht ihr malvenrot
dem ende zu als brenne sie das hoffen so zu schwängern —


Elf Versuche zum Herbst


1.
Zugvögel sammeln sich und Alte,
die in den Parks nach Sonne stehn

2.
Der Winter wird kalt werden.
Seit Wochen klauen die Penner
beim Supermarkt aus dem Altpapierkontainer
die Kühlschrankkartons.

3.
So es nicht regnet und der Himmel frei ist
von Wolken, Schreien, Nebeln, Krähen

4.
Und lag auf nebelnassem Gras neben der Autobahn
Und hörte watteverpackt dumpfe Aufschläge,
Krachen von Blech, Splittern von Glas, Schreie durchs Mark,
Und winselte, sie möchten ein Ende haben, aber
die Aufschläge fanden keines,
Und sah, als der Nebel weniger wurde, den Wagen,
aus dem er herausgeschleudert worden war,
als ersten in der Schrottlawine stehen.

5.
Wenn der Herbst nahte, kaufte sie Schuhe,
mit gefährlich hohen Hacken und waffenscheinspitz
wie die Dessous,
die zu erwerben sie wochenlang Top-Boutiquen bereiste,
um ihre Lager in den Schwebetürschränken aufzufüllen.
Das gab ihr das Gefühl, den Sommer
zu horten und das entgangne Leben.

6.
Erdfarbenzeit: umbra die Schatten,
die Stämme van-Dyck-braun, überlagert
von Blättern und Flecken aus einer Mischung
von gelb, magenta, blau, asche, als sei
Kirkeby von oben mit einem breiten Pinsel abgerutscht

7.
Kind, iß, das Püree ist doch so kartoffelig.
Mama, was heißt kartoffelig?
Daß dem Werbetexter ein Blatt ins Hirn geweht ist, Kind.

8.
Mählicher Entzug von Wärme und Licht
Innezuhalten
Förderlich der Nachdenklichkeit
Zu hinterfragen
Gelegenheit zu bilanzieren
Gut für die Demut
Sich zu bescheiden

9.
Das ist die Zeit der Krankenkassen.
Die Betriebsprüfer bringen Geld.
Weil im Januar das Portmonee leer war,
hatte niemand Lust, sich zu vermehren.
Die chronischen Krankenschein-
Benutzer brauchen nie mehr einen.
Das nasse Laub erhöht die Quer-
beschleunigung so, daß die Unfälle
gleich tödlich verlaufen.

10.
und hätte überall Spuren von Dreck hinterlassen,
regennasse bedeutungsschwere Matsche,
in der wir Säue uns so gerne suhlen, das ganze Jahr
warten wir doch nur darauf.

11.
Ach, weißt Du noch, wie wir uns kennen lernten?
Das Zimmerlicht war an und draußen Wind.
Du warst nervös und als Du schreiben wolltest,
erschrak ich, weil du warst ja noch ein Kind.

Theodor Fontane (1819-1898)
Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland


Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland,
Ein Birnbaum in seinem Garten stand,
Und kam die goldene Herbsteszeit
Und die Birnen leuchteten weit und breit,
Da stopfte, wenn's Mittag vom Turme scholl,
Der von Ribbeck sich beide Taschen voll,
Und kam in Pantinen ein Junge daher,
So rief er: »Junge, wiste 'ne Beer?«
Und kam ein Mädel, so rief er: »Lütt Dirn,
Kumm man röwer, ick hebb 'ne Birn.«

So ging es viel Jahre, bis lobesam
Der von Ribbeck auf Ribbeck zu sterben kam.
Er fühlte sein Ende. 's war Herbsteszeit,
Wieder lachten die Birnen weit und breit;
Da sagte von Ribbeck: »Ich scheide nun ab.
Legt mir eine Birne mit ins Grab.«
Und drei Tage drauf, aus dem Doppeldachhaus,
Trugen von Ribbeck sie hinaus,
Alle Bauern und Büdner mit Feiergesicht
Sangen »Jesus meine Zuversicht«,
Und die Kinder klagten, das Herze schwer:
»He is dod nu. Wer giwt uns nu 'ne Beer?«

So klagten die Kinder. Das war nicht recht -
Ach, sie kannten den alten Ribbeck schlecht;
Der neue freilich, der knausert und spart,
Hält Park und Birnbaum strenge verwahrt.
Aber der alte, vorahnend schon
Und voll Mißtraun gegen den eigenen Sohn,
Der wußte genau, was damals er tat,
Als um eine Birn' ins Grab er bat,
Und im dritten Jahr aus dem stillen Haus
Ein Birnbaumsprößling sproßt heraus.

Und die Jahre gingen wohl auf und ab,
Längst wölbt sich ein Birnbaum über dem Grab,
Und in der goldenen Herbsteszeit
Leuchtet's wieder weit und breit.
Und kommt ein Jung' übern Kirchhof her,
So flüstert's im Baume: »Wiste 'ne Beer?«
Und kommt ein Mädel, so flüstert's: »Lütt Dirn,
Kumm man röwer, ick gew' di 'ne Birn.«

So spendet Segen noch immer die Hand
Des von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland.

September. Zwei Gedichte

Eduard Mörike (8. September 1804 - 4. Juni 1875)
Septembermorgen

Im Nebel ruhet noch die Welt,
Noch träumen Wald und Wiesen:
Bald siehst du, wenn der Schleier fällt,
Den blauen Himmel unverstellt,
Herbstkräftig die gedämpfte Welt
Im warmen Golde fließen.

 

Reinhard Rakow

rast


zwischen den höhlchen erzähl mir geschichten, hock dich im schneidersitz hin.

entferne dem apfel, dem pockengenarbten, die lederne haut.
spür auf den wurm, erlöse ihn lebend. erzähle.

erzähl mir geschichten, die riechen nach kühen, nach rotbraunen tieren, die dampfen
im sud der sonne, fäden bewegend silbernen speichels, die bremsen fort tragen
in schwarzen nestern, in stoischer ruhe das gras meiner kindheit zermalmen.

und wo der bläuling wohnt, wo das tagauge, der spinner, blutströpfchen, der admiral.
wie der mondvogel schmückt seine schwingen. auch vom kohlweißling
berichte.
hier in den höhlchen such ich den totenkopfschwärmer vergebens.
hier in den höhlchen ruhen die herzen der alten.

hier zwischen den kletten und hagebutten riecht´s nach latein,
schmeckt es nach erde, rotbraun wie kühe, vom limes,
vom eisen, vom blut der besiegten.
hart hier die erde.

es staubt.

prüfe die spitze des messers, zerteile.

warzig die zungen der tiere. pockennarbig das land,
rotbraun sein schnaufen und beben.
wartend bin ich im ziel.

eh du den totenkopf findest, vater, reich mir den apfel.
eh du das puder der schuppen ihm streichelst, erzähle nur weiter.
ich warte.

heiß wird mein nacken.
hoch steht die sonne.
das land liegt in stille.

sie glüht.

Vom Faulsein. Zwei Gedichte

Gotthold Ephraim Lessing (1729-1781)
Die Faulheit

Fleiß und Arbeit lob ich nicht.
Fleiß und Arbeit lob ein Bauer.
Ja, der Bauer selber spricht,
Fleiß und Arbeit wird ihm sauer.
Faul zu sein, sei meine Pflicht;
Diese Pflicht ermüdet nicht.

Bruder, laß das Buch voll Staub.
Willst du länger mit ihm wachen?
Morgen bist du selber Staub!
Laß uns faul in allen Sachen,
Nur nicht faul zu Lieb und Wein,
Nur nicht faul zur Faulheit sein.


Reinhard Rakow
Trägheit

Lass dich sanft treiben. Verschwende die Zeit,
Die dir gegeben, in vollen Zügen!
Dass sie von Wert sei, zählt zu den Lügen,
Die Spielverderber erspinnen aus Neid.

Lebe gemächlich. Meide die Eile,
Denn sie verdirbt bloß!, mit ruhigem Blut!
Begreife die Stunden als Tropfen der Flut,
Die im Überfluss quillt. Weile! Nur weile!

Dein Mund mag sich vor Gähnen niemals schließen!
Dein Leib die Hängematte brav ertragen,
Die ihn umgibt, mit Daunen ausgeschlagen!

Lass deinem Hirn Schlafblumen schlaff entsprießen!
Mag auch die Welt um dich kippen und sinken:
Du wirst still faulen. Und stinken... stinken... stinken... —

Irakkrieg. Drei Zeitgedichte

März 2003. Die USA und die "Koalition der Willigen" bombardieren Bagdad ohne völkerrechtliches Mandat. Rot-Grün lehnt, wie im Wahlkampf angekündigt, eine Beteiligung an den Kämpfen zwar ab, bewilligt aber Überflugrechte für Bomber. Drei Gedichte aus März/ April 2003.

Reinhard Rakow
dies ist die zeit

dies ist nicht die zeit weicher worte
gespült mit dem flausch willfähriger diplomatie
nicht die zeit versöhnlicher gesten
nicht die zeit für kotaus

ein riese hat einen zwerg überfallen
ein land lacht hohn der gemeinschaft der völker
ein räuber bereichert sich ungeniert
ein mörder wirft bomben

dies ist die zeit der empörung
dies ist die zeit lauter klagen
dies ist die zeit anzuklagen
dies ist die zeit.

 


embedded correspondents

auf dem markt der lügen schreien die überfallenen
ihre begeisterung den überfallkommandos entgegen.
der himmel über bagdad erglüht, als sei feuerwerk,
auch die luft riecht so, hier, auf dem dach eines panzers,

nach jubelnder freiheit. strahlend sammeln frauen
mit schwarzen haaren silbrighelle geschossmäntel ein.
die überläufer schwenken amerikanische fähnchen;
die hinter den kameras ihre emm-piis.

wenn die nachrichten stimmen morgen,
dürfen sie wieder ins bett.
wenn die nachrichten stimmen,
gibt´s pünktlich den dirnenlohn —

 


der tag neigt sich

der tag neigt sich
wieder, fahl dunkelts.
deutschland zur tagesschaustund.
in den wohnzimmern warmlicht,
das abendbrot ist schon bereitet,
für die kinder wirds zeit,
zu bett zu gehen, ach,
schau nur, sie gähnen.

über der suppe
aus fernsehton, tellerklappern,
lachen der kinder schwillt dumpf
das brummen der schwarzen armaden,
von engelland ziehn sie,
im schutze des gähnens
den tod zu verteilen
auf bagdad und tikrit und basra.

der tag neigt sich
wieder, die nacht fällt, schlaf schön.
woanders wird weiter gestorben.
die bomber fliegen sehr tief, kind,
sie tragen heut´ sehr schwere last.
hör nicht hin, kind, ich sing dir ein lied,
hör nicht hin, kind, ich sing es dir laut,
hör nicht hin, kind, ich singe aus scham.

(Alfred Henschke) Klabund (1890-1928)
Die gefiederte Welt

Oder
Über die Pflege des Sprossers und der Nachtigall
Oder
Der Vogelgesang im Kreislauf des Jahres
Oder
Ihr könnt mich alle am
Samstag Abend zu einer Tasse Ersatztee besuchen
Ihr Ersatzreservisten
Ersatzmänner
Ersatzmännchen
Rotrückige Würger.
Ornis caucasica
Gedicht fantastique
Grotesque sentimentale
Chanson populaire
Verfertigt
Ausgeführt
(Kriegsfall: executiert...)
(Handelsmarine: exportiert ...)
Und vorgetragen
Von
Peter und Paul
Entente cordiale
Heilige en gros und en detail
An- und Verkauf von Zier- und Singvögeln

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