11 - 12 - 2018

5. April 2017

Reinhard Rakow

aus "Schloss LebensWert"

An manchen Standorten beherrschen sie Fjellen mit dichten, gelb schimmernden Fellen, einem Flausch, der fußhoch wird und weich ist und trocken, ein kuschliger Teppich, der Stein überzieht und nach Sternen klingt und nach Fabeln mit Namen, die tönen: cladonia stellaris, alectoria cetraria nivalis, die cucullata, cornicularia, dann die pinastri, und die nivalis, Leptogia, Tholurna, Calicium adspersum, Leicolea gilmanii, Umbilicaria und Ramalina, Ochrolechia, Pyrenula, Syphula, Syphula... Noch bevor er sie kennen lernte, sie und die Physconia und die Physciopsis, die Buellia und die Dimelaena, die Xanthorien und die Fulgensien und all die andren weit auf der Welt, verliebte er sich in den Sirenengesang ihrer Namen, verzückte ihn betörender Duft der Vokale, das U und das A der Cucullata, er stellte sich, ohne auch nur eine ungefähre Kenntnis der Wirklichkeiten zu haben, vor, wie ihren Silben die Salzluft der Meere entströmte, wie, den Weg die See entlang nehmend, vorbei an der Brandung, dem Rauschen und Murmeln der ewigen Fluten, die Luft und das Salz, Luft, Luft und das Salz, cu~ cu~ llata, sich entgegen stemmten, ihm widerstanden in brausenden Brisen, Widerpart boten dem Schmatzen der Schwarzgummistiefel, die, vorwärts sich kämpfend, unsicher Halt suchten auf schlüpfrigem Grund, Halt in Luft und Salz, die sein Ölzeug durchdrangen, ihn heftig auspeitschten, Luft und Salz, die ihm die Augen zu zwangen und die Lippen gekniffen und den Schädel gebeugt... Oder ochroleuca... es klang ihm... nach Heu... dem späten... dem Herbstheu aus Kindertagen... und roch würzig nach Spätsommerblüten... und fühlte sich kross an wie sonst nur das Krummet aus altadligem Gras, das die Junimahd klug überstanden... ohne dass er anzugeben vermochte, was die Verknüpfung auslöste: war es der Diphthong? Oder war es doch vielmehr die Form der Girlanden, zu denen die Laute sich wanden, sich fanden, och~ro~lo~i~ca, schwankend und zitternd Spiralen ausbildend, andeutend wie saftige Halme, denen, das Wasser entzogen, Halt fehlte und Frische? Oder das schnaubende och... das schnarchende chr... das röchelnde rro...? Das rotbraune Brummen aus den massigen Leibern gesättigter Kühe, die, wenn sie wiederkäuten, pausierten und träumten, hingestreckt auf seligen Wiesen? Wiewohl mit der Gnade synästhetischer Wahrnehmung nicht ansatzweise begabt, kam es vor, dass Wortmelodien Reize gebaren in ihm, die all seine Sinne ansprachen. Eine Brieffreundin fiel ihm ein aus der Zeit der knospenden Lust auf fremdartige Körper, sie hieß Veronika, Veronika Güldena, Erkelenz... veeroo / nikaa gülden aa/ erke lenz... die bloße Befassung mit dem Klang dieser Namen, ihrem Takt, ihrem Rhythmus, dem Schmelz ihres Melos beim Verlassen von Zunge, Zähnen und Lippen ließ Sinfonien erklingen, Bilder erstrahlen, taktile Gefühle entstehen in ihm... der Zärtlichkeit... zu einem ätherischen Wesen, das blond war, zerbrechlich und freundlich... Lange bevor sie sich zum ersten Mal trafen, träumte er ihren Namen, ihr Grübchen im Kinn, blaue Augen, den offenen Blick, und die Lockenspiralen, die golden ihr Lachen umkränzten... Er~ ke~ lenz... der Begriff hatte ihm ihre Locken verraten... er wußte nichts von diesem Ort, nicht, wo er lag, nicht, auf welche Weise dort die Sonne die Dächer beschien, nicht, wie weit der Regen, wenn er das Land überzog, diesen Schein herunter zu dimmen vermochte, nicht wie die Äcker rochen, danach... nur, dass sie dort wohnte und Locken lachte, das wußte er wohl... Korkenzieherlocken, feinste Härchen aus Krummet... mußten es sein... in Erkelenz... Er~ ke~ lenz... und ihr Name... Vero~ ni~ ka... Ve~ ro~ nika... Veronika, der Lenz ist da... Veronika Gü~ l~dena... natürlich... den güldenen Frühling in ihrem Gemüt... und süße Grübchen in den Brustrosen... und das geheimnisvolle, nachtschwarze A, das sich abends fortstahl aus Arture Rimbauds Sonettsuade auf die Vokale, schwang mit, viel versprechend, als Ausklang... — Zu der empathischen Neugierde, die die lateinischen Bezeichnungen evozierten, gesellten sich alsbald Gerüche und Bilder von sandigen Böden, steinigen Heiden, karstgen Gebirgen, die Flechtenmatten Heim gaben in unerhörtesten Tönen, altrötlich, pastellgrün, nepalgelb, lebend leuchtgrau, vibrierend tiefschwarz, er las Bestimmungsbücher wie andre Gedichte (Die wenigen strauchförmigen Arten/ sind Erd- und Gesteinsbewohner.// Die knorpligen Äste sind meist reich verzweigt [mei~st/ rei~ch/ verzwei~gt, summte er]/ Die Gattung ist voll/ hetrogener Gebilde.// Die Arten sind sehr/ schwer/ voneinander zu scheiden/ und mit Alocteria/ leicht zu verwechseln// Thallus graubraun oder bläulich/ aus krausen Kleinblättchen. Auffällig// die großen Apothecien endständig/ die an ihrem Rand mit einem Kranz [an ihrem Rand/ mit einem Kranz... ]// beigebrauner Blättchen besetzt sind//), und spätestens seit er erfuhr, dass sie bestanden aus zwei ungleichen Partnern, Algen und Pilzen, die die Hände sich reichten, um zu bestehen, packte es ihn und nahms keinen Wunder, dass er Ja sagte, als man an der Uni Teilnehmer suchte, statistisch bewandert, für Forschungsreisen in Sachen Flechten. —

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