24 - 10 - 2021

22. Juli 2012

Arthur Rimbaud (1854-1891)

Erster Abend

Sie hatte nicht mehr viel am Leibe.
Ein großer, frecher Baum, der hing
Mit allen Blättern an der Scheibe,
So nah, so nah, wie's eben ging.

Sie faltete, halb nackt, die Hände
Und schmiegte sich im Sessel ein.
In süßem Schauder schwang behende
Ihr kleiner Fuß, so fein, so fein.

- Ich sah die Zweige sich beleben
Und einen kleinen Strahl vergnügt
Ihr Lächeln, ihre Brust umschweben, —
Ein Bienchen, das um Rosen fliegt.

- Ich küßte ihre zarten Füße.
Sie lachte perlend und brutal
In klaren Trillern voller Süße
Ein hübsches Lachen aus Kristall.

Die kleinen Füße, sie entflohen
Rasch unter's Hemd: "Ich werd dir gleich...!"
- Doch konnte dieses Lachen drohen,
Da mir verziehn der erste Streich?

— Mit einem Kusse konnt ich finden
Ihr Augenlid, das pulsend schlug:
- Verschmitzt warf sie den Kopf nach hinten:
"Na, jetzt ist's aber wohl genug!...

Mein Freund, ich muß dir eines sagen..."
— Ich warf den Rest in ihre Brust
Mit einem Kuß, der ohne Zagen
Sie lachen ließ mit guter Lust.

— Sie hatte nicht mehr viel am Leibe.
Ein großer, frecher Baum, der hing
Mit allen Blättern an der Scheibe
So nah, so nah, wie's eben ging.

(1870)

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