11 - 12 - 2018

7. April 2017

Reinhard Rakow

aus: Schloss LebensWert

 

Und es gab Träume, in denen er ahnte, dereinst Zeuge zu werden des Sterbens von einem Mann, der liegen würde in lichtlosem Licht, hingestreckt wie ein Kalb auf der Schlachtbank, die Füße weisend ins Nichts, zu ihm den blutenden Schädel... Was unterschied das Betonblutgesickere auf dem Boden, das Gerinnsel dort an der Wand von einem Wurzelsystem — Pfähle hier, Flachwurzler da —, was das flächendeckend umarmende Suppen einer brüchig gewordenen Ader, die riss, vom deliranten Deltagewirr, das, gefüllt mit der erdigen Brühe über die Ufer getretener Flüsse, die Niederungen heimsuchte wie apokalyptischer Tau am Vorabend der Endzeit? Astrale, Fraktale, Entscheidungsbäume, Seelenlandschaftskartogramme... Er nahm all das wahr von außen, analysierend mit der leidenschaftslosen Kälte des Naturwissenschaftlers, die er zu seinen Vorzügen zu zählen geneigt war, doch zugleich mit der Obacht der zuwendenden Wärme eines Menschen, dessen Innres voll von Musik ist; auch, dass er beobachtete und analysierte, nahm er wahr von irgendwo draußen, und war doch in gewisser Weise selbst... Bestandteil... dieses Draußen... aufgesogen von, -gelöst in der Tiefe des Nichts, das ihn, da er es suchte, umgab... so dass, wenn die Leere vorbei war, erschöpft, er bisweilen noch längere Zeit, während der der Automatismus seiner Beine und Füße ihn kilometerweit fort tragen konnte, der Frage nachhing, ob er denn überhaupt sei... noch sei... In solchen Momenten war alles Landschaft in ihm (in mir wachsen disteln auf steinigen wegen/ staub felder geröll verbrannte sandkörner/...)... die steppen der träume mit den horizonten/ fleischfarben so weit so weit und so eben/... Und... gab es Seen, die ihm von weitem aussahen, als seien sie Land, bedeckt von schwimmenden Inseln, beigebraun oder grün, die Form und Farbe ändern im Wind, ein Teppich, amorph wie Amöben... Und es gab Teppiche dort, beige, braun, ocker, grün, mit ungleich hoch weichen Schlingen... Und das goldene Vlies weicher Härchen am Ufer... das Schimmers vom Grunde... des Lippenschlusses dunkles Gekrös zärtlich zu öffnen im tastenden Atem der Zunge... Sich fallen zu lassen... mäandern... Mäandernd... zu treiben... gleich dem Wasser, das Wege wählt unbewusst, Steinchen bewegt, Geröll sanft umspült, verschiebt, hierhin bewegt oder dort, drückt, rückt, verschiebt, murmelnd an Hand nimmt und wieder und wieder, unaufgeregt, in nicht nachlassend ruhiger Gebärde, Tag für Tag, Jahr für Jahr, hundert Jahr lang und mehr dem Pfad des aus sich bestimmenden Treibens nachfolgt, der Neues aufzeigt, indem er ist, Schwünge wirft, neu geborne, Schlingen kürzt, findet, erfindet, verzweigt. Beharrlich lassen die Wässer sich treiben, beharrlich suchen sie sich ihren Weg, einen, der ihnen genehm scheint, den des geringsten Widerstandes. Finden ihn schließlich, in aller Geduld, durch Zufall, mit der Kraft der Gewissheit, ein Ziel doch zu finden, irgendwo, irgendwann... Irgendwann liegen die Steine an neuer Stelle. Der Fluss war ein andrer geworden... Er hatte sein Gesicht verändert, indem er sich treiben ließ, treiben, einfach willenlos treiben, und als kein Geröll mehr ihn zwängte und lag, dass es passte, war alles gut und er wurde ruhig und sein Spiegel starr, unbewegt, und warf majestätisch dem Himmel das lautlose Blau der schrecklichen Ferne zurück. Peeh! Hallo, Peeh, alles in Ordnung?, Aber ja doch, wieso?... —

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