08 - 12 - 2016

"Ein Erbkranker kostet bis zur Erreichung des 60. Lebensjahres 50.000 RM" — Im Oktober 1939 ergreifen die Nazis mit der "Aktion T 4" nachhaltige Schritte zur Senkung der Kosten im Gesundheitswesen

"Ein Erbkranker kostet bis zur Erreichung des 60. Lebensjahres 50.000 RM" — Im Oktober 1939 ergreifen die Nazis mit der "Aktion T 4" nachhaltige Schritte zur Senkung der Kosten im Gesundheitswesen

Darwin, Hoche, Binding: Nein, vom Himmel gefallen ist sie nicht, und noch nicht einmal eine Leistung erfindungsreicher oder auch nur durchgeknallter Nazis — die Idee, dass, was angeblich in der Natur so gut funktioniere, nämlich die Eliminierung der Schwachen und das Obsiegen der Starken, auf politischem Terrain umgesetzt gehöre. Nur auf diese Weise sei, lehrten Wissenschaftler schon in Weimar, der "Volkskörper" zu gesunden: "Dem Arzte ist gestattet, jegliche Operationen am Einzelmenschen vorzunehmen. Warum soll er dann verhindert sein, chronische Seuchenherde im Volke durch Vernichtung der Seuchenträger zu zerstören? Warum verhindert, Unnütze und Lebensunwerte zu beseitigen, um so der Überwucherung des gesunden Ganzen zuvorzukommen? Solche chirurgischen Eingriff sind dringende Forderungen unserer Zeit. Wir dürfen die Vernichtung des lebensunwerten Lebens nicht der nächsten Generation zuschieben!"

Ach ja, die Sorge um die überforderte nächste Generation! Wofür die schon herhalten musste! Die Nationalsozialisten gebärdeten sich seit ihrem Machtantritt 1933 (erstmals mit dem „Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses", mit dem Zwangssterilisationen erlaubt wurden,) als Vollstrecker von als unabweislich bezeichneten, wissenschaftlich unterfütterten Handlungszwängen. Die "Alternativlosigkeit" regulierender Eingriffe, der späteren Eliminierungsaktionen, wurde dabei sowohl polit-darwinistisch von Experten der Medizin ("Ärzten") wie auch volkswirtschaftlich mit Statistiken und beeindruckendem Rechenwerk legitimiert. "Ein Erbkranker kostet bis zur Erreichung des 60. Lebensjahres 50.000 RM — wieviel Häuser für junge Familien ließen sich dafür bauen!", "Ausgaben für Erbkranke -- Soziale Auswirkungen": Rasse-Atlanten und Faltblätter mit Kosten-Nutzen-Analysen argumentierten zahlengestützt, "objektiv", gegen Kranke und Schwache.

Im Oktober 1939 beendete Hitler monatelange interne Diskussionen über den Umgang mit "Volksschädlingen". Im einem unter das Datum des Kriegsbeginns (1.9.) gesetzten Schreiben beauftragte er den Leiter der "Kanzlei des Führers", Philipp Bouhler, dienstansässig Tiergartenstraße 4, Berlin, und seinen Begleitarzt Dr. med. Brandt, die Befugnisse einzelner Ärzte "so zu erweitern, dass nach menschlichem Ermessen unheilbar Kranken bei kritischster Beurteilung ihres Krankheitszustandes der Gnadentod gewährt werden kann."

"Unheilbar Kranken bei kritischster Beurteilung ihres Krankheitszustandes den Gnadentod gewähren" können — wer wollte das nicht?! Und doch reichte diese Formulierung, (weitere hunderttausend) Menschen "medizinisch" zu ermorden, eingebettet ins System der Heil- und Pflegeanstalten, durch Vergiftung, Medikamentenüberdosierung, Wasser- und Nahrungsentzug: Kranke und Behinderte, Kinder, Erwachsene und Alte, zunächst, bis 1941, zentral gesteuert über "T 4", die Leitung in der Tiergartenstraße 4, später, nach Ende der systematischen Aktion, "wild".

Das Ziel der "Aktion T 4", "lebensunwertes" Leben zu eliminieren, hatte von vornherein eine zentrale ökonomische Dimension in wenigstens zweierlei Hinsicht: Zum einen sei nur der wert, zu leben (am Leben erhalten zu werden), der durch sein Existieren wirtschaftlich zählbare Werte schaffe; zum anderen müsse das Volks (der Volkskörper, die Volkswirtschaft) diejenigen aussondern, deren Kosten-Nutzen-Analyse negativ ausfalle, also Behinderte, unheilbare Kranke, "Arbeitsscheue" usw.. Nur, wer sich rechnet, so die These, habe ein Recht zu leben; wer kostet, wer zur Last fällt, gehöre entfernt. Hier, im Umgang mit den sogenannten "Ballastexistenzen", offenbart sich eine erschreckende Engführung von Faschismus und Renditefixierung. Ein Liberalismus, der bereit ist, guten Zahlen zuliebe den Armen, Alten und Schwachen die Segnungen der Medizin aus Kostengründen vorzuenthalten und damit in Kauf nimmt, über Leichen zu gehen, steht faschistischen Theoremen über das Primat des Wohles der Volksgemeinschaft näher, als seine Protagonisten es wahrhaben wollen. Beide Politiken begegnen sich in ihrer Ignoranz gegenüber der Würde eines Menschen, wie krank und schwach und elend der auch sei, in ihrer Ignoranz und in ihrer maßlosen Menschenverachtung.

Nach den Erfahrungen mit Weimar ist Hellhörigkeit in Zeiten wie diesen überaus angebracht. Wenn etwa "aus Sorge um die nächste Generation" laut darüber nachgedacht wird, ob "85-Jährige noch künstliche Hüftgelenke auf Kosten der Solidargemeinschaft bekommen" sollten, impliziert das nämlich objektiv auch die Frage danach, bis zu welchem Lebensalter einem Menschen medizinische Hilfe noch zu bewilligen sei — respektive die, ab wann eben nicht. Wenn heute auf Kongressen, hinter mehr oder weniger verschlossenen Türen, Ärzte, Kassen und Politiker diskutieren über die "Priorisierung und Kontingentierung von Gesundheitsleistungen", letztlich also über wirtschaftlich "vernünftige" Verteilungs- und Zuweisungsstrategien, ist dem das Nachdenken über Selektion zwangsläufig immanent.

Merke: Ein Mensch ist ein Mensch ist ein Mensch. Das Leben eines Menschen ist kein disponibler, es ist ein absoluter Wert. Schließlich: Nicht alles, was sich rechnet, ist erlaubt.