15 - 12 - 2017

Deutsches Blut und Lebensquell, Burschenschaft und Bürgerrecht — Zur Gründung des "Lebensborn e.V". am 12. Dezember 1935

Deutsches Blut und Lebensquell, Burschenschaft und Bürgerrecht — Zur Gründung des Lebensborn e.V. am 12. Dezember 1935

Am 12. Dezember 1935 gründete sich in Berlin der Verein "Lebensborn". Die Gründung wurde veranlasst durch Heinrich Himmler, Reichsführer SS und Chef der Deutschen Polizei, der dem Verein auch als Präsident vorstand. Ziel des Vereins war die Steigerung der Rate von Arier-Geburten zwecks Rettung der angeblichen bedrohten "nordischen Rasse" und zugleich zur Verbesserung der Rassehygiene. Hierzu propagierte "Lebensborn" die auch außereheliche Zeugung arischer Kinder durch SS-Angehörige mit arischen Frauen, die "Heimholung" arischer Kinder aus besetzten Territorien und deren anschließende Vermittlung zur Adoption durch deutsche Arier sowie im Bedarfsfall die Eliminierung missglückter Zuchterfolge, also der umgehenden Ausmerzung behindert zur Welt gekommener Kinder.

Finanziert im wesentlich durch Zwangsbeiträge der Angehörigen der SS, die noch keine vier Kinder gezeugt hatten, unterhielt "Lebensborn" Heime, in denen Mütter entbinden und ihre Kleinkinder bis zu deren Vermittlung betreuen lassen konnten. Zunächst fokussiert auf die Vermeidung von Abtreibungen lediger Schwangerer, betrieb "Lebensborn" zunehmend offensiv die Förderung von "Arier-Zeugungen" und die "Eindeutschung" von als arisch oder arisierbar geltenden Kindern — arisches Aussehen, blond, blauäugig —, um die durch den Krieg auflaufenden Einbußen an arischem Volkskern auszugleichen.

Gerade im Krieg waren die Lebensborn-Heime bei ledigen Schwangeren überaus beliebt, lagen sie doch fernab der eigenen Heimatorte in ländlicher, von feindlichen Bombern nicht bedrohter Umgebung, boten Nahrung und Kleidung und oft auch ein Unterkommen nach der Entbindung; überdies regelte "Lebensborn" Formalitäten des Geburtsregisters und der Adoption so elegant, dass die Verwandten zuhause im Idealfall nichts bemerkten. Frauen, die diese und andere "Lebensborn"-Wohltaten in Anspruch nehmen wollten, mussten bestimmte gesundheitliche und vor allem rassische Vorraussetzungen erfüllen; hierzu hatten sie insbesondere — wie schon zuvor die SS-Begatter — den „Großen Abstammungsnachweis", vulgo „Ariernachweis", vorzulegen als Dokumentenbeweis arischer Vorfahrenschaft.

Der "Ariernachweis", ein Instrument zur Ausgrenzung von Nichtariern auf der Grundlage der nationalsozialistischen Rassegesetze, namentlich des bereits 1933 in Kraft getretenen „Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums", setzte für Staats- und Kommunalbedienstete, Richter, Ärzte und Schüler höherer Schulen die Vorlage der Geburtsurkunden des Betroffenen, seiner Eltern und derer Eltern ("kleiner Ariernachweis") voraus.  Wer den Nachweis nicht erbringen konnte, wurde nicht eingestellt, verlor seine Stelle, seinen Beruf, flog aus der Schule. Auch dank willfährig reibungsloser Kooperation der die meisten Abstammungsdokumente führenden Kirchen leistete das Verfahren einen wesentlichen Beitrag zur "Entjudung" von Staat und Gesellschaft.

Von Mitgliedern der NSDAP (und der SS und den von Lebensborn Begünstigten) musste die arische Abstammung zurück bis 1800, bei höheren Rängen sogar bis 1750, urkundlich belegt werden ("großer Ariernachweis").

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Was einem aufgeklärten kosmopolitisch denkenden Geist heute in den Ohren klingen mag wie Fürze aus Hirnen sinistrer Monstren oder wie Schauermärchen aus graubrauner Vorzeit, feiert, man fasst es nicht, derzeit fröhliche Urständ. Burschenschaften nehmen, schlimm genug, traditionell nur Deutsche auf. Weil nun eine "liberal" geltende Burschenschaft einen zwar Deutschen (in Deutschland geboren, deutscher Pass, gedient in der Bundeswehr, des Fechtens fähig), doch Sohn asiatischer Eltern und also ausgestattet mit asiatischen Gesichtszügen, aufzunehmen wagte, entbrannte im Rund des Dachverbands der Deutschen Burschenschaften ein erbitterterter Streit, befeuert von Forderungen der als weniger liberal geltenden Vereinigungen, die Liberalen auszuschließen und fürderhin die Mitgliedschaft nicht nur am deutschen Pass, sondern an einem Abstammungsnachweis auszurichten. Nachzuweisen sei, dass die familiären Wurzeln in Mitteleuropa lägen; ein Ausschuss habe in Zweifelsfällen über den Anteil arischen Bluts im jeweiligen Antragsteller zu befinden. "Nichteuropäische Gesichts- und Körpermorphologie" etwa indiziere eine nicht-deutsche Abstammung und müsse zur Ablehnung eines Eintrittwilligen führen.

Zwar ist der Streit um den "Ariernachweis" für Neu-Burschen noch nicht entschieden, denn die diesbezüglich widerstreitenden Anträge wurden rechtzeitig vor dem Stuttgarter Sonder-Burschentag im November zurückgezogen. Und doch sind sich Beobachter über einen Rechtsruck der Burschenschaften einig: "Rechtsextreme triumphieren in Stuttgart", schrieb Spiegel Online, und auch Alexandra Kurth, Politologin an der Uni Gießen, sieht die Burschenschaften auf einem gefährlichen Rechtskurs, sie hätten sich von wichtigen Aspekten des Grundgesetzes verabschiedet (Deutschlandfunk). Diese Urteile gründen sich maßgeblich darauf, dass die Tagungs-Teilnehmer mehrheitlich die österreichische Wiener Teutonia für 2013 mit dem Vorsitz betrauten, eine (am Rande: außerhalb unseres Grundgesetzes stehende) Vereinigung, die "das mannhafte Eintreten für unsere Heimat und unser Volk" sowie "die Pflege von heimatlichem Brauchtum, völkischem Wesen und traditionellem studentischen Leben" im Schilde führt und in Österreich wiederholt durch allerlei rechtslastige Provokationen auffiel. Den aktuellen Streit um den "Abstammungsnachweis" versucht die Fraktion der Strammen derweil herunterzuspielen. Mit Rassenhetze habe all das nicht das Geringste zu tun,  heißt es in ostentativer Blauaäugigkeit, denn man orientiere sich doch bloß am deutschen Staatsbürgerrecht.

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Zwei Fragen drängen sich auf: Wie reagiert der Verfassungsschutz? Hat er die Gefährlichkeit brauner Soße in Akademikerhirnen erkannt? Ist seinen Verantwortlichen klar, was Akademiker "mannhaft-völkischer" Denkungsart, zumal wenn sie dereinst wesentliche Positionen in Staat und Gesellschaft besetzen, einer Demokratie antun? Werden die Vereinigungen beobachtet und wenn ja wie? Wie wird mit Personen verfahren, die etwa für die Erforderlichkeit von "Abstammungsnachweise" eintreten oder sich sonst in bestimmte Rassen ausgrenzender Weise äußern? Warum sind Diskurse über die Rechtsneigung bestimmter Burschenschaften bisher nur Sache liberaler und linker Feuilletons und nicht breites Thema aller sich als aufrecht demokratisch gerierender politischer Strömungen?

Die zweite Frage gilt dem aktuellen Staatsbürgerrecht, das in seinem Kern nach wie vor ein "Ius Sanguinis", ein "Recht des Blutes", ist. Deutscher wird ein Kind durch Geburt, wenn mindestens ein Elternteil zu dieser Zeit Deutscher ist. Das ist der Regelfall. Die Alternative, zusätzlich jedem in Deutschland Geborenen die deutsche Staatsbürgerschaft zuzuerkennen (und dies unter Inkaufnahme von Doppelstaatigkeiten, wie es im angelsächsischen Rechtskreis Regel ist), war in der Bundesrepublik bisher nicht wirklich durchsetzbar. Diesbezügliche Versuche von Rot/Grün sind krachend gescheitert, sie beflügelten 1999/2000 den Aufstieg eines Roland Koch, der Fremdenfurcht und -feindlichkeit weiter Teile der Bevölkerung für seinen Wahlkampf und später für die Blockade durch den Bundesrat nutzte. Rot-Grün knickte ein; verabschiedet wurde das bis heutige gültige "Optionsmodell", bei dem in Deutschland Geborene zwischen dem 18. und dem 23. Lebensjahr vor einer amtlichen Stelle zu erklären haben, ob sie die Staatsangehörigkeit ihrer Eltern oder die deutsche Staatsangehörigkeit vorziehen. Unterbleibt die Options-Erklärung — aus Unwissenheit, aus Unsicherheit, aus welchen Gründen auch immer — wird dies als (unwiderruflicher) Verzicht auf die deutsche Staatsbürgerschaft gewertet. Erwartungsgemäß hat diese Regelung sich nicht als der große Wurf, den Rot-Grün vorgaben, sondern als kochgefälliger Papiertiger erwiesen; nach anfänglicher Euphorie und ansteigenden Einbürgerungszahlen wirkte das Verfahren nämlich so abschreckend, dass die Zahl derer, die nicht als Abstammungsdeutsche Deutsche werden, bald wieder kaum höher war als vor Einführung des Optionsmodells.

Wenn rechtsgewirkte Akademiker (also, wie zu befürchten steht, Teile der künftigen Elite dieses Landes) heute wieder ungestraft von Abstammungsnachweis und Rasseurkunden schwadronieren dürfen, wenn sie "außereuropäische Morphologie" zur Rechtfertigung von Ausschluss und Ausgrenzung nehmen wollen, ist das nicht nur ein Skandal, der alle zum Schutz der Verfassung installierten Alarmglocken heftigst schrillen lassen sollte. Es ist auch und erst recht ein Anlass, einen neuen Anlauf zu unternehmen zur gründlichen Reform eines Staatsbürgerrechts, das seine teutschen Wurzeln nicht verleugnen kann und nicht verleugnen will und so doppelt schadet: Indem es in Deutschland Geborene, Aufgewachsene und Ausgebildete "mit Migrationshintergrund" den Herkunftsstaaten ihrer Eltern in die Arme treibt. Und indem es den Ewiggestrigen in die Hände spielt.