11 - 12 - 2018

6. April 2017

Reinhard Rakow

aus: "Schloss LebensWert"

Das Blau und die Stille... sie waren Geschwister... die sich bei der Hand nahmen... auf der Suche nach Orten der Ferne... Es konnte ein Sumpf sein, in Nebel gepackt, der, wo er hell wird und glänzt, auf einen See weist, der, mit Wolken vermählt, die ihn küssen, ein Paar Odinshühner fortträgt, korkleicht, verlorne Punkte wie Fetzen vom Torf, den er spült, unter dem sturztrunkenen Flug schrapnelllachender Bekassinen... Es konnte ein Steg sein bei Tagesanbruch, vier Uhr früh, von dem aus nah schien, was fern, und jenes stets näher rückte in der Umkehr der Zeit, die noch blieb, bis aus unwirklichem Licht Klumpen, belebte, sich schälten, schwarz und schweigend zunächst, den dunkleren Ecken entborgen, allmählich erweckt im lärmenden Tschilp blauer Kehlen, gefiedert, einander zum Tanze... Es konnte ein Schneefeld sein im wechselnden Spiel tiefer Wolken... sie trieben vorbei an der Sonne, die stand, unverrückbar wie Berge, das Band, vulgo: der Himmel, es lief, lief, lief schnell, schneller und stumm, dahinter stand einer, ders drehte, drehte, hui! drehte... dieses... Kintoppmosaik aus weiß, blau, felsgrauen  Flusen, der ihm zusah beim Bilder Werfen aufs Feld, schwarzweiß gescheckt, warn sie bald hier, bald an jenem Fleck, oh, in grandiosen Formen!... monströs oder ein Gnom, Wotan oder zwölf Elfen, Rorschach, Schattenriss, Projexionen des Lebens des Drehers des Bands, der kalt schwieg dabei, stumm, sonnenbrandig...  Traumbilder, bewegt, Traumgesichter des Oben nach unten, mit Runzeln und Wülsten aus Schatten gespenstischen Schnitts, die einander bejagten maulfaul, ohne Laut, als seien sie, von Seitenstechen geplagt, durch den Taumel des Marsches bestimmt, außerstande, auch ein Wort nur zu verliern, oder irgendwas andres zu tun als sich nachzueilen behende... immer weiter... immer weiter... dass sich das Glitzern des Eises verlor auf gebackenem Schnee... und das schofle Schlammgrün stumpfer Gräser... und das Weiß des Gefieders, das Schutz suchte am Grund... und der Dampf der Rentierherden... die´s zum Horizont zog... unterwegs in die Leere der Räume... ... ins Schweigen... Es konnte ein Hügel sein in der rauen Hochebne des Südens, der den Blick fliegen ließ frei über das samtene Tuch, das, kunstvoll marmoriert, alles erhaben bedeckte mit dem weichen Velours müder Blätter, Moose und Flechten... Mitunter schwebte er über dem Land... unter sich das Blau des Himmels, das, eingetopft, konzentriert in den Betten der Schlingen und Schleifen, die eisige Vorzeit in den Fels radiert, seinen Blick zurückwarf eiskalt, doch strahlend, wie ein Saphir, todesverachtend, des eignen Wertes bewusst, als ermesse es genau jene Kraft, mit der es sich in den Stein fraß im Fließen der Zeit, als wisse es um seinen Vorsprung an Erkenntnis... Das Geäder der Wässer durchzog den stummen Körper des Landes und all seine Organe, oft schien es ihm, das Blau, das, gefangen im Geäst der Flüsse, Flüsschen und Bäche, der Seit- und Altarme, der neu erschaffenen und alt sterbenden Seen, still in sich tobte, mache den wirklichen Körper des Landes aus, der umgebende Boden indes bilde bloß Beiwerk... Ein Keller fiel ihm ein, der vor langer Zeit — ihre Dauer vermochte er nicht einzuschätzen, sie war in diesem Zusammenhang ohne Bedeutung — seine kindlichen Träume besetzte. Das Haus, zu dem der Keller gehörte, war ihm nicht erinnerlich, doch stand, weil es dort keinen Keller gab, für ihn zweifelsfrei fest, dass es sich um nicht sein Elternhaus gehandelt haben konnte... Man betrat den Keller durch eine Tür, deren Außenseite ihm so wenig vertraut war wie das Haus; von innen offenbarte sie sich als ein Verbund von breiten, ungestrichenen Bohlen aus Holz, drei oder vieren, mittels Z-förmig angeordneter Bänder aus rostigem Eisen zusammengehalten von schmiedeeisernen Stiften, vormals nachtblau, deren uneben platten Wulstköpfe verrieten, mit welcher Wucht der Hammer sie einst ins frischhelle Eichenholz trieb; jetzt aber war das Holz schwarz wie ein Sarg, doch immer noch schwer, und die Tür fiel krachend ins Schloss, er wusste nicht einmal mehr, ob sie von innen eine Klinke besaß, mit der man sie hätte öffnen können zur Not... Es war wohl keine Treppe aus Beton... oder Stein... vermutlich bestanden Wangen und Stufen aus den selben sargschwarzen Brettern wie die Tür, und vermutlich wies ihre Maserung dieselben tiefen Furchen auf... Die Treppe, steil und schmal wie eine Hühnerleiter, fiel nach unten, eingefangen zwischen einer Außenmauer zur Linken und einer Innenmauer rechts; geradeaus konnte man über einen wenige Schritte messenden Zwischenflur in einen Raum gelangen, von dem er nur wusste, dass er türlos zu betreten war... Das klandestine Dunkel jenseits der Schattengrenze stand ihm mit jedem Erinnern neu zum Greifen nahe, doch folgte er stets dem fahlen Lichtschein, der aus dem Türloch zur Rechten fiel und den Estrich am Fuße der Treppe ausleuchtete... Es war ein nackter Raum, der ihn, wann immer er zögernd einfußte, abweisend empfing, mit nacktem Mörtel auf allen sechs Flächen der Decke, der Wände, des Bodens, ein Glattputz, der, bläulich schimmernd, teils speckig, den Anschein technischer Perfektion und handwerklicher Vollkommenheit erweckte zunächst... solang der Blick schweifte... schweifte auf der wie zwanghaft immer neu beginnenden Suche nach der Quelle des Lichts, die er dennoch nie fand... Es mußte eine Neonröhre sein... die leicht flackerte... Wenn er den Atem anhielt... und seinem Herzen befahl, weniger laut, weniger störend zu klopfen... war ihm, er könne... das sonore Summen ihres Starters ganz nah über sich hören... oder neben sich... Sie musste sich im vorderen, ihn unmittelbar umgebenden Teil des Raumes befinden, denn weiter nach hinten nahm der Grad der Ausleuchtung deutlich ab, sodass er die Tiefe der Flucht nicht weit genug zuverlässig abzuschätzen vermochte; er erinnerte sich, dass ihn immer wieder die Vorstellung streifte, der Raum könne nach hinten...  gar keine Grenze haben... und dass die Einbildung, von etwas Körperlosem gestreift zu werden, ihm wieder entfiel... sobald er realisierte, dass er bereits während seines letzten Besuches vergeblich der Lichtquelle nachgespürt hatte... und dass er darüber nachdachte, warum er sie noch immer nicht fand... und dass er sie schon wieder suchte... und dass auch diese neue Suche erfolglos bleiben würde... Zweifellos war es hier, vorne, bei ihm, heller als zum hinteren Teil. Die Helligkeit kam besonders dem Boden zugute und der Wand, die an den Treppenschacht grenzte, weniger der Decke, kaum der Tiefe des Raumes... Sie war hilfreich... etwa... bei der Untersuchung der Muster, die das Anmachwasser, vom Beton ausgeschwitzt, während der Brei aus nassem Sand und Zement nach unten sackte, zurück gelassen hatte, wolkenbauchig, grau in grau, in weiten, farblosen, statischen Schwüngen, ein ungrüner Urwald von oben, eine unscharfe Landkarte aus erhabenem All, Satellitenblick, Mindmap, Mäander... Erst jetzt, bei seinem Versuch, dem Licht auf die Schliche zu kommen, nahm er die Zeichnungen wahr... und das Puder, das in fragilen Rändern den Wolken Kontur gab, oder sie, wo die Brühe in einer Delle länger verweilt haben musste, hauchzart überzog, kalkweiß, wenn auch anverderbt durch einen Stich hin ins Rötlichbraun der lehmigen Erde, die das Lager umgab, dem man die Sande entnommen... und die Risse... die Risse... die haarfeinen Risse im harten Beton, in sich ungleich gezackt, von unkalkulierbarer Länge und Biegung... Ihr Verlauf war nicht verfolgbar für ihn... Sie entsprangen wo immer, verzweigten sich, verzweigten sich wieder und wieder, beschrieben Gerade ein Stück, Kurven, Zacken, zitternde Linien, brachen hier ab, dort wieder auf, endeten wo auch immer oder auch nicht... Eine Quelle, ein zentrales Organ der Steuerung schien ihnen zu fehlen, desgleichen ein Ziel, dem sie zuarbeiteten, ein Meer, dem sie zuflössen, und doch hatten sie, indem ihr Gespinst den sichtbaren Boden weithin überzog, diesen so sicher im Griff wie die Tentakel des Kraken die Beute, denn es konnte keinem Zweifel unterliegen, dass ihr Zusammenwirken, sollten sie auch nur ein wenig zunehmen an Eindringtiefe, dessen Substanz gefährden, ja pulverisieren könnte... nein: würde... Manche seiner Träume, es waren die er am liebsten floh, gewährten ihm Einblick in das Szenario der Betonhaut, wie sie rostwässrig riss, o Haut voll Blut und Wunden: Zu Beginn fällt in seinen Blick ein einzelner rotbrauner Fleck, ein Fleckchen, ein Punkt, sommersprossig oxid, vielleicht in einem Knie eines vielgezackten Flussrisses, stecknadelkopfgroß, feucht schimmernd, und während er sich noch fragt, wie das sein könne, woher denn die Nässe käme, nie zuvor hätte er hier Nässe bemerkt, schwitzt der Riss daneben einen ebensolchen ersten Tropfen heraus tizianrot und der daneben auch und ist die Stecknadel längst zu einem Streichholz geworden und der Streichholzkopf zu einem Daumnagel, aus dem es hervorsuppt, –quillt, -quatscht, -matscht und -drängt: rostrotes Wasser, Erdenstaubblut, das das Eisen der Knochen zersetzte, raus will, hervor bricht aus morschen alten Gefäßen, sich Bahn sucht, verlangsamt, verharrt, sich tot läuft unbewegt in Dendriten... Manchmal träumts ihm, dabei zu sein, wie die Wand zu bluten beginnt... aus den Löchern, die die geschmiedeten Spitzen der schwarzblauen Plattköpfe schlugen... durchs Skelett und Fleisch einer wehrlosen Hand... Das Blut läuft dünn an den Wänden herab zu dem Boden, ders willig aufnimmt in sein System der Rinnsal-, Mäander-adern...

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