24 - 09 - 2021

Tag für Tag -- Der poetische Moment

September. Zwei Gedichte

Reinhard Rakow

ich gehe in ein anderes lied


ich gehe in ein anderes lied.
blühen wird es, heiter und klar sein.
die fruchtbaren tage werden darbieten
ihr korn meinem pflug den ein starker ochse
ziehen wird. gefügt aus meinen gedanken
wird er auskosten jeglichen schritt, jeden krümel
der zwischen den hufen hervor dringt und
stolz wird er sein jedes muskels, den er spannt
da ich ihn erdenke; erhaben und würdig wird er
sich stemmen in das geschirr, der fliegen
nicht achtend, den störton nicht hörend.

und sonne wird scheinen als
sei es september, rotgolden der wegsaum
schweben als sei´s ein hallejulah von bach.
im niederknien nach den duftenden
wicken wird er sich besinnen,
wird er innehalten,
gewiss.

altweibersommer wird fliegen und
faden vom speichel des ochsen.

ein ruhiger atem wird sein.

 

erntezeit


nun, da die feldmaus flieht aus ihrem neste
    zurück zu lassen nackt die winzig brut
       dann schutz sucht unter dürrer scholle
          wo hilfelaute stechend sie vernimmt

geduckt, das tasthaar zitternd, sonst gleich dem stein
     der warm und fest und unverrückbar wartet
        dem rad des mähdreschers entgegen
            dem aufgeblasenen, das ihn nicht stört

solang er ruht auf nachgiebiger erde
    die ihm sich anpaßt, bald willig ihn umschließt
        bis nur ein grat von ihm noch kündet
            durchs blut der mäuse, welches er erhöht -

nun, da der himmel dunkel wird vor vögeln
    in gold und braun, die schwer in schwärmen fallen
        dem güld´nen korn, dem dumpfen grund
            entgegen, bedeckend ihn als laken

bald schwarz vor raben, gravitätisch schreitend
    entlang der furche auf der jagd nach samen
        und nach aas, das vom habicht ihnen
            und maschine zurückgelassen ward;

da erde reif riecht, nach staub und überfluss
    die speicher gieren und die bauern träumen
        von feuchten mägden und von faulen
            beeren an einem süß gezognen busch

der kahl fällt morgen früh, nutzlos wie das land
    das brände sieht von stoppeln und von strünken
        und qualm und asche schmeckt aus tieren,
            früchten, gräsern, die zu lange blieben -

ist nah, doch schwer zu fassen uns das ende,
    verborgen noch, schon leuchtend unter blättern
        die, fahl, entfernt vom baum ein wind,
            des lebens auch: so nah und nicht zu fassen.

Reinhard Rakow
Herbstlaub


Lange nicht mehr durch Wälder gegangen
Lange nicht mehr Waldluft inhaliert
Lange nicht mehr nem Traum nachgehangen
Lange nicht mehr wen inspiriert

Da an der Eiche will ich einritzen
Ein großes Herz mit "Gabi, sei mein"
Da an der Buche können wir sitzen
Bucheckern knacken und kindisch sein

Wenn du´s drauf anlegst, reichen die Blätter
In bunten Haufen dir an den Bauch
Wenn du nicht aufpaßt, jagt unser Setter
Hasen und Mäuse (- und quietschen tut´s auch -)

Laß ihn nur jagen, den garst´gen Nimrod
Wir holen ihn ja doch nicht mehr ein
Laß uns uns jagen, Rock, Schock und Schwernot
Bis ich dich habe, für mich allein

Ist das nicht herrlich, das Blau des Himmels
Über uns und unter uns Laub?
Ist es nicht reizend, Ausdruck eines Fimmels
Jetzt zu erzähl´n von - Blütenstaub?

Wenn du´s drauf anlegst, erhebt kühn der Wind
Deine Brustwarzen mit einem Hauch
Wenn du nicht aufpaßt, mach ich dir ein Kind
Oder auch nicht (- doch quietschen tut´s auch -)

Da an der Buche wollt ich einritzen
Ein großes Herz mit "Gabi war mein"
Da an der Eiche konnten wir schwitzen
Römisch im Freistil und glücklich sein

Öfter mal wieder durch Wälder gehen
Öfter mal wieder Waldlust inhaliern
Öfter mal wieder Träume wahr sehen
Öfter mal wieder wen inspiriern.

Mauern, die vom Lärme beben. Zwei Gedichte


Georg Heym (1887 – 1912)
Die Irren

Der Mond tritt aus der gelben Wolkenwand.
Die Irren hängen an den Gitterstäben,
Wie große Spinnen, die an Mauern kleben.
Entlang den Gartenzaun fährt ihre Hand.

In offnen Sälen sieht man Tänzer schweben.
Der Ball der Irren ist es. Plötzlich schreit
Der Wahnsinn auf. Das Brüllen pflanzt sich weit,
Daß alle Mauern von dem Lärme beben.

Mit dem er eben über Hume gesprochen,
Den Arzt ergreift ein Irrer mit Gewalt.
Er liegt im Blut. Sein Schädel ist zerbrochen.

Der Haufen Irre schaut vergnügt. Doch bald
Enthuschen sie, da fern die Peitsche knallt,
Den Mäusen gleich, die in die Erde krochen.

 

Reinhard Rakow
Der Gefängniswärter


Sie heulen in den Nächten wie Kojoten,
Die, ihrer Haut beraubt, bluttriefend friern,
Die winselnd, jaulend, tobend Geifer schmiern
An Stäbe, Schlösser, Löcher mit den Pfoten;

Sie klappern, rasseln, schlagen mit den Ketten,
Die sie bei Tag beschafft vom Nuttenlohn
Den ihre Pferdchen erschliefen im Salon,
Sie fesseln Wärter nackt an Gitterbetten;

Sie werden nachts zum Tier, das pisst, fickt, beißt,
Das gnadenlos den andern tödlich reißt,
Sie legen Junge flach und Alte um

Aus Lust, aus Wut. Oder für Opium.
Sobald man außer Sicht ist, gibt es Streit.
Dieser zündet jenen an. Jener schreit.

Andreas Gryphius (1616–1664)
Menschliche Elende

Was sind wir Menschen doch? / Ein Wohnhauß grimmer Schmertzen
Ein Ball des falschen Glücks / ein Irrlicht diser Zeit.
Ein Schauplatz herber Angst / besetzt mit scharffem Leid /
Ein bald verschmeltzter Schnee und abgebrante Kertzen.

Diß Leben fleucht davon wie ein Geschwätz und Schertzen.
Die vor uns abgelegt des schwachen Leibes Kleid
Vnd in das Todten-Buch der grossen Sterblikeit
Längst eingeschriben sind / sind uns aus Sinn und Hertzen.

Gleich wie ein eitel Traum leicht aus der Acht hinfällt /
Vnd wie ein Strom verscheust / den keine Macht auffhält:
So muß auch unser Nahm / Lob / Ehr und Ruhm verschwinden /

Was itzund Athem holt / muß mit der Lufft entflihn /
Was nach uns kommen wird / wird uns ins Grab nachzihn
Was sag ich? wir vergehn wie Rauch von starcken Winden.

Tot. Zwei Gedichte.

Michelangelo Buonarroti (1475-1564)
Ich bin nicht tot

Qui vuol mie sorte c'anzi tempo i' dorma:
Nè son già morto: e ben c' albergo cangi,
resto in te vivo, c' or mi vedi e piangi;
se l'un nell' altro amante si trasforma.

Qui son morto creduto; e per conforto
del mondo vissi, e con mille alme in seno
di veri amanti: adunche, a venir meno,
per tormen' una sola non son morto.

...

Es sandte mir das Schicksal tiefen Schlaf.
Ich bin nicht tot, ich tauschte nur die Räume.
Ich leb in euch, ich geh in eure Träume,
da uns, die wir vereint, Verwandlung traf.

Ihr glaubt mich tot, doch dass die Welt ich tröste,
leb ich mit tausend Seelen dort, an diesem wunderbaren Ort,
im Herzen der Lieben. Nein, ich ging nicht fort,
Unsterblichkeit vom Tode mich erlöste.


Reinhard Rakow
An eine Tote


"Du bist nicht mehr": Ein Satz, unmöglich
Denn der er gilt, die Frau, ist tot.
Wer nicht mehr ist, kann nicht mehr hören
Er war einmal — was bleibt, ist unsre Not.

"Du lebst in uns": Ein Wunsch, vermessen
Da unser Wissen klüger ist.
Wer nicht mehr ist, wird nicht lebendig
Wieder. Er war einmal — wie sehr auch nun vermisst.

Ein Leben gibts. Und hinterher kein zweites.
Die Stunden, die es bringt: Gebrauch sie klug.
Der, die du liebst, gewähre Deine Zeiten
Verschwend sie ihr. Genug ist nie genug.

Was von ihr bleibt, ist das Bewahrte
In Deinem Geist. Und Bilder vorm Altar
Reliquien, Fragmente, Asservate ...
Reicht das als Trost? Sie aber ist nicht mehr. Sie war.

Reinhard Rakow
kindalied


hej onkel haste ne fluppe
ne fluppe fürn kleenes dreckskind
ne fluppe is jut jeen kälte
und jeen von den alten die schelte
und hülft vülleischt jegen den wind

der wind zieht voll durch die sachen
du denkst fast et schneidt dir ins fleesch
du denkst fast: wär jut jegen beulen
nen fett reichen opi zu keulen
und dir einzumummeln in sein kanapee.

der vladi hat mir abjezogen
wü ick vonner brücke ruff kam
der vladi hat ne püstole
und wenn ick ihm zu wenich hole
dann schnappt er sich eemd meinen jram:

dat jeld für de pommes mit majo
die sniekers vom amt und den schal
die tüte mit schrippen der wohlfahrt
den mantel, die dosis togal

der vladi hat mir abjezogen
der wind heult mir durch mein zeuch
die zeh´n sind schon blau und jefühllos
mein bauch sticht knurrt und bläht jroß
drum onkel vasteh doch ich bitt euch:

hej onkel haste ne fluppe
ne fluppe für een straßenkind
ne fluppe is jut jeen kälte
und jeen von den alten die schelte
und hilft vülleischt jegen den wind.

(Alfred Henschke) Klabund (1890-1928)

Sylvia

Sylvia
curucca
Zahme
Zaungrasmücke
Ich sperre dich
In einen Trauerweidenkäfig
Und sende dich
(Frachtgut Nachtgut)
Per Eisenbahn
Meiner Seele.
Zur Orientierung für die Bahnbeamten
Bring ich am Käfig ein Schild an:
Vorsicht! Nicht stürzen!
Lebender Vogel!
Nicht füttern! Ist versorgt!
Vor Zugluft schützen!
Ins Helle stellen!
Sylvia
curucca!


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