24 - 09 - 2021

Tag für Tag -- Der poetische Moment

Friedrich Rückert (1788-1866)
Nie stille steht die Zeit

Nie stille steht die Zeit, der Augenblick entschwebt,
Und den du nicht benutzt, den hast du nicht gelebt.
Und du auch stehst nie still, der gleiche bist du nimmer,
Und wer nicht besser wird, ist schon geworden schlimmer.
Wer einen Tag der Welt nicht nutzt, hat ihr geschadet,
Weil er versäumt, wozu ihn Gott mit Kraft begnadet.

Friedrich Rückert (1788-1866)
Nun ist das Licht im Steigen

Nun ist das Licht im Steigen,
Es geht ins neue Jahr.
Lass deinen Mut nicht neigen,
Es bleibt nicht, wie es war.
So schwer zu sein, ist eigen
Im Anfang immerdar,
Am Ende wird sich's zeigen,
Wozu das Ganze war.
Nicht zage gleich dem Feigen
Und klag' in der Gefahr!
Schwing auf zum Sonnenreigen
Dich schweigend wie der Aar!
Und wenn du kannst nicht schweigen,
So klage schön und klar!

Reinhard Rakow
Sylvesterblatt

Und in der Zeitung steht geschrieben
Von dem was war im letzten Jahr
Wer wen wie vor sich her getrieben
Wo Monster nach dem Urteil blieben
An wem Kritiker sich rieben
Zu welcher Zuschauer Belieben
Zwei bildeten ein Paar

In Anzeigen wünscht man viel Gutes
Besonders dem, von dem man will
Dass er viel kauf´ und frohen Mutes
Schlechtes vergess´ und schweiget still

Still schweigen auch die Redakteure
Sie sind zum Schweigen angestellt
Als Feigenblatt das ehern schwöre
Stets zu verbergen wirklich Welt

In ihren tollen Fotoreigen
Lächeln die Schönen voller Huld
Die Zeitungstexte aber schweigen
Zu Geld und Macht und Macht und Schuld

Die Nachrichten, vorwiegend heiter
Gelten dem Schnee, mehr noch dem Sekt
Dem Feuerwerk, ´nem Glückesreiter
Und wann er wohl in welcher steckt

Die Katastrophen sind heut´ feiner
Und farbenfroh illuminiert
Todesnachrichten fallen kleiner
Die Jubelbotschaft dominiert

Die bunten Bildchen werden bunter
Die fetten Zeilen nehmen zu
Mit dem Niveau gehts weiter runter
Und mit dem Bouleveard aufs Du

Schau in der Zeitung steht geschrieben
Was kommen soll im nächsten Jahr
Wo Böller bei Nordwest-Wind stieben
Und wie es wird mit niedern Trieben
Und ist, vor Kam´ras sich zu lieben
Nach dem Gewinn der richt´gen Sieben... —
Nicht aber: Was man schreibt nach wes Belieben
Nicht: Dass es was es war geblieben
Nicht: Dass was kommen soll längst war.

2007

Reinhard Rakow
Das war das Jahr

Das war das Jahr. War wieder voll von Morden
Katastrophen, Wundertaten, Jubel- auch und Trauertagen
Menschen ohne Hab und Güter, Männern in gestärkten Kragen
Die gelangweilt Gelder zählen, die sie hinterzogen haben
Vor dem Zugriff des Finanzamts, derweil sich an Kursen laben
Kriegsgeräteproduzenten aus der Reichen Welt, dem Norden.

Das war das Jahr. War wieder voll von Schwaden
Aus Kühlregistern, Auspuffrohren, Schornsteinschloten
Bränden, die Urwälder fraßen, da sie hoch zum Himmel lohten
Der, in seiner Haut durchlöchert, nicht mehr spannen mag den Bogen
Über Pole, zwischen denen unbelehrbar sich vermehrend Menschen wogen
Gleich der Flut, die stetig ansteigt und bedroht des Lebens Faden.

Das war das Jahr. Ein Jahr wieder für die Annalen
Als Zahlenpunkt auf einer Reihe gegen Endlich
Ein Jahr vertaner Chancen, unverständlich
Den Fehler mit dem Fehler trumpfend
Das dumpfe Menschentum abstumpfend
Gegen den Niedergang und seine Qualen.

2007/08

Heinrich Hoffmann von Fallersleben (1798-1874)
Neujahrslied

Das alte Jahr vergangen ist,
Das neue Jahr beginnt.
Wir danken Gott zu dieser Frist,
Wohl uns, dass wir noch sind!
Wir sehn aufs alte Jahr zurück
Und haben neuen Mut:
Ein neues Jahr, ein neues Glück!
Die Zeit ist immer gut.

Ja, keine Zeit war jemals schlecht:
In jeder lebet fort
Gefühl für Wahrheit, Ehr' und Recht
Und für ein freies Wort.
Hinweg mit allem Weh und Ach!
Hinweg mit allem Leid!
Wir selbst sind Glück und Ungemach,
Wir selber sind die Zeit.

Und machen wir uns froh und gut,
Ist froh und gut die Zeit
Und gibt uns Kraft und frohen Mut
Bei jedem neuen Leid.
Und was einmal die Zeit gebracht,
Das nimmt sie wieder hin -
Drum haben wir bei Tag und Nacht
Auch immer frohen Sinn.

Und weil die Zeit nur vorwärts will,
So schreiten vorwärts wir;
Die Zeit gebeut, nie stehn wir still,
Wir schreiten fort mit ihr.
Ein neues Jahr, ein neues Glück!
Wir ziehen froh hinein,
Denn vorwärts! vorwärts! nie zurück!
Soll unsre Losung sein.

Theodor Fontane  (1819-1898)
Und wieder hier draußen ein neues Jahr ...

Und wieder hier draußen ein neues Jahr -
Was werden die Tage bringen?!
Wird's werden, wie es immer war,
Halb scheitern, halb gelingen?

Wird's fördern das, worauf ich gebaut,
Oder vollends es verderben?
Gleichviel, was es im Kessel braut,
Nur wünsch' ich nicht zu sterben.

Ich möchte noch wieder im Vaterland
Die Gläser klingen lassen,
Und wieder noch des Freundes Hand
Im Einverständnis fassen.

Ich möchte noch wirken und schaffen und tun
Und atmen eine Weile,
Denn um im Grabe auszuruhn,
Hat's nimmer Not noch Eile.

Ich möchte leben, bis all dies Glühn
Rücklässt einen leuchtenden Funken
Und nicht vergeht wie die Flamm' im Kamin,
Die eben zu Asche gesunken.

Reinhard Rakow
blind date

wenn er nicht mehr
weiter wusste wähl~

te er ihre nummer
natürlich

war sie nicht
da um diese zeit

aber der anruf~
beantworter

lief mit geschlossenen
augen hörte er ihre

stimme piepsig noch
dünner als sonst

wie sie eierte
hinter hell~

grauem rauschen
rührte ihn an

beziehungsweise
musste er lächeln

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