24 - 09 - 2021

Tag für Tag -- Der poetische Moment

Reinhard Rakow
Sphären


I.
Ich lebe mein Leben in geschlossenen Ringen
Die sich über die Dinge ziehn


II.
Ausgeworfen von der Mutter
Blutend in die Welt gesetzt
Zuckst du Wurm und blau vor Kälte
Verdammst du dies Hier und Jetzt
Kriechst hinweg. Wirst dabei groß
Bist du groß macht man dich klein
Entfernst weit dich von der Höhle
Sehnst dich in das Nest hinein

Überrumpelt von den Trieben
Sucht der Schwanz die letzte Hur
Doch bei allen Kapriolen
Hängst du an der Nabelschnur
Auf dem Weg in neue Sphären
Schlägst du um dich. Spürst du Leid
Hinterläßt und findest Spuren
In Gesichten vor der Zeit

Wirst geprügelt. Prügelst andre
Siehst wen an der von dir weg
Definierst Sein durch Gewinnen
Fühlst dich wie der letzte Dreck
Dreck lernst du besteht aus Steinen
Steinen die zermahlen sind
Wie dein Leben in Fragmente
Durch der Zeiten großen Wind

Und willst du die Splitter ordnen
Hindert dich der Wunden Schmerz
Ist die Wunde dir vernarbt erst
Sticht die Narbe bis ins Herz
Erspart dir die große Ordnung
Das Kaleidoskop glänzt noch
Greifst nach ihm. Es war vergebens
Findest wieder dich im Loch.


III.

1.
ich bin eine seifenblase
ich glänze ich schillre
ich schwebe und schwebe
ich schwebe die lüfte
schwebe über allem nichts
kann mich erreichen
ich bin unsterblich

2.
ich bin ein kleiner gummiball
ich kann hüpfen bin nicht zu fassen
habe allen mut der welt ihre leichtigkeit
in mir meine feder ist aufgezogen
ich bin so groß
ich kann auf die fensterbank steigen
ich kann fliegen
ich bin unsterblich


3.
ich bin die billardkugel
ich weiß was ich will die löcher
suche ich mit gewalt ich bin der queu
der banden durchstößt nicht zu bändigen
das geschoß meine kraft unbesiegbar ich kann sechs
unddreißig stunden wach sein am tag kann
vierzig fluppen rauchen am stück zehn pillen
werfen pro nacht zwölf bräute besteigen
mit dem bock einhundertfünfzig fahren
bei regen
ich bin unsterblich

4.
ich bin gefertigt aus echtem leder
in handarbeit zugeritten gewachst abgehärtet
bin hart im nehmen voll macht ist mein einschlag
in jegliches kontor selbst tritte machen mir nichts aus
es perlen ab von mir die spritzer der dreck mich
juckt nichts mehr weil keiner kann mir was anhaben ich lache
hohn den widrigkeiten meiner feinde verzweiflung rührt mich
an läßt mich wachsen und wachsen meine kräfte die kraft meiner stirn ellnbogen und hoden wird größer begeistert mein wahn daß mir alles gelingt ich bin unfehlbar bin nicht erpreßbar bin unantastbar auch
nach dem dritten konkurs und heil geblieben nach dem zehnten
doppelten wodka dem fünften kaffee-eimer dem sechsten
zu schrott gefahrenen wagen ich bin unkaputtbar
ich kenne keinen schmerz ich brauche keinen schlaf
ich brauche keinen gott mich kann nichts erschrecken
kein engel noch bote der hölle ich selbst bin der moloch
der den tod von hinten bespringt ihm
die rosette zu öffnen ich bin etwas rotzig
ins leben geworfen ich werfe
zurück volle pulle denn ich
bin unsterblich

5.
ich bin die blase vom schwein
pergamenten und knittrig und knarzig und zäh
zäh
und unlochbar
unbeugsam
steif voller ecken
kanten und dornen
mich faßt keiner an kein schwein
kratzt meine rinde mich kratzt keine krankheit
der steifheit des rückens geb ich lachend mein bellen
aus zahnlosem mund schüttle ich mich aus meine falten zu glätten
ich steh über allem mit mächtiger furchtlosigkeit
rammt mein kahles haupt jede wand ein zum frühstück
leck ich meine wunden zum abend pfeif ich
freund hein meine ständchen ich fülle die blase mit restluft
und ein junges weib mit meinem horn damit es
dem tod nicht zu langweilig wird
beim warten auf mich ja: ich bin
unsterblich

6.
ich bin ein staubkorn
ich liege erhaben
und kantig und glatt
im dreck der uns bettet uns gründet uns ist
ich bin ein staubkorn ich fliege
wie seifenblasen ich schwebe
und schwebe
ich bin un-

sterblich.

Reinhard Rakow
Weiß ich doch nicht


laadi tammda laadi tammda
mödi lamm tumm tiiritamm
lapalooma lamaa tirili
mutoro mumm tiirilidumm

kongo beesi kongo beesi
nemi pil soapi tuutu
lapalooma lamaa tirli
mutoro mumm tiirilidumm

tuudulola tuudolola
weeko kofi undeseeni
tapi mops ix latein dadami
tapa bus pos kikidihe

tapa bus pos kikidihe
dadalux mi nonotusu
gala ti ke
maka si me
palipatum palipatam
palukati palukatom

laadi tammda laadi tammda
mödi lamm tumm tiiritamm
lapalooma lamaa tirli
mutoro mumm tiirilidumm

Louise Aston (1814-1871)
Lebensmotto

Fromme Seelen, fromme Herzen,
Himmelssehnend, lebenssatt;
Euch ist rings ein Thal der Schmerzen,
Eine finst're Schädelstatt!
Mag in schreckenden Gesichten
Bang vor mir das Schicksal steh'n;
Nie soll mich der Schmerz vernichten,
Nie zerknirscht und reuig seh'n!
Freiem Leben, freiem Lieben,
Bin ich immer treu geblieben!

Leben - Meer, das endlos rauschend
Mich auf weiten Fluten trägt:
Deinen Tiefen freudig lauschend
Steh' ich sinnend, stummbewegt.
Stürzt Gewittersturm, der wilde,
Jauchzend sich in's Meer hinein,
Schau' ich in dem Flammenbilde
Meines Lebens Wiederschein.
Freiem Leben, freiem Lieben,
Bin ich immer treu geblieben!

Liebe - von der Welt geächtet,
Von dem blinden Wahn verkannt,
Oft gemartert, oft geknechtet,
Ohne Recht und Vaterland;
Fester Bund von stolzen Seelen
Den des Lebens Glut gebar,
Freier Herzen freies Wählen
Vor der Schöpfung Hochaltar!
Freiem Leben, freiem Lieben,
Bin ich immer treu geblieben!

Und so lang' die Pulse beben,
Bis zum letzten Athemzug,
Weih' der Liebe ich dies Leben,
Ihrem Segen, ihrem Fluch!
Schöne Welt, du blühend Eden,
Deiner Freuden reicher Schatz
Giebt für alle Schicksals Fehden
Vollen, köstlichen Ersatz!
Freiem Lieben, freiem Leben,
Hab' ich ewig mich ergeben!

Reinhard Rakow

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(Montage aus Internetzitaten, Mai 2004)

Rainer Maria Rilke (1875-1926)
Herbst

Oh hoher Baum des Schauns, der sich entlaubt:
nun heißts gewachsen sein dem Übermaße
von Himmel, das durch seine Äste bricht.
Erfüllt vom Sommer, schien er tief und dicht,
uns beinah denkend, ein vertrautes Haupt.
Nun wird sein ganzes Innere zur Straße
des Himmels. Und der Himmel kennt uns nicht.

Ein Äußeres: daß wir wie Vogelflug
uns werfen auf das neue Aufgetane,
das uns verleugnet mit dem Recht des Raums,
der nur mit Welten umgeht. Unsres Saums
Wellen-Gefühle suchen nach Bezug
und trösten sich im Offenen als Fahne -
Aber ein Heimweh meint das Haupt des Baums.

Reinhard Rakow

Grimmelshausen


Voll Zorn
Sind die Lieder, verworfen das Denken,
Ungestüm
Trommelschläge bei Nacht. Auf roten Gründen
Cellophanlaken, die knistern wie Brand
Unter den Stiefeln; unter dem
Blitze geboren wurd´st du, durch den Stromschlag
Verstaubter Erkenntnis, der, die sich öffnet im
Fließen der Worte, dem Spiegel der Zunge, gesprochen, gestammelt,
Wer hat sie, wo sie erlischt, zugeschissen, oder
In gleißender Helle, wenn sie
Zusammenfällt dereinst in sich, dem falschem Licht gleich,
Das Dörfer brandschatzt, so
Wurd´st du, sagt´ ich, in die Welt geworfen,
Gesammelt, von ihr aufgelesen,
Gefressen, gespien in
Ihre Paläste mit rauchschwarzen Wänden,
Vierbeinigen Dienern, Vasallen,
Gesocks, höfischem
Tand auch -
Und Witz,
Vor allem: der Witz. Und deine Spottlust
Die Lust an den Worten, dem Fabulieren
Über den Oheim, oberbefehlend die
Esel und Ziegen, über Soldaten,
Uniformträger, vom hohlen Baum aus das Meckern
Geschenkt des Chamäleons, das gut bekannt
Ist mit Kriegswerk und Wirtschaft
Und Ketten, die klirren,
Ketten aus Stahl, aus Worten, die knistern
Wie Rosenblutblätter, Cellophan ähnlich,
Simpel
Und einfach,
Einfacher alles, dir, dem Chamäleon,
Derart zu tarnen, was dich umgibt, die Welt aus den Fugen
Hier wankt ihren Lügen, dem Glauben des Ungeists entgegen, zu tarnen,
Zu narren das Leuchten der Häme, einfacher noch
Mit spitzer Feder den Spiegel, einfachster
Schreiber, Christoffel, du.

Heinrich Heine (1797-1856)
Die schlesischen Weber

Im düstern Auge keine Träne,
Sie sitzen am Webstuhl und fletschen die Zähne:
Deutschland, wir weben dein Leichentuch,
Wir weben hinein den dreifachen Fluch -
Wir weben, wir weben!

Ein Fluch dem Gotte, zu dem wir gebeten
In Winterskälte und Hungersnöten;
Wir haben vergebens gehofft und geharrt,
Er hat uns geäfft und gefoppt und genarrt -
Wir weben, wir weben!

Ein Fluch dem König, dem König der Reichen,
Den unser Elend nicht konnte erweichen,
Der den letzten Groschen von uns erpreßt
Und uns wie Hunde erschießen läßt -
Wir weben, wir weben!

Ein Fluch dem falschen Vaterlande,
Wo nur gedeihen Schmach und Schande,
Wo jede Blume früh geknickt,
Wo Fäulnis und Moder den Wurm erquickt -
Wir weben, wir weben!

Das Schiffchen fliegt, der Webstuhl kracht,
Wir weben emsig Tag und Nacht -
Altdeutschland, wir weben dein Leichentuch,
Wir weben hinein den dreifachen Fluch,
Wir weben, wir weben!

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