15 - 12 - 2017

14. April 2017

Georg Büchner (1813 - 1837)
Der Hessische Landbote
Erste Botschaft

Darmstadt, im Juli 1834
Vorbericht

Dieses Blatt soll dem hessischen Lande
die Wahrheit melden,
aber wer die Wahrheit sagt, wird gehenkt,
ja sogar der, welcher die Wahrheit liest,
wird durch meineidige Richter vielleicht gestraft.
Darum haben die, welchen dies Blatt zukommt,
folgendes zu beobachten:

Sie müssen das Blatt sorgfältig
außerhalb ihres Hauses
vor der Polizei verwahren;

sie dürfen es nur an treue Freunde mitteilen;
denen, welche sie nicht trauen, wie sich selbst,
dürfen sie es nur heimlich hinterlegen;

würde das Blatt dennoch
bei Einem gefunden, der es gelesen hat,
so muß er gestehen, daß er es eben
dem Kreisrat habe bringen wollen;

wer das Blatt nicht gelesen hat,
wenn man es bei ihm findet,
der ist natürlich ohne Schuld.

Friede den Hütten! Krieg den Palästen!

Im Jahr 1834 sieht es aus, als würde die Bibel Lügen gestraft.
Es sieht aus, als hätte Gott die Bauern und Handwerker
am 5ten Tage,
und die Fürsten und Vornehmen am 6ten gemacht,
und als hätte der Herr zu diesen gesagt:

Herrschet über alles Getier, das auf Erden kriecht,
und hätte die Bauern und Bürger zum Gewürm gezählt.

Das Leben der Vornehmen ist ein langer Sonntag,
sie wohnen in schönen Häusern,
sie tragen zierliche Kleider,
sie haben feiste Gesichter
und reden eine eigne Sprache;

das Volk aber liegt vor ihnen wie Dünger auf dem Acker.
Der Bauer geht hinter dem Pflug
und treibt ihn mit den Ochsen am Pflug,
er nimmt das Korn und läßt ihm die Stoppeln.

Das Leben des Bauern ist ein langer Werktag;
Fremde verzehren seine Äcker vor seinen Augen,
sein Leib ist eine Schwiele,
sein Schweiß ist das Salz
auf dem Tische des Vornehmen.